Nach dem Stechen schwer gezeichnet

Tätowier-Tinten enthalten zum Teil bedenkliche Substanzen – die gesundheitlichen Folgen können gravierend sein.

Tattoos: Skrupellose Hersteller bringen verbotene Pigmente in den Handel. Foto: Getty Images

Tattoos: Skrupellose Hersteller bringen verbotene Pigmente in den Handel. Foto: Getty Images

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«Was Tattoos betrifft, läuft weltweit sozusagen ein grosses, nicht bewilligtes Experiment an Menschen, dessen Ausgang völlig ungewiss ist. Wenn wir Glück haben, wird es nicht so schlimm. Aber nach allem, was wir bisher wissen, können wir das nur hoffen», sagt Christopher Hohl, Chemiker beim Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Tattoo- und Pigmentforschung.

Hohl und seine Kollegen kennen sich wie niemand sonst in der Schweiz mit Tätowierfarben aus. Regelmässig analysieren sie Inhaltsstoffe – und finden stets problematische Substanzen. «Da stehen einem die Haare zu Berge: Bei keinem einzigen Inhaltsstoff und keiner Tätowiertinte wurde je geprüft, ob sie für die Injektion in die Haut geeignet sind.»

«Unter dem Einfluss von Licht zersetzen sich viele Pigmente in der Haut.»Christopher Hohl, Chemiker beim Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt

Mindestens 100 Millionen Menschen in Europa – unter jungen Erwachsenen etwa jeder Fünfte – haben schätzungsweise eines oder mehrere Tattoos. Die Farbstoffe wurden für industrielle Zwecke entwickelt, etwa für Autolacke, zum Färben von Plastik oder Stoffen oder zum Schreiben – nicht aber fürs Tätowieren.


Video: Dieses Tattoo kann sprechen

Sound-Tattoos liegen in den USA derzeit voll im Trend. Video: AFP


Was Hohl besonders beunruhigt: «Unter dem Einfluss von Licht zersetzen sich viele Pigmente in der Haut. Wir wissen, dass dabei krebserregende und andere bedenkliche Substanzen entstehen.» Das kann auch passieren, wenn Tattoos später mit Laser wieder entfernt werden. Bis zu 50 Prozent der Tätowierten stellen ihr Tattoo später infrage, die Zahl der Laserentfernungen steigt jährlich.

Abszess im Rückenmarkskanal

In der Schweiz sind seit 2006 zwar bestimmte Substanzen in den Tätowiertinten verboten. Doch noch immer finden die Basler Kantonschemiker Unerlaubtes. 2015 zum Beispiel wurden 229 Produkte untersucht – und 56 Prozent beanstandet. «Man kann sich nicht immer auf die Packungsangaben verlassen. Skrupellose Hersteller geben dort – fälschlicherweise – erlaubte Pigmente an, um verbotene zu tarnen», sagt Hohl.

Parallel zum Tattoo-Boom häufen sich in der medizinischen Fachliteratur Berichte über Menschen, die vom Tattoo krank wurden. Die Reaktionen können sofort auftreten oder viele Jahre später. Ein paar Beispiele:

  • Ein 59-Jähriger landet sechs Stunden nach dem Tätowieren mit dick geschwollener Zunge im Spital – eine lebensgefährliche Allergie. Über 100 Farb- und mehr als 100 Zusatzstoffe sind beim Tätowieren im Gebrauch. Die Tinten enthalten bis zu 100 Substanzen, darunter Lösungs- und Konservierungsmittel, Antischaummittel, Binder, Metalle wie Nickel, die oft Allergien verursachen, Emulgatoren und Verunreinigungen.
  • Bei bis zu sechs Prozent der Personen kommt es nach dem Tätowieren zu einer Infektion. Auch schwere Komplikationen wie ein Abszess im Rückenmarkskanal oder eine Infektion der Herzklappen sind bekannt. Offen ist, ob die Infektion beim Stechen oder erst später erfolgte. Analysen zeigten aber, dass die Tinten teils erheb­liche Bakterienmengen enthalten.
  • Bei einer 18-Jährigen bricht nach zwei Wochen eine Schuppenflechte im Tattoo aus. Über ein Dutzend Hautkrankheiten können durch Tattoos befördert werden.
  • Eine 42-Jährige bekommt in einem 20 Jahre alten Tattoo Hautknubbel – Zeichen einer ernsten Autoimmunkrankheit.
  • Einem 33-Jährigen wachsen 120 Warzen im Tattoo. Die Tinte kann die Immunabwehr beeinträch­tigen, sodass Warzen-, Herpes- und andere Viren leichtes Spiel haben.
  • Bei einem 38-Jährigen vergrössern sich Lymphknoten. Als der Chirurg sie herausschneidet, sind sie schwarz verfärbt. Es zeigt sich: Es sind Pigmente der 20 Jahre alten Tattoos. Ein Teil der Farbe bleibt in der Haut, ein anderer wird über Blut- oder Lymphbahnen abtransportiert und kann in Lymphknoten und Organen landen.
  • Bei einer 30-Jährigen wuchert im kürzlich gestochenen Tattoo weisser Hautkrebs. Der Zusammenhang kann zufällig sein, es gibt jedoch eine Häufung in roten Tattoos. Mehr als 60 Prozent der verwendeten Farbstoffe sind Azopigmente, aus denen krebserregende Substanzen entstehen können.

«Tattoos polarisieren sehr. Manche verteufeln sie, andere verharmlosen die Risiken», sagt Kristine Heidemeyer, Oberärztin an der Universitätsklinik für Dermato­logie am Inselspital Bern. Ihrer Erfahrung nach verursachen Tattoos «nur in Ausnahmefällen» Probleme. «Ist jemand gesund und hat weder Allergien, Hautkrankheiten noch Autoimmunerkrankungen, dann gibt es nur ganz selten Komplikationen. Wir sehen an unserer Klinik ein- bis zweimal pro Jahr solche Patienten.»

Deutlich mehr sind es am Universitätsspital Zürich (USZ). «Zu uns kommen etwa ein bis zwei ­Patienten pro Monat wegen Komplikationen mit einem Tattoo», sagt Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation an der Dermatologischen Klinik des USZ. Zu den Komplikationen zählen neben Ekzemen als Folge von Kontaktallergien auch Infektionen oder gutartige Knötchenbildungen, sogenannte Granulome.

«Hinterhof-Tätowierer» arbeiten oft ungygienisch

Schätzungen zufolge sollen etwa zwei Prozent der Tätowierten starke Beschwerden bekommen – doch auch hier fehlen bisher systema­tische Untersuchungen.

«Zu uns kommen oft Kunden mit Infektionen oder Allergien, die sich bei irgendeinem ‹Hinterhof-Tätowierer› haben stechen lassen», sagt Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizerischer Berufstätowierer. Er warnt eindringlich vor solchen fachlich und hygienisch völlig ungenügend arbeitenden «Kollegen», die schlechte Tattoos zum Spottpreis anböten. «Und wir dürfen es dann richten.»

«Melkfett zur Nachbehandlung – das gibt es öfter, als man denkt.»Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizerischer Berufstätowierer

Neben den etwa 650 offiziellen Tätowierstudios in der Schweiz gibt es laut Grossenbacher mehr als doppelt so viele inoffizielle. «Billigfarben aus China, derselbe Farbtopf und die gleichen Nadeln für alle Kunden am gleichen Tag, Melkfett zur Nachbehandlung – das gibt es öfter, als man denkt.» Wenn sich dann jemand infiziere, sei es kein Wunder. Immerhin, so Grossenbacher, würden die meisten Komplikationen bei rascher ärztlicher Behandlung narbenfrei abheilen. Dass so viele ihr Tattoo später bereuen, sei meist den «Hinterhof-Tätowierern» zuzuschreiben.

Hautärztin Heidemeyer warnt vor allem vor den Farben Beige, Pink und Gelb: «Will man die später mit einem Laser wieder entfernen, kann es zum Farbumschlag kommen. Eine pinkfarben tätowierte Lippe kann dann schwarz oder orangefarben werden oder eine beige Hautstelle violett. Das bringt man nicht mehr weg.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.08.2018, 20:48 Uhr

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