Nein, Masern-Impfungen verursachen nicht Autismus

Die Masern breiten sich aus, weil sich zu viele nicht impfen lassen – wegen einer gefälschten Studie aus dem Jahr 1998.

Ein Pikser in den Arm gegen Masern und ein Stich ins Herz von Impfgegnern: Die MMR-Vakzine kann keinen Autismus auslösen. Foto: Getty Images

Ein Pikser in den Arm gegen Masern und ein Stich ins Herz von Impfgegnern: Die MMR-Vakzine kann keinen Autismus auslösen. Foto: Getty Images

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Es sind beunruhigende Zahlen: In der Schweiz haben die Masern­fälle in den letzten zwei Monaten im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 300 Prozent zugenommen. 15 Prozent der Erkrankten mussten ins Spital, jeder 16. bekam zusätzlich eine Lungenentzündung, ein Patient sogar eine Hirnhautentzündung. Die Schweiz ist mit diesem Trend nicht allein, auch in den USA, Osteuropa und Italien erkranken wieder mehr Menschen an Masern, obwohl es eine Impfung gegen die Krankheit gibt.

Gerade rechtzeitig kommt da eine grosse dänische Studie. Sie zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Impfung gegen Masern/Mumpf/Röteln (MMR) keinen Autismus verursachen kann. Manche Eltern lassen ihre Kinder nicht impfen, weil sie Meldungen glauben, die beteuern, die Impfung könne Autismus auslösen.

Für ihre Studie konnten die Forscher auf eine sehr breite Datenbasis zurückgreifen. Die Dänen haben ein zentrales Gesundheits­register; dort sind alle Kinder und ihre Krankheiten registriert, was Wissenschaftlern hervorragende Bedingungen für grosse Studien bietet. Das Team um den Epidemiologen Anders Hviid stützt seine Analyse auf die Informationen von mehr als 600'000 Kindern, die zwischen 1999 und 2010 in Dänemark zur Welt kamen.

Zusammenhang zwischen Autismus und Impfung klar widerlegt

«Die Impfgegner sind eine kleine, aber laute Gruppe», sagt Hviid. «Wir wollen besorgten Eltern mit unserer Studie nochmals ganz klar zeigen, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus gibt, egal, was manche Websites im Internet behaupten.» Es hat schon mehrere Studien gegeben, die den angeb­lichen Zusammenhang zwischen Autismus und der MMR-Impfung klar widerlegt haben. Die dänischen Forscher haben nun zusätzlich einige Argumente aufgenommen, die Impfgegner jeweils anführen: So haben sie Kinder, die ein erhöhtes familiäres Risiko für Autismus haben, besonders untersucht. Selbst in dieser Gruppe sorgte die Impfung nicht für mehr Autismusfälle. Auch den zeitlichen Ablauf haben die Dänen genau analysiert. In den Monaten nach den Impfungen stellten sie keine Häufung von Autismusdiagnosen bei den geimpften Kindern fest.

«Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit», sagt Christoph Berger, der am Kinderspital Zürich die Abteilung für ansteckende Krankheiten leitet und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen ist. Bei einer Masern­erkrankung komme es nicht selten zu gefährlichen Komplikationen. Gerade Hirnhautentzündungen können bei Kindern zu bleibenden Behinderungen führen. Das Masernvirus ist hoch­an­ste­ckend, viel ansteckender beispielsweise als die Grippe. Besonders schlimm trifft es oft auch Erwachsene, die an Masern erkranken.

Eine gefälschte Studie war schuld an dem Gerücht

In die Welt gesetzt hatte die Falschmeldung vom Autismus ein englischer Arzt im Jahr 1998. Andrew Wakefield hat seine Zulassung als Mediziner inzwischen verloren. Doch der Schaden, den seine fehlerhafte Arbeit angerichtet hat, hallt auch 20 Jahre später noch nach. Für seine Studie hatte Wakefield nur zwölf Kinder untersucht, in der neuen dänischen ­Studie sind es 657'461. Acht der zwölf Kinder hätten sich nach Angaben der Eltern nach der Impfung auffällig verhalten. Ein Journalist der «Sunday Times» wies ­einige Jahre später nach, dass Wakefield verschiedene gesundheitliche Daten der Kinder wissentlich verfälscht hatte. Eine Kontrollgruppe gab es nicht. Während bereits diese Datenlage weit davon entfernt ist, irgendwelche Kriterien für eine medizinische Studie zu erfüllen, verschwieg Wakefield zudem, dass ein Anti-Impf-Aktivist die Eltern und ihre Kinder organisiert hatte.

Es ist beinahe unglaublich, dass der dilettantische Versuch, eine millionenfach erprobte Impfung, die unzählige Leben gerettet hat, derart diskreditieren konnte, eine so lange Wirkung hat und noch heute auf dem Internet Verbreitung findet. «Wir sind verwöhnt», sagt Berger. «Wir erleben nicht mehr sehr oft, wie Menschen an Masern sterben.» Bevor die Impfung in den 1960er-Jahren auf den Markt kam, starben laut einer US-Studie jährlich rund vier Millionen Kinder weltweit an Masern. Obwohl es mittlerweile eine sehr wirksame Impfung gibt, starben 2017 noch immer 110'000 ungeimpfte Menschen an Masern, vor allem Kinder unter fünf Jahren.

Viren können Immunsystem für Monate schädigen

Ein amerikanisches Forscherteam um den Harvard-Infektiologen ­Michael J. Mina zeigte ausserdem vor wenigen Jahren, dass die ­Masern auch bei jenen, die sie ohne Folgeschäden überstehen, eine ­bisher wenig beachtete Wirkung haben: Masern schwächen das Immun­system nicht nur während der Krankheit, sondern noch mehrere Monate danach, in einigen Fällen sogar für Jahre. Vereinfacht gesagt, ist das Immunsystem wegen des aggressiven Masernvirus so ­beschäftigt, dass es keine Zeit mehr hat, sich um andere potenziell gefährliche Angreifer zu kümmern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte die Masern ganz ausrotten, so wie das bei den Pocken gelungen ist. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unterstützt dieses Vorhaben. Die Schweiz hat im Moment eine Durchimpfungsquote von 87 Prozent bei den 2-Jährigen und 93 Prozent bei den 16-Jährigen. Damit es keine Masernfälle mehr gibt, müssten sich noch mehr Menschen impfen lassen. 95 Prozent aller Kinder und alle nach 1963 geborenen Erwachsenen müssten mit mindestens zwei Impfdosen geschützt sein.

«Die Impfgegner vergessen oft, dass man mit der Impfung auch Menschen schützt, die selbst keinen Schutz haben.»Christoph Berger

«Die Impfgegner vergessen oft, dass man mit der Impfung auch Menschen schützt, die selbst keinen Schutz haben», sagt Berger. Wenn jemand beispielsweise wegen einer Krebserkrankung eine Chemotherapie machen muss, ist sein Immunsystem geschwächt. In der Schweiz gab es vor zwei Jahren einen tragischen Todesfall. Ein 26-jähriger Mann hatte eine siebenmonatige Chemotherapie wegen einer Leukämie hinter sich. Diese Krankheit hatte er knapp überstanden, als er sich bei jemandem, der sich nicht hatte impfen lassen, mit Masern ansteckte. Neun Tage später war der junge Mann tot.

Was Autismus tatsächlich verursacht, weiss man noch nicht genau. Autismus ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns. Es gibt sehr viele verschiedene Ausprägungen; auch die Einschränkungen der Betroffenen unterscheiden sich stark. Klar ist, dass es verschiedene Gene gibt, die einen Menschen anfälliger für eine Autismusstörung machen. Tatsächlich kommt Autismus familiär gehäuft vor. Leidet ein Zwilling an Autismus, so hat der andere Zwilling ein bis zu 90-prozentiges Risiko, die Störung auch zu entwickeln.

Erstellt: 14.03.2019, 19:15 Uhr

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