Rekord an Sonntagsarbeit

Weihnachten und andere Sonn- und Feiertage sind den Firmen nicht mehr heilig. Für diese Entwicklung gibt es zwei Hauptgründe.

Auch am Feiertag wird nicht geruht: Kunden gewöhnen sich daran, dass ihre Bedürfnisse überall und jederzeit befriedigt werden. Foto: Keystone

Auch am Feiertag wird nicht geruht: Kunden gewöhnen sich daran, dass ihre Bedürfnisse überall und jederzeit befriedigt werden. Foto: Keystone

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30 UBS-Mitarbeiter haben ein zweifelhaftes Privileg erhalten: Sie dürfen bald an Feiertagen arbeiten. Am Hauptsitz der Grossbank in der Zürcher Bahnhofstrasse überwachen sie IT-Prozesse. Ihr Job ist für die UBS so wichtig, dass sie beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eine Ausnahmebewilligung für die Arbeit an Feiertagen beantragt hat. Das Gesuch wurde bewilligt.

Eine exklusive Auswertung der SonntagsZeitung zeigt, dass die Sonn- und Feiertagsarbeit in der Schweiz rasant zunimmt. Jedes Unternehmen kann sich den Sondereinsatz vom Seco bewilligen lassen, die einzelnen Gesuche werden vom Bund publiziert. Eine Analyse dieser Daten legt dar, dass in den letzten drei Jahren die Anzahl bewilligter Gesuche um über 30 Prozent auf mehr als 2000 anstieg. 2018 wurde für über 70'000 Arbeitsplätze Sonn- und Feiertagsarbeit bewilligt.

Das gilt auch für hohe Feiertage wie Weihnachten. «In den letzten Jahren ist die Anzahl der Anfragen bezüglich Ausnahmebewilligungen für Feiertagsarbeit konstant gestiegen», bestätigt das Seco. Dieses Jahr waren es ungefähr 800. Dabei handelt es sich nur um die regulären, mehrjährigen Bewilligungen des Seco. Auch die Kantone können kurzfristige Ausnahmen erlauben – diese sind hier noch nicht berücksichtigt.

Wochenendarbeit bei Banken und in Metzgereien

Der Anstieg hat mehrere Ursachen. Als Begründung werde das besondere Konsumbedürfnis angeführt, sehr häufig auch eine technische oder wirtschaftliche Unentbehrlichkeit, heisst es beim Seco. Da sich die Feiertage in den Kantonen unterscheiden, beantragen Schweizer Firmen und Niederlassungen von internationalen Konzernen Ausnahmebewilligungen, damit Angestellte aus verschiedenen Kantonen und Ländern trotzdem zusammenarbeiten können.

Die Analyse der SonntagsZeitung zeigt, dass die Zulieferbetriebe, etwa Grossmetzgereien und Verteilzentren von Migros und Coop, besonders oft Bedarf nach Sonn- und Feiertagsarbeit haben. Sie stellen jeweils Dutzende Gesuche pro Jahr. «Sowohl bei den Produktionsbetrieben als auch bei den Logistikunternehmen entsteht der Bedarf, um die gesteigerte Nachfrage der Konsumenten nach Frischprodukten auch an Sonn- und Feiertagen abdecken zu können», so eine Migros-Sprecherin. Zudem müssten neuere Verkaufsformate wie Bahnhofsläden oder Tankstellenshops zeitgerecht beliefert werden. Ähnlich argumentiert Coop.

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Beim Pharmariesen Novartis nähmen am Sonntag die Einsätze zur Pflege von Zellkulturen zu, so ein Sprecher. Auch die Grossbanken UBS und Credit Suisse fordern zahlreiche Ausnahmen vom Sonntagsarbeitsverbot. Bei der CS habe die Arbeit am Wochenende zugenommen, bestätigt eine Sprecherin. Dafür verantwortlich seien beispielsweise die Zunahme regulatorischer Bestimmungen oder technische Migrationen, die nicht während des normalen Arbeitsbetriebs vorgenommen werden können.

Google sichert sich grosses Kontingent

Viele Ausnahmen liess sich zuletzt auch der Liftbauer Schindler vom Seco gewähren. Einige Auftraggeber der Anlagen, meist sind es Rolltreppen, würden diese lieber an Randzeiten ausser Betrieb nehmen, erklärt ein Schindler-Sprecher. Die Einsätze finden daher dann statt, wenn in Bahnhöfen oder Einkaufszentren nicht viel Betrieb herrscht.

Ein grosses Kontingent an Nacht- und Sonntagsarbeit hat sich die Schweizer Niederlassung des US-Internetriesen Google gesichert. Für fast 1000 der rund 2500 Schweizer Mitarbeiter gibt es eine Ausnahmebewilligung.

Nach heutigem Recht dürfte man am Sonntag ohne Genehmigung nicht einmal ein Mail beantworten, ausser man arbeitet in einer der rund drei Dutzend Branchen, die vom Sonntagsarbeitsverbot ausgenommen sind. Dazu gehören Spitäler, Gastronomie oder Medien.

Durch politische Vorstösse kommen immer wieder neue Ausnahmen für weitere Branchen und Berufsbilder hinzu. Derzeit wird etwa eine Lockerung für wichtige Informatikarbeiten vorbereitet. Wartungen an der IT sollen künftig ohne Bewilligung möglich sein.

Gewerkschafter kritisieren fehlende Kontrolle

Für das Familienleben ist die Arbeit am Wochenende einschneidend. Daher stehen die Arbeitgebervertreter und Landeskirchen der Sonntagsarbeit skeptisch gegenüber. Die Gewerkschaft Unia habe zwar kein Problem mit steigender Sonn- oder Feiertagsarbeit bei wesentlichen Aufgaben in der Krankenpflege oder dem öffentlichen Verkehr, so Arnaud Bouverat, Gewerkschaftssekretär bei der Unia. «Viele Bereiche brauchen aber keine Sonntagsarbeit. Bei einigen findet sie trotzdem statt, weil es keine verlässliche Kontrolle gibt», so Bouverat. Das sei häufig im Detailhandel der Fall.

Die Arbeitsabläufe in der Logistik würden immer kurzfristiger, die Lieferungen würden oft in der Nacht oder am Wochenende vorbereitet, so Roman Künzler, Verantwortlicher Logistik und Transport bei der Gewerkschaft Unia. Dabei kritisiert die Gewerkschaft, bei vielen Unternehmen würden teilweise haarsträubende Arbeitsverhältnisse bestehen. «Viele Betriebe haben gar keine Bewilligung für Sonntags- oder Feiertagsarbeit, und trotzdem wird am Wochenende gearbeitet», so Künzler. Zusammen mit den Arbeitnehmern gehe es darum, die Situation zu verbessern.

Oftmals werde schon beim Einstellungsgespräch Druck erzeugt, dass man sich dann auch für den Sonntag verpflichte.

Für Arbeitnehmer aus dem Detailhandel sei es oftmals schwierig, sich allein gegen den Einsatz am Sonntag zu wehren, so Bouverat. Oftmals werde schon beim Einstellungsgespräch Druck erzeugt, dass man sich dann auch für den Sonntag verpflichte.

Eine Tendenz sei auch, dass Logistikstandorte zu Dienstleistungszentren für den Onlinehandel würden. Dabei sei es für die Gewerkschaft schwierig, zu erfassen, welche Tätigkeiten in Logistikzentren wesentlich seien und am Sonntag erledigt werden müssten und welche nicht. Die unterschiedlichen Verkaufskanäle seien stärker miteinander verbunden, das mache eine Intervention schwierig.

Die Kunden gewöhnen sich daran, dass ihre Bedürfnisse überall und jederzeit befriedigt werden. Es ist deshalb keine gewagte Prognose: Sonn- und Feiertagsarbeit wird weiter zunehmen. Auch Weihnachten ist nicht mehr heilig.

Erstellt: 22.12.2018, 20:56 Uhr

Das sind Ihre Rechte bei der Sonntagsarbeit

Eigentlich verboten: Sonntagsarbeit ist nicht erlaubt, doch es gibt viele Ausnahmen. Kann ein Betrieb wirtschaftliche oder technische Gründe oder ein dringendes Bedürfnis nachweisen, wird Sonn- und Feiertagsarbeit oft bewilligt. Rund 30 Branchen sind von dieser Bewilligungspflicht befreit, etwa Spitäler oder Gastrobetriebe. Für wichtige Feiertage gelten die gleichen Regeln wie für Sonntage.

Kein Zwang: Arbeitnehmer dürfen nicht zu Sonntagsarbeit gezwungen werden, oftmals wird sie aber von Arbeitgebern vorausgesetzt. Jugendliche ab 16 Jahren dürfen nur zu Ausbildungszwecken und in bestimmten Branchen an Sonntagen arbeiten.

Mehr Lohn: Ein Lohnzuschlag von mindestens 50 Prozent ist fällig, wenn es sich um Sondereinsätze handelt. Also bei weniger als sechs Sonntagen pro Jahr. Bei regelmässiger Sonntagsarbeit ist ein Zuschlag nicht zwingend, da er schon im Lohn enthalten sein sollte.

Kompensation: Haben Arbeitnehmer am Sonntag mehr als fünf Stunden gearbeitet, besteht Anspruch auf einen Ersatzruhetag. Jeder zweite Sonntag muss frei sein. Doch auch hier gibts Ausnahmen. (jb)

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