Zahl der Ausweisentzüge wegen Medikamenten explodiert

Wegen Schmerzmitteln, Ritalin und Beruhigungspillen verlieren mehr Lenker ihren Ausweis als unter Einfluss von Cannabis oder Kokain.

Polizeikontrolle in Genf: 2016 wurden in der Schweiz wegen Medikamenten oder Drogen fast 5000 Fahrausweise eingezogen. Fotos: Keystone

Polizeikontrolle in Genf: 2016 wurden in der Schweiz wegen Medikamenten oder Drogen fast 5000 Fahrausweise eingezogen. Fotos: Keystone

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Der Mann hat am Morgen eine Migräne mit Übelkeit. Gegen die Symptome nimmt er ein Migränemedikament wie Imigran und ein Paspertin gegen die Übelkeit. Gleichzeitig muss er aber wegen einer Infektion noch ein Antibiotikum wie Tavanic schlucken. Trotz der drei Medikamente fühlt er sich fit – er setzt sich ins Auto und fährt zur Arbeit. Was er nicht weiss: Mit diesem Cocktail im Körper ist seine statistische Unfallhäufigkeit gemäss einer Studie aus Frankreich gleich hoch wie diejenige eines Lenkers mit 0,5 Promille Alkohol im Blut.

Das Beispiel zeigt einen neuen Trend in der Schweiz: Immer häufiger sind Autofahrer unter dem Einfluss eines gefährlichen Medikamentencocktails oder von Drogen unterwegs. Wer in diesem Zustand von der Polizei erwischt wird, gilt als fahrunfähig und muss den Ausweis abgeben. Die Zahl der Ausweisentzüge nach Medikamenten- oder Drogenkonsum hat sich seit 2011 beinahe verdoppelt. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Strassen (Astra). 2016 verloren so fast 5000 Autofahrer ihren Ausweis. Das ist Rekord.

In der gleichen Zeitspanne ist auch die Zahl der Unfälle, bei denen Medikamente oder Drogen im Spiel waren und die deshalb zu einem Ausweisentzug führten, gestiegen. 2011 waren es 249 Unfälle, im letzten Jahr fast 350. Astra-Sprecher Thomas Rohrbach kommentiert die Zahlen mit Besorgnis: «Sie zeigen, dass der Konsum von illegalen Drogen und Medikamenten im Strassenverkehr zugenommen hat.»

Starke Schmerzmittel können wie Heroin wirken

Professor Thomas Krämer ist Vizedirektor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich. Er sagt, die Zunahme der Ausweisentzüge habe vermutlich mehrere Gründe. Fest steht für ihn aber: Schuld ist primär der ansteigende Substanzenkonsum der Schweizer. Damit sei die Statistik der Ausweisentzüge ein Abbild der Gesellschaft. Laut dem forensischen Toxikologen Krämer konsumieren heute rund 2 Millionen Menschen in der Schweiz starke Schmerzmittel, Schlaf- oder Beruhigungsmittel sowie Aufputschmittel wie Ritalin. «Diese Zahlen sind gravierend», sagt er. Zumal die Wirkung solcher Medikamente massiv unterschätzt werde. «Die Leute sind sich oft nicht bewusst, dass ein starkes Schmerzmittel wie Heroin wirken kann und Ritalin ähnlich wie Speed.» Es gebe zwar Warnhinweise auf den Packungsbeilagen. Doch diese «werden geflissentlich ignoriert».

Tatsächlich zeigen Zahlen des Suchtmonitorings Schweiz, dass der Konsum von Medikamenten in den letzten Jahren stetig zugenommen hat. Das gilt laut Markus Meury, Mediensprecher der Stiftung Sucht Schweiz, für starke Schmerzmittel, Beruhigungs- und Aufputschmittel. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Konsum von Drogen. Leicht gestiegen sind gemäss Suchtmonitoring-Bericht der Konsum von Cannabis und von Kokain.

Mit Abstand am meisten wird Cannabis in Blutproben gefunden

Schwer zu eruieren ist jedoch der Anteil bestimmter Drogen und Medikamente bei den Ausweisentzügen, in der Astra-Statistik werden diese nicht erfasst. Aufschluss gibt eine Studie von 2006 aus Frankreich. Wissenschaftler haben alle tödlichen Unfälle von Fahrern ausgewertet, die jünger als 30 Jahre alt waren. Bei 40 Prozent aller tödlichen Unfälle hatten die Fahrer Cannabis konsumiert, bei 3 Prozent Kokain. Bei 3 Prozent waren es Aufputschmittel und bei 2 Prozent Opiate, wie sie in Schmerzmitteln vorkommen.

Für die Schweiz gibt es keine vergleichbaren Zahlen. Eine Auswertung von Toxikologe Krämer für den Kanton Zürich und die Innerschweiz zeigt aber, dass mit Abstand am meisten Cannabis in den Blutproben gefunden wird. Am zweithäufigsten Kokain, gefolgt von Aufputschmitteln (inklusive MDMA), Beruhigungs- und Schlafmitteln sowie starken Schmerzmitteln. Spezialisten der Kantonspolizei Zürich schätzen, dass bei 60 Prozent der einschlägigen Ausweisentzüge Medikamente eine Rolle spielen und bei 40 Prozent Drogen.

Anzahl Kontrollstunden der Polizei gesunken

Dass es zu mehr Ausweisentzügen nach Drogen- und Medikamentenkonsum gekommen ist, wird vermutlich aber nicht nur mit dem erhöhten Substanzenkonsum der Schweizer zusammenhängen. So ist es gut möglich, dass ein Teil der Zunahme darauf zurückzuführen ist, dass mehr Autos unterwegs sind.

Unwahrscheinlich ist jedoch, dass die Astra-Statistik eine intensivere Kontrolltätigkeit der Polizeien abbildet. Denn im Zeitraum 2011 bis 2016 sind die Kontrollstunden der Polizei etwa im Kanton Aargau sogar gesunken. In den Kantonen Zürich und Bern blieb die Kontrolltätigkeit im Verkehr unverändert.

In den meisten Kantonen laufen die Kontrollen ähnlich ab: Bei einem Verdacht auf Drogen oder problematische Medikamente machen die Polizisten einen Schnelltest. Dabei reicht eine Speichelprobe des Autofahrers. Verläuft der Test positiv, muss der Lenker zur Blutprobe antreten. Werden illegale Drogen nachgewiesen, gilt die Person als fahrunfähig und muss den Ausweis abgeben – das besagt die Nulltoleranzregel. Wird ein Medikamentencocktail gefunden, müssen die Rechtsmediziner ein Gutachten zur Fahrfähigkeit erstellen. Aufgrund des Gutachtens entscheiden die Behörden über einen Ausweisentzug.

Laut Toxikologe Krämer taugen solche Schnelltests aber wenig. Jedes Jahr kämen sehr viele neue synthetische Drogen auf den Markt, «solche Drogen können diese Tests nicht erkennen». Auch bei vielen Medikamenten würden die Geräte versagen, etwa bei den neueren Schlafmitteln, den Z-Medikamenten wie Zolpidem oder Stilnox. Selbst das häufig konsumierte Cannabis bleibe mit einigen Tests nicht selten unentdeckt.

Neues Kontrollsystem ersetzt im Kanton Zürich die Schnelltests

Aus diesem Grund hat die Zürcher Kantonspolizei 2014 ein neues Kontrollsystem eingeführt, das die Schnelltests ersetzt. Für die Beurteilung der Fahrfähigkeit stützen sich die speziell geschulten Polizisten auf ein komplexes Verfahren, das unter anderem einen Katalog von rund 100 sogenannten Ausfallsymptomen beinhaltet. Zum Beispiel beobachten sie, wie sich ein Autofahrer im Gespräch verhält, wie sein Gang ist oder wie seine Pupillen aussehen. Polizeisprecher Marc Besson sagt, man sei mit der neuen Methode «sehr zufrieden». Die Polizisten seien alle speziell geschult worden, und sie würden heute viel sensibler auf Drogen- und Medikamentenkonsum reagieren. «Unsere Kontrollen wurden zuverlässiger», sagt Besson.

Mehrere Kantone wollen bald ähnliche Systeme einführen. Klar ist: Setzt sich die Methode durch, die in Zürich Verify heisst, dürfte die Zahl der Ausweisentzüge abermals steigen.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) will diesem Trend nicht tatenlos zusehen. Im Sommer 2018 lanciert die Beratungsstelle eine Kampagne zum Autofahren unter Medikamenteneinfluss. Man wolle die Verkehrsteilnehmer sensibilisieren, bei einem verschriebenen Medikament den Arzt oder Apotheker zu fragen, ob es einen negativen Einfluss auf die Fahrtüchtigkeit habe, sagt ein BfU-Sprecher. Involviert sind auch die Ärztevereinigung FMH und der Apothekenverband Pharmasuisse.

Auch in Frankreich haben die Behörden reagiert. Die Packungen der Medikamente sind mit einem Ampelsystem versehen. Grüne, gelbe und rote Hinweise geben an, welche Wirkstoffe negative Folgen für das Autofahren haben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.10.2017, 17:14 Uhr

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