Null Bock auf Woodstock

50 Jahre nach dem legendären ­Festival ist der Mythos der Hippiekultur am Boden. Was das mit der Gegenwart zu tun hat.

Woodstock 1969: 500'000 kamen, um «Peace & Music» zu erleben – und den Auftritt von Joe Cocker. Foto: Redferns/Getty Images

Woodstock 1969: 500'000 kamen, um «Peace & Music» zu erleben – und den Auftritt von Joe Cocker. Foto: Redferns/Getty Images

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Drei Tage voller «Love, Peace & Music»: Das versprachen die Veranstalter, als sie im Frühling das Programm des Woodstock-Jubiläums-Festivals bekannt gaben. Und damit den Mythos des Urfestivals, das im viel besungenen Sommer 1969 stattgefunden hat, mit frischen Bildern befeuern wollten – dank eines wild durchmischten Programms, das alte Helden wie Carlos Santana mit gegenwärtigen Stars wie Jay-Z oder Miley Cyrus verbindet.

Doch den Organisatoren kam etwas dazwischen, das gerne ausgeblendet wird, wenn über Woodstock und die Hippiekultur gesprochen wird: das schnöde Geld. Ende April zog der Hauptinvestor des Festivals seine zugesagten Millionen zurück, der Anlass werde der Marke Woodstock nicht gerecht, hiess es. Zudem könne die Sicherheit der Künstler und des Publikums nicht gewährleistet werden. Seither kämpft Organisator Michael Lang, der als 24-Jähriger das ursprüngliche Festival veranstaltet hat, um «Woodstock 50» und neue Investoren. Tickets sind bis heute nicht in den Verkauf gelangt.

Das Ringen um das Woodstock-Jubiläum wirft auch ein Schlaglicht auf die Festivalkultur der Gegenwart. Die Festivalgänger von heute können sich ihre Veranstaltung aus einem schon fast grotesken Überangebot aussuchen. Sie geben sich ja längst nicht mehr zufrieden mit den Musikprogrammen, auch weil diese allzu sehr auf die immer gleichen Stars setzen. Und wenn das Line-up wider Erwarten dann doch nicht den Vorstellungen der Kundschaft entspricht, kann sie via Social Media einen Shitstorm anzetteln. Wichtiger sind ein gewisser Komfort, ein vielfältiges Essensangebot und eine Instagram-taugliche Kulisse, die heute schon fast vorausgesetzt wird. Auch vor diesen veränderten Erwartungen wurde ein Desaster wie das Fyre-Festival erst möglich – und hinterliess 2017 in der Karibik gestrandete Super Rich Kids.

Coachella 2019: Die Show ist perfekt durchchoreografiert – für die Zuschauer, die via Livestream dabei sind. Foto: Getty Image

Idealismus und ein gegenkultureller Geist, aus dem sich die Festivalkultur seit ihrem Entstehen jahrzehntelang genährt hat, wirken im Gegensatz zu solchen Events aus der Zeit gefallen. Es sei denn, man hat sich Tickets für das Roskilde Festival in Dänemark ergattert, das alle Einnahmen an soziale Projekte spendet. Oder man besucht das englische Glastonbury, das sich dank des guruähnlichen Veranstalters Michael Eavis noch immer einen widerspenstigen Geist erhalten konnte. Und den Businessaspekt so weiterhin übertünchen kann.

Neben diesen Ausnahmen – zu denen auch das Paléo Festival in Nyon zu zählen ist – bestimmen durchdesignte Events wie Coachella in der kalifornischen Wüste zunehmend unsere Vorstellungen, was ein Festival ist: Via Live­stream finden diese auf die Smartphones, und manche Performer wie der diesjährige Headliner Childish Gambino haben ihre Show perfekt für das Publikum zu Hause durchchoreografiert. Die Fans vor Ort wirken in den Aufzeichnungen fast so, als seien sie apathische Statisten – auch weil sie der Performer gebeten hat, die Smartphones wegzulegen. Fast schien es so, als wüssten die Festivalfans nicht, was sie hier überhaupt machen: Musik hören? Einem Konzert wirklich Aufmerksamkeit schenken? Welch abwegige Ideen dies doch sind.

Ein Zurück in die Woodstock-Vergangenheit scheint also unmöglich – auch, weil die behördlichen Vorschriften und Auflagen heute ganz andere sind als damals. Wobei: Wer möchte schon zurück nach Woodstock? Ein Musikprogramm wie 1969 würde man heute, in dem die Diskussion um Frauenquoten auch im Konzertbusiness endlich geführt wird, keinem Veranstalter mehr durchgehen lassen: Neben Ausnahmen wie Janis Joplin, Melanie oder Joan Baez beherrschten fast ausschliesslich Männer die Bühnen.

Die drei Tage im New Yorker Hinterland waren ja nicht nur voll mit «Peace & Music», wie das damalige Motto versprach, sondern es waren auch Tage des Chaos. Im dreieinhalbstündigen Film, der 1970 in die Kinos kam, sieht man neben den Flügen über das 500'000-köpfige Publikum und idyllischen Bildern aus dem Yoga-Camp, wie zahllose Autos alle Strassen verstopften. Es ist auch zu sehen, wie das Feld, auf dem sich die «beautiful people» versammelt haben und dem Unwetter mehr schlecht als recht trotzten, beinahe zu einem Katastrophengebiet wurde: Einige waren froh darum, dass die verhasste US-Armee Helikopter vorbeischickte, um Versehrte zu evakuieren. Und als Jimi Hendrix die US-Hymne zertrümmerte, war kaum jemand mehr da. Das verwaiste Feld glich in diesem rockhistorischen Moment einem Meer aus Abfall.

Einen historischen Momentkann man nicht nachinszenieren

Der deutsche Musikjournalist Jens Balzer erinnert gleich zu Beginn seines neuen Buchs «Das entfesselte Jahrzehnt – Sound und Geist der 70er» daran, dass Woodstock erst durch den Film und den gleichnamigen Song der Sängerin Joni Mitchell zum Mythos wurde, der noch heute nachwirkt. Zunächst überwog ja der Kater und die Irritiation, die sich auch in Kritiken niedergeschlagen habe. Doch, so schreibt Balzer: «Im Rückblick ist es gerade das Zu-gross-Geratene, Aus-dem-Ruder-Gelaufene von Woodstock, aus dem sich der Mythos speist, das Gefühl, dass sich hier etwas Einzigartiges, nie Dagewesenes und auch nie Wiederkehrendes ereignet hat.»

Vielleicht liegt in dieser Erklärung der Grund, warum «Woodstock 50» mit derartigen Problemen kämpft. Einen historischen Moment kann man nun mal nicht mehr nachinszenieren. Als es 1999 die Veranstalter zum letzten Mal mit einer Woodstock-Neuauflage versuchten, endete das Festival mit Brandstiftungen und Vergewaltigungen.

So gibt sich nur einer unbeirrt. Es ist der geldsuchende Michael Lang, der 1969, als die Zäune längst niedergerissen waren, dem Publikum zurief: «Das Konzert ist nun gratis. Die Leute, die das Geld aufgetrieben haben, werden viel verlieren. Doch Wohlbefinden und die Musik sind viel wichtiger als Profit.»



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Erstellt: 25.05.2019, 21:38 Uhr

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