Psychiater hat in der Klinik Sex mit Missbrauchsopfer

Über Jahre nützte ein Therapeut im Aargau die Notlage seiner Patientin aus – Behörden verzichteten darauf, Massnahmen zu ergreifen.

Schock, Verzweiflung, Schmerz und Machtlosigkeit: Ruth Meier hat ihr Leid mit selbst genähten Puppen festgehalten. Sie sollen jetzt  anderen Opfern bei der Aufarbeitung sexueller Übergriffe helfen. Bild: Kostas Maros

Schock, Verzweiflung, Schmerz und Machtlosigkeit: Ruth Meier hat ihr Leid mit selbst genähten Puppen festgehalten. Sie sollen jetzt anderen Opfern bei der Aufarbeitung sexueller Übergriffe helfen. Bild: Kostas Maros

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Was sie durchgemacht habe, lasse sich nicht in Worte fassen. Also näht Ruth Meier* Puppen, die ihr Leid verkörpern. Eine hat gefesselte Arme und Beine. «Ich war machtlos, konnte mich nicht wehren», sagt die Baslerin. Mehrmals wurde sie als Kind sexuell missbraucht, zwei Männer und eine Frau vergingen sich an ihr. Jahrzehntelang erzählte sie das niemandem, «nicht einmal meinem Mann». Bis zum Sommer 2007. Meier, damals 40, geht zur Therapie in einer Aargauer Klinik. Bei Psychiater Ralf Ganz* hofft sie endlich auf Heilung. Stattdessen macht er sie erneut zum Opfer. Heute ist er verurteilt wegen mehrfacher Ausnützung einer Notlage.

«Der Beschuldigte wurde der Klägerin als Therapeut zugeteilt, und sie fasste schnell Vertrauen zu ihm», heisst es in der Anklage. Auf einen stationären Aufenthalt folgten wöchentliche Sitzungen. «Es kam dabei zunehmend zu körperlichem Kontakt, wobei der Beschuldigte angab, die Berührungen ­seien Teil der Schematherapie.»

Zuerst hält der Psychiater die Hand der Patientin, dann streichelt er sie, es folgen Küsse und der Griff unter den BH. «Der Beschuldigte gab an, dass es normal sei, dass man sich in einer Therapie näherkomme, näher als dem Ehepartner», hält die Anklage fest. «2013 kam es dann auf Initiative des Beschuldigten zum Geschlechtsverkehr» – laut Akten allein in jenem Jahr mindestens 15 Mal. «Die Klägerin war dabei in einem steten Auf und Ab in ihren Gefühlen: Einerseits befremdete sie das Verhalten des Beschuldigten, andererseits kam sie nicht von ihm los, da er für sie zu einer sehr engen Bezugsperson geworden war.»

Kantone ordneten 26 Disziplinarmassnahmen an

Ruth Meier schämt sich zu sehr, um sich jemandem anzuvertrauen. Sie betäubt sich vor den Sitzungen mit Alkohol. Noch heute sehe sie klar vor sich, wie der Stuhl schon für sie bereitsteht neben seinem Pult. Wie er jeweils die Tür zumacht und sofort damit beginnt, ihr an die Brüste zu fassen. Wie er nach dem Geschlechtsakt die Hose hochzieht und Meier dann mit «Sie» verabschiedet. Die Gedanken an Suizid häufen sich. «Ich sah keinen anderen Ausweg», sagt sie. Einer der Puppen hängt ein Strick um den Hals.

Ruth Meier ist nicht allein. Im Frühling 2017 sprach das Bundesgericht einen Zürcher Therapeuten wegen eines Verhältnisses mit einer drogenabhängigen Patientin schuldig. Ein halbes Jahr darauf verurteilte ein Bündner Gericht einen Psychiater, in dessen Therapie es zu Oralsex kam. «Wir haben auch schon bei einem Psychiater interveniert. Weil er einer Patientin wiederholt zwischen die Beine fasste», sagt Barbara Züst, Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. Die meisten Fälle würden nie publik. «Das Vertrauen in und auch die Abhängigkeit von einem Psychiater ist gross. Viele Betroffene wagen es nicht, eine solche Autoritätsperson zu melden.» Durch die psychische Krankheit fehle oft die Kraft. Zudem: «Übergriffe hinter verschlossener Praxistür sind nur schwer zu beweisen.»

Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie führt keine spezifische Statistik, genauso wenig wie die Schweizerische Ärztevereinigung FMH. Die Kantone wiederum haben letztes Jahr insgesamt 26 Disziplinarmassnahmen gegen Mediziner aller Fachrichtungen verhängt. Ausserdem wurden sechs Bewilligungen entzogen, wie das Bundesamt für Gesundheit angibt. Dies aber aus den verschiedensten Gründen. «Die Anzahl lässt keinen Rückschluss auf die Anzahl sexueller Übergriffe zu», sagt Sprecher Daniel Dauwalder.

Der Gutachter attestiert ein«niedriges Rückfallrisiko»

Psychiater Ganz bleibt unbehelligt. Nach einigen Jahren verlässt er die Aargauer Klinik, praktiziert aber weiter. «Der Beschuldigte bestärkte die Klägerin darin, dass sie die Therapie weiter machen müsse», heisst es in der Anklage. Meier bleibt seine Patientin. «In der Zeit von Oktober 2013 bis Februar 2016 kam es während der Therapiesitzungen jeweils zu Berührungen sexueller Natur, wobei diese vom Beschuldigten ausgingen.»

Eine von Meiers Puppen hat erschrockene Augen, ihr Mund steht weit offen. «Es dauerte lange, bis ich realisiert habe, wie er mich ausnützt», sagt sie. «Umso grösser war dann der Schock.» Erst im Frühling 2016 wendet sie sich an den Aargauer Kantonsarzt Martin Roth. Der teilt mit, schon Kenntnis vom Fall zu haben. Denn kurz zuvor hatte sich Ganz selbst bei ihm angezeigt. «Er ahnte wohl, dass ich ihn melden werde, und griff dem vor», sagt Meier.

Roth gibt ein Gutachten über den Psychiater in Auftrag. Darin steht: «Im Rahmen der Begutachtung konnte keine psychische Erkrankung diagnostiziert werden.» Deshalb «und auch aufgrund des niedrigen Rückfallrisikos» seien keine Auflagen erforderlich. Also verzichtet Roth auf Massnahmen.

«Aufgrund des Gutachtens und aufgrund der Abklärungen des Departements kam die Aufsichtsbehörde zum Schluss, dass es nicht erforderlich sei, eine Massnahme anzuordnen.»Karin Müller,  DGS-Sprecherin 

Eine «Sauerei», findet Werner Tschan, heutiger Psychiater von Meier. Er leitet das Beratungszentrum für sexuelle Grenzverletzungen in professionellen Beziehungen und hat schon viele Betroffene begleitet. «Besonders verwerflich ist hier, dass eine Frau zum Opfer wurde, die wegen sexueller Übergriffe Hilfe suchte.» Der Kantonsarzt habe die Geschädigte kein einziges Mal angehört. «Er stützte seinen Entscheid nur auf die Version des Beschuldigten», kritisiert Tschan. Er findet, Roth hätte Strafanzeige einreichen sollen.

Mit einer Aufsichtsbeschwerde gelangt Tschan später an das Aargauer Departement für Gesundheit und Soziales (DGS). Dieses schreibt zu Ganz’ Vorgehen: «Unbestritten ist, dass ein solches Verhalten eine klare Verletzung der Berufspflichten darstellt und sich unter keinen Umständen rechtfertigen lässt.» Dennoch liege keine Pflichtverletzung vor, «die ein Einschreiten der Aufsichtsbehörde von Amts wegen erfordern würde». An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. «Aufgrund des Gutachtens und aufgrund der Abklärungen des Departements kam die Aufsichtsbehörde unter Federführung des Kantonsarztes zum Schluss, dass es nicht erforderlich sei, eine Massnahme anzuordnen», sagt DGS-Sprecherin Karin Müller. Der Psychiater sei ausführlich befragt worden, der Sachverhalt schlüssig gewesen. «Deshalb wurde auf eine Befragung der Patientin verzichtet.» Klärte das DGS ab, ob es weitere Opfer gibt? «Nein, es gab keine Veranlassung dazu», sagt Müller. «Es wäre Sache der Staatsanwaltschaft, dies zu tun.»

Nur ein befristetes Verbot, Frauen zu behandeln

Ruth Meier schaltet genau diese mit einer Anzeige ein. Sie sagt: «Weder Kantonsarzt noch Gesundheitsdepartement hatten mich je befragt. Ich wollte, dass mir endlich jemand zuhört.» Staatsanwältin Barbara Loppacher tut dies. Und kommt zu einem klaren Schluss, den sie Ende 2017 in der Anklage festhält: «Der Beschuldigte hat vorsätzlich eine Person veranlasst, eine sexuelle Handlung vorzunehmen oder zu dulden, indem er eine Notlage oder eine Abhängigkeit ausgenützt hat.»

Wenig später verurteilt das ­Bezirksgericht Aarau Ganz zu einer bedingten Geldstrafe von 81'000 und einer Busse von 6000 Franken. Dem Opfer muss er 45'000 Franken zahlen. Arbeiten darf er bis heute. Das Gericht beschloss nur, dass er zwei Jahre lang keine weibliche Person behandeln darf. «Das Minimum vom Minimum», sagte Staatsanwältin Loppacher am Prozess. Ein Berufsverbot von zehn Jahren wäre «ohne weiteres» möglich gewesen.

Die Aargauer Klinik, in der es anfangs zu den sexuellen Kontakten gekommen war, erfuhr durch das Strafverfahren vom Fall. «Von einem Psychiater muss jederzeit ein professionelles Verhalten verlangt werden können, gerade weil die Patienten in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen», sagt eine Sprecherin. Diese Regeln habe Ganz grob verletzt und damit vor allem die Patientin in grosses Leid gestürzt. «Die Vorfälle sind nicht zu entschuldigen.»

Ganz äussert sich auf Anfrage nicht. «Ich kann lediglich bestätigen, dass der Vorfall Teil eines abgeschlossenen Verfahrens ist und beide Parteien einig waren, auf einen Weiterzug zu verzichten.» Vor Gericht sagte er im Schlusswort: «Als Arzt habe ich versagt und auch menschlich gegenüber meiner Patientin und meiner Ehefrau. Es tut mir schrecklich leid.» Er versuche, die Strafe anzunehmen. «Für mich ist es gut so.»

Und für Ruth Meier? «Das Urteil war wichtig für mich. Weil ich mich zum ersten Mal in meinem Leben erfolgreich gegen einen Täter wehren konnte», sagt sie. «Dass er bald auch wieder Frauen behandeln kann, ist aber nicht nachvollziehbar.» Sie wolle jetzt anderen Opfern Mut machen. «Man muss solche Fälle anzeigen, auch wenn es viel Kraft kostet.» Ihre Puppen hat Meier inzwischen dem neuen Psychiater über­geben. Sie sollen anderen Opfern helfen, über unsagbare Übergriffe zu sprechen.

* Namen geändert

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.02.2019, 08:11 Uhr

Trotz Strafurteil: Therapeut steht bis heute im Ärzteregister

Die Schweizer Ärztevereinigung FMH hält in ihrer Standesordnung fest: «Arzt und Ärztin dürfen ein sich aus der ärztlichen Tätigkeit ergebendes Abhängigkeitsverhältnis nicht missbrauchen» – insbesondere nicht sexuell. Der verurteilte Psychiater Ralf Ganz* jedoch steht bis heute als Mitglied im offiziellen Register der FMH. Laut der Ärztevereinigung sind in erster Instanz die kantonalen Ärztegesellschaften zuständig. Diese können in einem Standesverfahren entscheiden, die Mitgliedschaft zu entziehen – womit auch die FMH-Mitgliedschaft erlischt. Nur hatte der Aargauische Ärzteverband von diesem Fall bisher gar keine Kenntnis. «Strafurteile werden nicht an uns weitergeleitet», sagt Präsident Jürg Lareida. «Sonst hätten wir sicher reagiert. Wir haben im Verband eine Standeskommission, die Sanktionen verfügen kann.» Auch im offiziellen Medizinalberuferegister des Bundes ist das Gerichtsurteil nicht vermerkt. «Nur wenn auch aufsichtsrechtlich etwas angeordnet wird, kann dies im Medizinalberufe­register eingetragen werden», sagt Karin Müller vom Aargauer Gesundheitsdepartement. Dies habe man mittlerweile gemacht und auch als Kanton ein zweijähriges Behandlungsverbot von Frauen ausgesprochen. Auf der öffentlichen Website des Bundes steht bei Ganz aber nach wie vor: «Bewilligung erteilt».

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