Neues Alzheimermedikament wirkt über den Darm

Die Substanz GV-971 wird in China zugelassen. Europäische Experten finden den Ansatz interessant.

Der Wirkstoff GV-971 wird aus Braunalgen gewonnen: Er hilft, die Alzheimer­krankheit zu verzögern. Foto: Getty Images

Der Wirkstoff GV-971 wird aus Braunalgen gewonnen: Er hilft, die Alzheimer­krankheit zu verzögern. Foto: Getty Images

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In den letzten Jahren sind zahlreiche Studien mit neuen Alzheimermedikamenten gescheitert. Zuletzt eine Substanz, die das US-Biotechunternehmen Biogen zusammen mit dem japanischen Kooperationspartner Eisai getestet hatte. Im September gaben die Firmen bekannt, dass zwei Studien mit insgesamt 2100 Patienten, die eine beginnende Alzheimererkrankung zeigten, gestoppt werden mussten. Der Wirkstoff Elenbecestat habe ein «ungünstiges Risiko-Nutzen-Verhältnis» gezeigt, sprich: Die Nebenwirkungen war stärker als die Wirkung.

Andere grosse Patientenstudien wurden vorzeitig abgebrochen, weil die Medikamente für die Betroffenen schlicht keine Verbesserung brachten. Dazu gehören die Antikörper Aducanumab von Biogen und Eisai oder Crenezumab von den Schweizer Firmen AC Immune und Roche. Bei den Studienteilnehmern schritt das Vergessen unerbittlich fort. Die Studien wurden daher Anfang Jahr eingestellt.

«Die Forscher sollten offen sein für neue Ansätze.»Lutz Frölich, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim

Die meisten der gescheiterten Substanzen zielten auf ein bestimmtes Eiweissbruchstück, das sogenannte Beta-Amyloid. Dieses lagert sich im Gehirn krankhaft ab und führt – so vermuten Alzheimerexperten – zum Absterben der Nervenzellen. Antikörper, die Beta-Amyloid aus dem Gehirn fischen sollen, erwiesen sich allerdings bisher als ebenso wirkungslos wie Substanzen, die verhindern sollten, dass Beta-Amyloid überhaupt erst entsteht, wie die sogenannten BACE-Hemmer, zu denen Elenbecestat gehört.

Jedes Mal, wenn wieder eine grosse Studie scheitert, wird die Frage lauter: Setzen die Medikamentenentwickler auf das richtige Molekül? Ist Beta-Amyloid das beste ­Angriffsziel? «Die Forscher sollten offen sein für neue Ansätze», findet Lutz Frölich vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Einige Patienten von Frölich waren an den Studien beteiligt. Vielleicht sei nicht das Beta-Amyloid die Hauptursache für das Nervensterben, sondern defekte «Aufräumprozesse im alternden Gehirn». Also die Beseitigung des unerwünschten Beta-Amyloid, ein Prozess, der zu chronischen Entzündungen im Gehirn führen kann.

Nach fast 20 Jahren endlich wieder ein Anti-Alzheimer-Mittel

Genau dort setzt ein neues Medikament an. Trotz der dunklen Reihe von gescheiterten Studien könnte jetzt ein kleiner Lichtblick aufblitzen. Weltweit wird nach fast 20 Jahren wieder ein Medikament gegen Alzheimer auf den Markt kommen – zunächst in China. Das kündigt die Firma Shanghai Green Valley Pharmaceutical an. Verblüffend ist dabei, dass die Substanz mit dem kryptischen Namen GV-971 nicht primär im Gehirn ansetzt – sondern im Darm.

Hinter dem Namen GV-971 verbirgt sich ein langes Zuckermolekül, gewonnen aus Braunalgen. Wie es über den Darm aufs Gehirn wirken soll, war bisher unklar. Kürzlich haben die Forscher um Meiyu Geng vom Shanghai Institute of Materia Medica der chinesischen Wissenschaftsakademie jedoch einen «potenziellen Mechanismus» vorgestellt, den sie an Mäusen erforscht haben. Die Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal «Cell Research».

Möglicherweise seien Darmbakterien daran beteiligt, im Gehirn Mikrogliazellen zu aktivieren. Die Mikrogliazellen übernehmen eine wichtige Funktion. Ähnlich wie die weissen Blutkörperchen des Immunsystems sind sie es, welche die Abfälle im Gehirn beseitigen und dabei chronische Nervenentzündungen auslösen können. Die Mikrogliazellen zerstören die Kommunikation der Nervenzellen untereinander und so auch das Gedächtnis.

«Viele der Krankheitsprozesse finden ausserhalb des Gehirns statt.»Maria Teresa Ferretti, Universität Zürich

In den Versuchen mit Mäusen, die eine Alzheimer-ähnliche Krankheit entwickeln, fiel auf, dass deren Darmmikroben abnorme Mengen bestimmter Aminosäuren herstellen – im Vergleich zu gesunden Mäusen. Diese Aminosäuren begünstigen, dass Immunzellen vom Blut ins Gehirn wandern und dort die Mikrogliazellen aktivieren. So könnten über den Darm die Entzündungen im Gehirn begünstigt werden.

Maria Teresa Ferretti von der Universität Zürich sieht in dem Ansatz ein grosses Potenzial. «Wir haben uns bereits von der Idee verabschiedet, dass Alzheimer ausschliesslich eine Gehirnkrankheit ist», sagt die Grundlagenforscherin. «Viele der Krankheitsprozesse finden ausserhalb des Gehirns statt.» Zudem gebe es zahlreiche Hinweise, dass vor allem die Abläufe im Darm wichtig für die Entstehung der Krankheit sein könnten.

In China wird der Wirkstoff GV-971 aufgrund einer Studie mit über 800 Patienten zugelassen, die milde bis moderate Alzheimersymptome zeigten. Die Studienteilnehmer hatten das Medikament oder ein Placebo 36 Wochen lang zweimal täglich geschluckt. Die Ergebnisse hatte die Firma letztes Jahr auf Konferenzen vorgestellt, in einem Fachjournal sind sie noch nicht veröffentlicht. Bereits nach vier Wochen hätten die Patienten, die das Präparat bekamen, in einem standardisierten Test kognitive Verbesserungen gezeigt, schreibt die Firma auf ihrer Website.

Für Euphorie ist es noch viel zu früh

Lutz Frölich möchte den Patienten nicht allzu grosse Hoffnungen machen: «Ich bin erst einmal skeptisch», sagt der Mediziner, zu viele Studien habe er schon scheitern sehen. Die bisherigen Medikamente, die für Alzheimerpatienten erhältlich sind, können den Verlust der kognitiven Fähigkeiten lediglich verzögern, nicht aufhalten.

Die Substanz GV-971 würde sowieso erst dann in Europa auf den Markt kommen, wenn hier entsprechende Studien erfolgreich abgeschlossen werden. «Dabei liegen die Anforderungen noch etwas höher als in China», sagt Frölich. Generell habe man in den letzten Jahren auch aus den gescheiterten Studien viel gelernt. «Für die Patienten aber, die derzeit an Alzheimer erkrankt sind, ist keine schnelle medikamentöse Hilfe in Aussicht», bedauert Frölich.

Maria Teresa Ferretti ist für die Zukunft aber optimistisch. «Es wird allerdings nicht ein einziges Medikament geben, das allen Erkrankten hilft», ist sie überzeugt. Beispielsweise sei die Zusammensetzung der Darmmikroben individuell sehr unterschiedlich, zwischen einzelnen Alzheimerpatienten ebenso wie bei gesunden Personen – je nach genetischer Ausstattung, Alter, Geschlecht oder Lebensstil. Die Forscher bräuchten nun viele Daten, die helfen sollen, einmal personalisierte Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen für die Patienten zu entwickeln. Zudem wird sich zeigen, ob die neuen Medikamente im Gehirn am besten wirken oder im Darm.

Alzheimer-Telefon: 058 058 80 00, Mo–Fr, 8–12 Uhr und 13.30–17 Uhr; www.alzheimer-schweiz.ch



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Erstellt: 13.10.2019, 21:35 Uhr

In Zahlen

60
Prozent aller Demenzerkrankungen gehen auf das Konto der Alzheimerkrankheit.

4
Jede vierte Frau im Alter von 84 bis 89 Jahren ist dement.

157'000
Demenzpatienten gibt es in der Schweiz, jedes Jahr erkranken 29'000 Menschen neu daran.

65
Prozent der Demenzpatienten sind Frauen.

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