Polizist traf Kollegen bei Schusswechsel

Bei einer Razzia in Rehetobel AR kam es 2017 zu einer tödlichen Schiesserei. Jetzt ist bekannt, dass ein Polizist einen Kollegen traf.

Bei diesem Schuppen eröffnete Roger S. das Feuer.

Bei diesem Schuppen eröffnete Roger S. das Feuer. Bild: Toini Lindroos

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Der Einsatz verläuft erfolgversprechend. Diverse Utensilien zum illegalen Anbau von Cannabis haben die Beamten in den Räumlichkeiten von Roger S. schon beschlagnahmt. Da weist sie der Verdächtige darauf hin, dass er auch im Schopf noch zwei Wärmelampen stehen habe.

«Er war während der gesamten Hausdurchsuchung sehr zuvorkommend und kooperativ», sagt der Ausserrhoder Staatsanwalt Christian Bötschi. «Das änderte sich schlagartig, als die Polizisten mit ihm das Lager betraten.» Ohne Vorwarnung greift der 33-Jährige unter eine Blache, die einen Haufen Ziegelsteine bedeckt. «Er zog eine darunter platzierte Pistole und schoss unvermittelt auf die Beamten, bevor sie reagieren konnten», sagt Bötschi. Mehrere Monate hat er die «Schiesserei von Rehetobel» untersucht, jetzt sind alle Verfahren abgeschlossen.

Kurz nach 9 Uhr eröffnet S. das Feuer, es ist der 3. Januar 2017. Eine Kugel trifft einen 29-jährigen Polizisten lebensgefährlich, sie bleibt direkt im Herz stecken. Trotz der Verletzung kann sich der Mann aus dem Schuppen retten, bevor er zusammenbricht. Auch sein Kollege, den ein Projektil in der Hüfte erwischte, entkommt.

Die anderen Einsatzkräfte vor Ort liefern sich einen Schusswechsel mit dem Angreifer. Dann verschanzt sich dieser mit einem Rucksack und droht, Sprengsstoff zu zünden. Stundenlang verhandeln Beamte mit ihm. Um 17 Uhr schicken sie einen Diensthund in seine Richtung. Da greift S. erneut zur Waffe und richtet sich selbst.

Das Motiv nimmt er mit ins Grab. «Die Ermittlungen waren schwierig, weil wir den Täter nicht befragen konnten», sagt Bötschi. Woher stammte zum Beispiel die Waffe von S.? «Das lässt sich nicht mehr zurückverfolgen.» Hat er sie bewusst vor dem Besuch der Polizei im Schopf platziert, die Beamten in eine Falle gelockt? «Gut möglich, aber auch das lässt sich nicht abschliessend beurteilen.» Bötschi stellte das Verfahren gegen den Schützen ein, was Standard ist, wenn der Täter bereits tot ist.

Polizisten holten Hilfe bei Seelsorgern und Psychologen

Die Sorge um die zwei verletzten Beamten ist gross. Beide müssen notoperiert werden, jener mit dem Herzsteckschuss befindet sich während Tagen in einem äusserst kritischen Zustand. «Für das Korps war es eine schwere Zeit», erinnert sich der Ausserrhoder Kommandant Reto Cavelti.

«Dieser Vorfall ging nicht nur den Polizisten nahe, die in Rehetobel dabei waren.» Auch viele andere Mitarbeitende seien auf irgendeine Art und Weise betroffen gewesen. «Für die Bewältigung war es wichtig, dass uns korpsinterne Ansprechpersonen wie auch Polizeiseelsorger und in Einzelfällen Psychologen zur Seite standen.» Über das Appenzeller Korps hinaus zeigen sich Polizisten betroffen, zeigen als Profilbild auf Facebook ein graues Kreuz auf schwarzem Grund.

Was da noch nicht bekannt ist: Nicht alle Verletzungen stammen von S. Nachdem sich der ältere Polizist neben dem Schuppen in Deckung begibt, trifft ihn erneut eine Kugel. «Die Untersuchung hat ergeben, dass diese aus einer Polizeiwaffe stammte», sagt Staatsanwalt Bötschi. Weil der Schuss eine mittelschwere Verletzung am Bein verursachte, sei es unumgänglich gewesen, auch Verfahren gegen unbekannt respektive gegen die beteiligten Beamten einzuleiten.

S. war als Waffennarr bekannt und vorbestraft

«Für die ersten, schweren Verletzungen der Polizisten war S. verantwortlich», betont Bötschi. Die Verletzung durch die Polizeiwaffe passierte danach mitten im unübersichtlichen Schusswechsel. «Zu einem Zeitpunkt, als die Beamten nur S. wahrnahmen und nicht wussten, dass er sich in der Nähe ihres Kollegen aufhält.» Man habe nicht klären können, ob jene Verletzung durch einen unglücklichen Abpraller entstand. «Aufgrund der Munitionsfragmente ein durchaus mögliches Szenario», sagt Bötschi. Ebenso wenig zeigten die Spuren am Tatort, welcher Beamte den Kollegen getroffen hat. «Aus diesen Gründen und unter Berücksichtigung der Notwehrsituation habe ich die Verfahren gegen die Polizisten jetzt eingestellt.»

Dem Korps sei insgesamt kein Vorwurf zu machen. «Abschliessend kann man sagen, dass die Beteiligten den Einsatz mit der nötigen Sorgfalt planten und durchführten.» Genau das wurde direkt nach dem Vorfall bezweifelt. «Liess sich die Kantonspolizei übertölpeln?», fragte das «St. Galler Tagblatt». «Trotz Waffen-Vorgeschichte des Täters trug niemand Schutzwesten», titelte SRF online. Denn S. war als Waffennarr bekannt. Und vorbestraft wegen mehrfacher versuchter Tötung, schwerer Körperverletzung und Verstössen gegen das Waffengesetz: 2003 wollte er zwei Männer mit der Schrotflinte erschiessen.

«Eine Eskalation wie damals in Rehetobel kann man auch bei noch so guter Vorbereitung nicht immer verhindern», sagt Kommandant Cavelti. «Wir sind erleichtert, hat die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass dieser Einsatz korrekt ablief.» Am wichtigsten sei, dass die verletzten Polizisten genesen sind, heute wieder zu 100 Prozent im Dienst stehen.

Niemand rekurrierte gegen die Einstellung der Verfahren, der Fall ist strafrechtlich abgeschlossen. Derzeit führt die Polizei eine abschliessende Aufarbeitung durch: Ein Offizier eines anderen Kantons soll jenen Tag im Januar 2017 nochmals aus einer anderen Perspektive aufrollen und allfällige Empfehlungen für die Zukunft erarbeiten. Cavelti: «Das Ereignis wird uns ein Leben lang begleiten.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.10.2018, 21:32 Uhr

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