Erstmals mehr Konfessionlose als Reformierte

Am Dienstag entscheidet die evangelische Kirche über eine neue Verfassung. Sie soll den Mitgliederschwund bremsen.

Viele Bänke bleiben leer, wie hier während eines Gottesdiensts in der reformierten Kirche von Thalwil ZHFoto: Alessandro Della Bella/Keystone

Viele Bänke bleiben leer, wie hier während eines Gottesdiensts in der reformierten Kirche von Thalwil ZHFoto: Alessandro Della Bella/Keystone

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Sechzehn Holzbänke verschwinden aus der Grubenmann-Kirche in Wädens­wil ZH. Das hat die Gemeindeversammlung am letzten Sonntag ­beschlossen. Es brauche Platz für zeitgenössische Anlässe, um auch weniger religiöses Publikum ins Gotteshaus zu locken. Das gleiche Ziel verfolgt man in Bern mit Hip-Hop-Gottesdiensten. Verschiedene Aargauer Gemeinden halten Predigten erst am Vormittag ab, damit auch Langschläfer kommen. In Chur will man Gottesdienste in Zukunft als Podcast im Internet aufschalten, ein Spiel für Smartphones soll junge Gläubige in Zürich ansprechen.

Die reformierte Kirche erfindet sich neu, auch landesweit. Am kommenden Dienstag stimmen die Abgeordneten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds in Bern über eine komplett neue Verfassung ab. 43 Paragrafen sollen die aktuell gültige Version aus dem Jahr 1950 ersetzen.

«Die Kirche erhält eineStimme für alle Gläubigen»

Nicht einmal der Name soll gleich bleiben. Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) würde die neue Organisation heissen, die «föderalistische Grundlage» verschwindet aus dem ersten Artikel. Aus dem Dachverband der Kantonalkirchen würde neu eine nationale Institution. «Wir wollen gemeinsam eine Kirche sein», sagt Ratspräsident Gottfried Locher. «Es braucht heute ein klares Profil, um von aussen wahrgenommen zu werden.» Locher stünde an der Spitze der neuen Organisation, in einem «Spezialpfarramt», wie er es nennt. «Es geht nicht darum, meine eigenen Weisheiten zu predigen. Aber so erhält die Kirche eine Stimme für alle Gläubigen», sagt Locher.

Sprechen würde der oberste Pfarrer der Schweiz für 1 713 117 Gläubige. So viele Evangelisch-Reformierte gibt es laut Bundesamt für Statistik unter den Einwohnern ab 15 Jahren. Die aktuellste Erhebung stammt aus dem Jahr 2016. Erstmals überhaupt lag die Zahl der Mitglieder dabei tiefer als jene der Konfessionslosen. Deren Anteil an der Wohnbevölkerung hat sich seit 1980 versechsfacht, während sich jener der reformierten Landeskirche beinahe halbierte.

Andere Glaubensgemeinschaften könnten demnächst helfen, den Abwärtstrend zu bremsen. Orthodoxe, Anglikaner oder auch Migranten-Kirchen dürfen gemäss neuer Verfassung «assoziiertes Mitglied» der Landeskirche werden. Sie erhalten einen beratenden Sitz im Kirchenparlament, der sogenannten Synode. Dies soll den Austausch fördern. Bewerben können sich auch Freikirchen. «Natürlich werden wir genau hinschauen und nicht jeden Anwärter aufnehmen», sagt Locher. «Man muss zum Beispiel eine demokratische Verfassung vorweisen und eine evangelische Tradition pflegen.»

Ein gemeinsames Dach für alle. Genau das ist für die Katholiken ein Erfolgsrezept. Automatisch zählen dort zum Beispiel Einwanderer zur Landeskirche. Was den Mitgliederschwund abfängt. 38 Prozent aller Ausländer in der Schweiz sind aktuell römisch-katholisch, nicht einmal 5 Prozent sind evangelisch-reformiert.

Anders ist es beim Frauenanteil. Dieser ist bei den Protestanten laut Bundesamt für Statistik überdurchschnittlich hoch. Potenzial, welches der Kirchenbund nutzen will. «Im Vergleich zur katholischen Kirche ist in diesem Sinne unser Pool an kompetentem Personal doppelt so gross», sagt Gottfried Locher.

Kein einziges Mal taucht das Wort «Geschlecht» in der bisherigen Verfassung auf. Im Entwurf für die neue Version hingegen steht: «Die EKS fördert die Gleichstellung der Geschlechter. Sie fördert eine ausgewogene Vertretung der Geschlechter in ihren Gremien.» Beantragt wurde der Paragraf durch die Frauenkonferenz des Kirchenbunds. «Am Anfang gab es ablehnende Voten der Abgeordneten», sagt Präsidentin Sabine Scheuter. Bei der ersten Beratung der neuen Verfassung erteilte das Kirchenparlament dem Artikel noch eine Absage. «Wir mussten erklären, warum es diesen braucht.»

In den Pfarrämtern steige der Frauenanteil zwar seit Jahren stetig, liege heute bei knapp 40 Prozent. «Aber in den leitenden Funktionen sind wir deutlich untervertreten, die Zahlen nehmen zum Teil sogar ab.» In der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Kirchenbundes sind von den 70 Stimmberechtigten aktuell 51 männlich. «Gleichberechtigung in der Kirchenverfassung festzuhalten ist wichtig», sagt Scheuter. «Aber man muss diese dann auch noch umsetzen.»

Die Bibel enthält zwar verschiedene Passagen, die Frauen, Andersgläubige oder auch gleichgeschlechtliche Paare herabwürdigen. Trotzdem verlangt die neue Verfassung schliesslich ein Diskriminierungsverbot. «Wir werden intensiv darüber diskutieren müssen, wie wir die Bibel lesen. Welchen Stellen wir welchen Stellenwert zuschreiben», sagt Locher.

Was das konkret heisst? «Meine eigene Haltung lautet zum Beispiel: Homosexualität entspricht ebenso Gottes Schöpfungswillen wie Heterosexualität. Wir sind von Gott so gewollt, wie wir geschaffen sind, sexuelle Identität inklusive.» Auf solche Aussagen erhalte er jeweils empörte Rückmeldungen von verschiedenen Kirchenvertretern. «Aber es braucht diese Öffnung», ist ­Locher überzeugt.

Bei jedem zweiten Austritt sind Kirchensteuern Thema

Nicht neu geregelt werden die Abgaben der einzelnen Gläubigen. Obwohl gerade sie für Abgänge sorgen. «Das Thema Kirchensteuer beschäftigt etwa 50 Prozent aller Personen, die austreten», schätzt Stefan Amrein, Betreiber der Website kirchen-austritte.ch. Bei den meisten Interessenten sei es ein langwieriger Prozess. «Die Personen erzählen uns, dass sie eigentlich nie etwas mit der Kirche zu tun hatten, aber trotzdem Jahre und Jahrzehnte bezahlt haben», sagt Amrein.

Auf dem Papier ist zwar noch jeder vierte Schweizer evangelisch-reformiert. Aber viele leben dies nicht mehr im traditionellen Sinne aus. Der Bund publizierte 2016 eine grosse Umfrage zum Glauben der Schweizer. 40 Prozent aller Teilnehmer gaben an, dass sie im letzten Jahr kein einziges Mal gebetet hatten. Auch wenn man nur die Protestanten betrachtet, lag die Quote mit 34 Prozent relativ hoch.

Die gleiche Umfrage zeigte aber auch: 54 Prozent aller Schweizer sagen, dass sie an Gott oder eine höhere Macht glauben. Eine grosse Chance für die Reformierten, sagt Professor Stefan Huber, Leiter des Instituts für empirische Religionsforschung der Universität Bern. «Die Menschen sind durchaus offen für religiöse Themen.» Hier müsse die Kirche ansetzen und zeigen, dass sie Ansprechpartner ist bei spirituellen Fragen. «Sie trat über Jahrhunderte als staatliche Institution auf, die zur Obrigkeit gehörte.» Diese Zeit sei endgültig vorbei. «Die Kirche muss dienen. Den Leuten zeigen, dass sie ihnen etwas gibt», sagt Huber. Sonst werde sie zum Randphänomen.

Dem Evangelischen Kirchenbund ist die aktuelle Tendenz bekannt. «Die Zahl der Mitglieder wird in Zukunft wohl noch weiter sinken», sagt Pfarrerin und Ratsmitglied Sabine Brändlin. Sie hofft, dass die Ausstrahlung der Kirche in der Gesellschaft trotzdem steigt. «Indem die Glaubensstärke der einzelnen Mitglieder zunimmt.» Nicht, indem diese jeden Sonntag die Kirchenbänke füllen. «Sie sollen für sich Wege finden, wie sie den christlichen Glauben in ihrem Alltag leben. Und Nächstenliebe sowie Respekt für jeden einzelnen Menschen zeigen.»


«Bei der Religion geht es letztlich ums Ganze»

Religionsforscher Stefan Huber im Gespräch.

Sie sprechen in einer Arbeit von der «neuen Reformation». Wie dramatisch ist die Situation?
Die aktuellen religiösen Umwälzungen sind einschneidender als die Reformation vor 500 Jahren. Damals blieb die ganze Schweiz ein christliches Land, der Glaube wurde von zwei «Staatskirchen» kontrolliert. Heute befreit sich der Glaube von staatlicher Bevormundung, die Bevölkerung wird von vielen Kirchen, Religionen und atheistischen Gruppen umworben. Diese Struktur ist instabil, die Zukunft ist offen.

Gerade Konfessionslose haben Zuwachs. Verliert die Schweiz ihren Glauben?
Es ist richtig, die «Konfessionsfreien» nehmen explosionsartig zu. Doch konfessionsfrei ist nicht automatisch glaubensfrei. Meine empirischen Analysen zeigen, dass über 90 Prozent der Bevölkerung an «Übernatürliches» glaubt. Sicher, dieser Glaube ist oft diffus. Doch er belegt die religiöse Ansprechbarkeit der Menschen. Ihre spirituellen Fragen werden von den Landeskirchen jedoch viel zu wenig gehört.

Was schlagen Sie vor?
Landeskirchen sollten ein klares Profil als «dienende Kirche» entwickeln und den Menschen Freiräume für eigenes Denken und Handeln eröffnen. Das wird zunächst zu einer weiteren Schrumpfung führen, doch danach ist ein neuer Aufbruch mit einem Zuwachs von Mitgliedern möglich.

Im Moment schrumpft vor allem die reformierte Kirche.
Das ist so. Vor 80 Jahren gehörten ihr noch rund 60 Prozent der Bevölkerung an. In wenigen Jahren wird dieser Anteil unter 20 Prozent sinken. Das ist dramatisch. Die reformierte Kirche hat jedoch auch einen starken Trumpf: Sie ist demokratisch, daher kann sie Menschen in ihren eigenen religiösen Fragen in radikaler Weise ernst nehmen und ihnen Freiräume zur Verfügung stellen.

Sie denken also nicht, dass die Kirche irgendwann verschwindet?
Nein. Es verschwinden nur ihre staatstragenden Funktionen. Demgegenüber wird ihre Aufgabe, Menschen in ihren religiösen und spirituellen Fragen zu begleiten, zunehmen. Das ist eine spannende Entwicklung, die allerdings auch neue Gefahren mit sich bringt. Bei der Religion geht es letztlich ums Ganze, daher entsteht immer wieder Fundamentalismus. Das gilt für Muslime genauso wie für Christen oder Atheisten. Ohne die landeskirchliche Kontrolle des Religiösen werden auch Fundamentalismen verschiedenster Art zunehmen.

Erstellt: 16.12.2018, 11:05 Uhr

Stefan Huber leitet das Institut für Religionsforschung in Bern.

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