Oxfam am Abgrund

Nachdem Mitarbeiter die Not der Betroffenen in Krisengebieten sexuell ausgebeutet hatten, verlor die englische Hilfsorganisation jegliche Kredit- und Glaubwürdigkeit.

Neben Hilfe gab es auch schamlose Übergriffe: WC-Anlagen von Oxfam in Port-au-Prince auf Haiti. Foto: Getty Images

Neben Hilfe gab es auch schamlose Übergriffe: WC-Anlagen von Oxfam in Port-au-Prince auf Haiti. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Samstag herrschte bei Oxfam Weltuntergangsstimmung. Der seit zehn Tagen befürchtete Bescheid aus London hatte die Zentrale der berühmten Hilfsorganisation in Oxford erschüttert. Und Bestürzung ausgelöst. Am Abend zuvor hatte die britische Regierung der ältesten karitativen Institution des Landes die Unterstützung entzogen. Entwicklungs­hilfe-Ministerin Penny Mordaunt hatte bestätigt, dass Oxfam fürs Erste keine weiteren Staatsgelder erhalten werde. Laufende Projekte würden noch finanziert. Danach sei die Organisation auf sich gestellt.

Präsentiert wurde der Beschluss auf die feine englische Art: Oxfam selbst musste erklären, keine Staatszuschüsse mehr zu beantragen, solange Zweifel an ihren Operationen bestünden. Bezichtigt hatte Mordaunt die Organisation schon vorher des «totalen Verrats» an ihren hehren Zielen. Nach der jüngsten Enthüllung sexueller Missbrauchsfälle, die jahrelang verschwiegen worden seien, habe Oxfam «eine weite Strecke» zurückzulegen, bis man der Organisation wieder vertrauen könne.

Bilder: Der Oxfam-Skandal

Vor zwei Wochen wäre eine solche Strafaktion gegen die renommierteste Wohlfahrtsorganisation auf der Insel undenkbar gewesen. Der 75 Jahre alte Verband, der während des Zweiten Weltkriegs von Quäkern und Akademikern als politische Speerspitze gegen Hungersnot und menschliches Elend fernab der britischen Küsten gegründet wurde, genoss in der Heimat einen tadellosen Ruf.

Oxfam wurde Teil des nationalen Selbstverständnisses: ein Markenzeichen humanitärer Gesinnung und entschlossener Eigen­initiative im Königreich. Vor allem war und ist sie allen Briten wohlvertraut, nicht nur durch ihre Aktivitäten in Afrika oder Asien, sondern auch, weil sie in Grossbritannien rund 750 Oxfam-Läden betreibt. Auf jeder High Street, jeder grossen Geschäftsstrasse, stösst man auf das grüne Emblem. Dorthin entsorgt, wer etwas zu den Aktivitäten der Organisation beitragen will, traditionell Secondhand-Bücher, alte Kleider und andere Dinge, die noch materiellen Wert haben. Freiwillige sortieren, verkaufen, sammeln Spenden. Schüler bieten sich zu Ferienzeiten als Helfer an.

Grafik vergrössern

Ob sie das auch weiter tun, ob demnächst überhaupt noch Spenden in die Kassen fliessen, das ist jetzt bei Oxfam die bange Frage. In der letzten Woche haben schon Tausende ihre Daueraufträge storniert. Prominente Schutzherren und reiche Sponsoren beginnen abzurücken von der Institution, mit der sie sich in der Vergangenheit immer gern assoziiert sahen.

Ausser den 32 Millionen Pfund aus dem britischen Entwicklungshilfe-Ministerium drohen nun 29 Millionen aus der EU-Kasse und möglicherweise Gelder der Weltbank wegzufallen. Mit einem Mal fürchtet der Verband mit 2500 Festangestellten und 31'000 Freiwilligen, an einem Abgrund zu stehen.

Projekt für 250'000 Menschen könnte kollabieren

Die Kaufhaus-Kette John Lewis droht bereits eine halbe Million Pfund zu streichen, mit denen Oxfam bisher 25'000 Kinder und Frauen in den Slums von Bangladesh versorgte. Ein Projekt für eine Viertelmillion Menschen in Afrika und im Irak könnte kollabieren, weil sich die schwedische Partnerorganisation Sida nicht mehr sicher ist, ob sie weiter mit Oxfam im Bunde stehen will.

Ausgelöst hat die Oxfam-Krise die Aufdeckung einer Reihe übler Vorgänge, von denen der Verband angeblich seit langem wusste, die er aber nicht an die Öffentlichkeit dringen lassen wollte. Nach Recherchen der Londoner «Times» hatten nach der Erdbeben-Kata­strophe von Haiti im Jahr 2010 Oxfam-Mitarbeiter Frauen und junge Mädchen in ihre Unterkünfte geschleust, um «Sexorgien» zu feiern. Die «Prostituierten» kamen offenbar aus dem Katastrophenumfeld. Es sollen auch Kinder unter ihnen gewesen sein.

Der damalige Oxfam-Leiter der Haiti-Hilfe, der Belgier Roland van Hauwermeiren, und sieben seiner Mitarbeiter wurden intern beschuldigt, die Not der Betroffenen schamlos ausgebeutet zu haben. Um die Sache nicht an die grosse Glocke zu hängen, bot Oxfam Van Hauwermeiren einen stillschweigenden Ausstieg aus der Organisation an. Inzwischen ist auch bekannt, dass der Belgier schon bei früheren Einsätzen in Liberia, für die französische Organisation Merlin, und im Tschad, bereits für Oxfam, in Verruf geriet. Bei allen Vorfällen wurde aber Stillschweigen bewahrt. Van Hauwermeiren wurde jeweils diskret weitergeschoben, und einer der Männer, der wegen Haiti zusammen mit ihm entlassen wurde, wurde von Oxfam später sogar vorübergehend wieder eingestellt. Van Hauwermeiren selbst hat sich inzwischen gewehrt gegen «Lügen und Übertreibungen» in den Medien. Er räumte aber ein, «kein Heiliger» gewesen zu sein.

Chaos und Korruption statt Recht und Ordnung

Zugegeben hat er sexuelle Beziehungen mit der Schwester einer jungen Frau in Haiti, der er Milchpulver verschafft hatte. Zeugen seiner Jahre an der «humanitären Front» berichten darüber hinaus, er und andere Oxfam-Leute seien nachts durch Katastrophengebiete gefahren, «um Mädchen aufzulesen» und diese in die Dienstbehausung Van Hauwermeirens in Haiti zu verfrachten.

Für die Journalistin Linda Polman ist das kein Wunder. Es gehe um Einsatzgebiete, in denen statt Recht und Ordnung Chaos und Korruption herrschten. «Wenn man da als Fremder hereinspaziert, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass einem alles erlaubt ist, dass man sich alles erlauben kann.» Extreme Armut und schierer Überlebenswille trieben in solchen Gebieten Frauen und Mädchen oft zum Äussersten, erklärt die Journalistin. Sie habe häufig miterlebt, wie karitative Helfer und UNO-Soldaten mittellosen Mädchen Geld, Essen, «ein Stück Seife» oder ein Mobiltelefon anboten für Sex.

Der Fall Van Hauwermeiren bildete freilich nur den Anfang einer ganzen Serie von Enthüllungen. Mittlerweile berichten Mitarbeiterinnen Oxfams von sexuellem Missbrauch und sogar von Vergewaltigungen innerhalb der Organisation, bei «Front-Einsätzen», unter anderem im Südsudan. Selbst in einigen der Buchläden daheim soll es zu Übergriffen auf junge Mädchen, die dort als Freiwillige arbeiteten, gekommen sein.

«Nur die Spitze des Eisbergs»

Helen Evans, frühere Sicherheits-beauftragte Oxfams, die inzwischen Bezirksrätin der Labour Party in Oxfordshire ist, will schon vor Jahren ihre Oberen alarmiert haben. «So überraschend», meint Evans, komme das ja alles heute nicht. Selbst bei der staatlichen Aufsichtsbehörde für den Wohltätigkeitssektor sei sie mit ihren Informationen auf Desinteresse gestossen. Und auch in Regierungskreisen habe man geschwiegen.

Tatsächlich hat vorige Woche Ex-Ministerin Priti Patel eingestanden, dass es im Ministerium derartige Informationen gab. Über 300 Mitarbeiter entsprechender Organisationen seien 2017 sexuellen und anderen Missbrauchs beschuldigt worden. Was man jetzt sehe, sei «nur die Spitze eines Eisbergs».

Dass der ganze Sektor betroffen ist, zeigen bislang wenig beachtete Statistiken. Vom Save the Children Fund übers britische Rote Kreuz bis hin zu Christian Aid und Ärzte ohne Grenzen reicht die Palette illustrer Namen, denen dieses Problem zu schaffen macht. Für Oxfam-Generaldirektor Mark Goldring ist es unter diesen Umständen unfair, dass die Regierung in erster Linie Oxfam «unter Beschuss» nehme – und Ministerin Mordaunt mit ihrer Finanzsperre die Arbeit Tausender von «guten Leuten» für ein Heer an Bedürftigen infrage stelle.

Oxfam sei «eine Front für die extreme Linke»

Dass es «politische Motive» für die scharfe Reaktion der Regierung geben könnte, schliesst Goldring nicht aus. Bei der britischen Rechten war Oxfam jüngst nicht beliebt. Vor wenigen Monaten verärgerte Goldring Tory-Abgeordnete mit der Erklärung, dass der grösste Teil des Wohlstands in der Welt «den reichsten 1 Prozent» zufalle, «während die ärmste Hälfte der Menschheit überhaupt nichts hat».

Dem konservativen Parlamentarier Rob Wilson, einem Ex-Staatssekretär für Entwicklungsfragen, entlockte das die Bemerkung, Oxfam sei ja wohl inzwischen «eine Front für die extreme Linke». Aber nicht nur Goldrings Leuten würden manche Mitglieder der Regierungspartei gern die Unterstützung entziehen. Ein Kreis um den prominenten Tory-Rechten Jacob Rees-Mogg will die britische Entwicklungshilfe drastisch kürzen oder einstellen. Eine Idee, mit der er in weiten Teilen der Bevölkerung auf lebhafte Zustimmung stösst.

Fürs Erste stemmt sich Regierungschefin Theresa May noch gegen dieses Verlangen. Aber die Oxfam-Affäre ist Wasser auf die Mühlen der Gegner finanzieller Hilfe fürs Ausland, die das Geld lieber heimischem Bedarf zuleiten wollen. Prinzipiell müsse wahrscheinlich die Form der Entwicklungshilfe in Grossbritannien neu überdacht werden, hört man es auch in anderen Parteien raunen. Und der Notwendigkeit von echter Kontrolle und Transparenz stimmen auch Britanniens karitative Organisationen kleinlaut zu.

Allerdings, meint Purna Sen, Politische Direktorin des Frauenprogramms der UNO, «sollte diese Geschichte nicht dazu benutzt werden, Organisationen stillzulegen, die eine wirklich wichtige Aufgabe in der Welt versehen». (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.02.2018, 11:58 Uhr

Schweizer Aussendepartement fordert «lückenlose Aufklärung»

20,4 Millionen Franken flossen aus der Schweiz an Oxfam-Projekte, darunter an eines im Tschad.

Auch die Schweiz ist mit dem britischen Hilfswerk Oxfam eng verbandelt. In der Projektdatenbank der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) finden sich mehrere Projekte, in denen der Bund und Oxfam zusammengearbeitet haben. Zwischen 2013 und 2017 habe sich das Aussendepartement (EDA) mit 20,4 Millionen Franken an Oxfam-Projekten beteiligt, sagt Sprecher Georg Farago. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Entwicklungshilfe-Projekte der Deza, aber auch um solche der EDA-Abteilung für menschliche Sicherheit, die Frieden und Menschenrechte fördern soll.

Unterstützt hat die Deza unter anderem Hilfsprojekte im Irak, in Syrien, den palästinensischen Gebieten und – ausgerechnet – im Tschad. Dort werden Oxfam-Mitarbeiter beschuldigt, wiederholt mutmassliche Prostituierte in das Haus des Oxfam-Teams eingeladen zu haben. Die Vorwürfe gegen Oxfam im Tschad konzentrieren sich nach jetzigem Kenntnisstand auf die Jahre 2006 und 2011.

Aussendepartement reagiert scharf und spricht von «abscheulichem» Fehlverhalten

Das Geld aus der Schweiz floss deutlich später. Mit einer halben Million unterstützte die Deza 2015 und 2016 ein Oxfam-Hilfsprojekt in dem mausarmen zentral­afrikanischen Staat, mit dem Flüchtlingen aus der Zentralafrikanischen Republik geholfen wurde.

Die Mitarbeiter der Partnerorganisationen müssten ethische Grundsätze beachten, sagt Farago. Das EDA würde die Projekte, auch die der Partnerorganisationen, jeweils kontrollieren. Ein fehlbares Verhalten der Oxfam-Mitarbeiter beim Projekt im Tschad hat das EDA nicht festgestellt.

Obwohl nach jetzigem Stand keine Schweizer Gelder von Oxfam missbraucht wurden, reagiert man im Aussendepartement von Bundesrat Ignazio Cassis scharf auf die Enthüllungen um das britische Hilfswerk. «Die Not hilfsbedürftiger Menschen für sexuellen oder anderweitigen Missbrauch auszunutzen, ist abscheulich», sagt Farago. Das Aussendepartement verurteilt die publik gewordenen Missbrauchsfälle. «Das EDA verbindet mit Oxfam eine langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit und fordert umso dringender eine lückenlose Aufklärung.» Die Zusammenarbeit zu beenden, sei zu diesem Zeitpunkt aber verfrüht. Simon Widmer

Artikel zum Thema

Die Wohltäter als Übeltäter

Kolumne Der Skandal um das britische Hilfswerk Oxfam wird verharmlost. Schuld daran ist auch unser Hirn. Mehr...

Hilfswerk-Mitarbeiter feiern Sexorgien auf Haiti

Partys mit Prostituierten nach dem Erdbeben auf Haiti: Der Hilfsorganisation Oxfam wird vorgeworfen, die Vorfälle aktiv vertuscht zu haben. Mehr...

Übeltäter heuerten nach Sex-Skandal wieder bei Hilfswerken an

Oxfam entliess sieben Mitarbeiter wegen Prostituierten-Partys auf Haiti, verschwieg aber die Gründe. Die neuen Arbeitgeber beschweren sich nun. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...