Nationalfonds liess gefällige Experten zu

Beim wichtigsten Forschungsförderer konnten Wissenschaftler selber Gutachter nominieren.

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) wurde 1952 zur Forschungsförderung eingerichtet. Foto: Keystone

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) wurde 1952 zur Forschungsförderung eingerichtet. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) vergleicht sein ­Bewerbungsprozedere mit einem Gesangs-Casting oder einem Orchester-Probespiel. «Da wir die besten Projekte suchen, muss unser Auswahlverfahren ebenfalls top sein», lässt sich Matthias Egger, seit 2017 Präsident des Forschungs­rates, auf der Website zitieren.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie, die der SNF selber in Auftrag gegeben hat, zeigt jedoch ein anderes Bild. Über Jahre litt das Auswahlverfahren an einer offensichtlichen Schwäche. Beim Nationalfonds war es früher eine gängige Praxis, dass die Wissenschaftler, die sich um Fördergelder bemühten, selber eine Liste mit ­gewünschten Gutachtern einreichen konnten.

Selber ausgewählte Gutachter verteilen bessere Noten

In der SNF-Studie wurden über 12'000 Gesuche zwischen 2006 und 2016 analysiert. Der wenig überraschende Befund: Gutachter, die von den Antragsstellern selber ausgewählt wurden, bewerteten die eingereichten Arbeiten deutlich besser. Über 40 Prozent der so ausgewählten Experten gaben den Forschungsprojekten die Maximalnote 6. Bei den vom Nationalfonds nominierten Gutachtern waren es weniger als 20 Prozent.

Insgesamt zeigt die Studie, dass von den Antragsstellern ausgewählte Gutachter im Mittel eine um eine halbe Note bessere Bewertung verteilen. «Wir waren selber überrascht, wie deutlich der Unterschied war», sagt SNF-Forschungsratspräsident Matthias Egger.

Das Resultat ist forschungspolitisch brisant, da die Gutachter im Bewerbungsprozess eine wichtige Rolle einnehmen. Aufgrund ihrer Bewertung geben Mitglieder des SNF-Forschungsrats eine Empfehlung darüber ab, ob die Gesuche mit Bundesgeldern gefördert werden sollen. Dabei geht es um Millionenbeträge. Der SNF ist der wichtigste Geldgeber für hiesige Forschung. Alleine 2017 verteilte er für knapp 3000 Projekte über eine Milliarde Franken an Bundesbeiträgen. Tendenz: steigend. Entsprechend wichtig ist es für den Forschungsstandort Schweiz, dass der SNF fair entscheidet, welche Projekte gefördert werden.

Aktuell ist es einzig möglich, eine «Negativliste» mit Gutachtern, die man nicht tolerieren möchte, einzureichen.

Die Resultate der Studie seien «ein starker Hinweis» darauf, dass von den Forschern ausgewählte Gutachter voreingenommen seien, so Egger. Der SNF hat umgehend reagiert. Schon 2016 wurde die fragwürdige Gutachter-Praxis abgeschafft. Publik wurde dieser Praxiswechsel aber erst jetzt, drei Jahre später.

Aktuell ist es einzig möglich, eine «Negativliste» mit Gutachtern, die man nicht tolerieren möchte, einzureichen. So soll verhindert werden, dass Konkurrenten im wissenschaftlichen Betrieb absichtlich schlechte Noten verteilen, um ihre Rivalen zu schwächen.

Inwiefern Forscher und Gutachter verbandelt sind, wurde über Jahre nicht vertieft abgeklärt. Gutachter, die mit Antragsstellern zusammen wissenschaftlich publiziert oder sonst zusammengearbeitet hätten, seien ausgeschlossen worden, so Egger. «Weitere Abklärungen über das Verhältnis zwischen Gutachter und Antragssteller hat der Nationalfonds aber nicht getroffen.» Allerdings habe man «offensichtlich oberflächliche Gutachten» bisher ohnehin ignoriert. Egger weist auch darauf hin, dass keine Gesuche ausschliesslich durch von den Wissenschaftlern ausgewählte Gutachter beurteilt wurden.

Jetzt wird untersucht, ob Geld an falsche Projekte floss

Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass die Auswahl von genehmen Gutachtern dazu geführt hat, dass gewisse Forschungsprojekte aufgrund einer zu hohen Experten-Benotung ungerechtfertigt Bundesgelder erhalten haben. Der SNF will dem jetzt nachgehen. «Ob Projekte mit von den Antragsstellern ausgewählten Gutachtern eher finanziert wurden, ist im Moment unklar, wir werden dies aber ebenfalls untersuchen», sagt Egger.

Die Studie zeigt auch andere ­Effekte, die Fragen an der Ver­gabepraxis aufwerfen: So haben Frauen schlechtere Noten als Männer und ältere Forscher bessere ­Noten als jüngere erhalten. Egger sagt: «In den letzten Jahren ist beim Nationalfonds die Erkenntnis gewachsen, dass wir die eigene Vergabepraxis laufend kritisch reflektieren und wenn möglich verbessern wollen.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 05.05.2019, 18:52 Uhr

Artikel zum Thema

Uni Zürich deklariert ihre Geldgeber

315 Millionen Franken: So viel nahm die Hochschule letztes Jahr durch Drittmittel ein. Nun legt sie offen, von wem dieses Geld stammt. Mehr...

Die Jagd nach dem niet- und nagelfesten ADHS-Test

Infografik Weltweit wird nach sogenannten Biomarkern für ADHS gesucht – nun wollen Schweizer Forscher einen gefunden haben. Mehr...

Cannabis aus der Apotheke? Kiffer-Studie testet Legalisierung

SonntagsZeitung Hunderte notorische Kiffer sollen in Bern bald legal Cannabis in Apotheken beziehen – angebaut werden dafür bis zu 600 Kilo Hanf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...