Rekord bei Scheidungen von Senioren

Die Zahl der Scheidungen nach über 30 ­Ehejahren hat sich seit 1970 verdreifacht. Wer dabei den Schlussstrich zieht.

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Den letzten Lebensabschnitt wollte Verena nicht mehr mit Ueli verbringen. Zu lange hatte ihr Mann sie blockiert, ihre Vorstellungen des Lebens missachtet. Während er Karriere machte, hatte sie sich um Familie und Haushalt zu kümmern. Dabei wäre auch sie gerne in ihren Job zurückgekehrt. Aber Ueli sagte: «Ich verdiene doch genug.» Und Verena fügte sich.

Mit den Jahren hatte sich das Paar immer weniger zu sagen. Als dann der gemeinsame Sohn auszog, nahm die Leere zwischen den beiden überhand. Und die Situation verschlimmerte sich zusätzlich mit der Pensionierung Uelis. Schliesslich reichte Verena nach über 30 Ehejahren die Scheidung ein.

10 Prozent der Paare sind bei der Scheidung über 65 Jahre alt

In der Schweiz fragen sich jedes Jahr Tausende Frauen: Trägt die Beziehung, bis dass der Tod uns scheidet? Soll es das gewesen sein? Und vermehrt beantworten sie für sich die Frage mit Nein. Ernüchtert stellen sie fest, dass alte Liebe sehr wohl rosten kann. Dafür kommen Wünsche an die Oberfläche, die sie lange dem Alltag untergeordnet hatten. Wünsche nach Freiraum, Eigenständigkeit und auch Zärtlichkeit. 10 Prozent der Paare in der Schweiz sind heute bei ihrer Scheidung über 65 Jahre alt. Noch vor zehn Jahren waren es halb so viele. Das zeigen neueste Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Und auch der Anteil Ehen, die nach langen gemeinsamen Jahren in die Brüche gehen, hat stark zugenommen. Von 1970 bis 2018 hat sich die Zahl der Trennungen nach mehr als 30 Jahren verdreifacht. Dass Paare sich auch nach der Silberhochzeit und neuerdings sogar nach der goldenen Hochzeit ­trennen, ist nicht mehr unüblich. Die emeritierte Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello hat das Phänomen erforscht und stellt fest: «Langjährige Ehen sind scheidungsanfälliger geworden.»

Tatsächlich leben Menschen länger, sind länger fit, sexuell aktiv und insgesamt anspruchsvoller, was Beziehungen angeht. «Die Verjüngung im Alter führt dazu, dass man sich nach der Pensionierung neu definiert», sagt Perrig-Chiello. Das Streben nach dem persönlichen Glück ist ein weiterer Faktor, der die Scheidungsrate im Alter in die Höhe treibt. «Während die Männer sich oft mit einer unerfüllten Ehe arrangieren oder nebenher eine Liebschaft pflegen, sind die Frauen kompromissloser.» In mehr als der Hälfte aller Fälle zieht die Frau den Schlussstrich. Noch deutlicher wird das bei den über 65-Jährigen. Da sind es zu zwei Dritteln Frauen, die den Bettel hinschmeissen.

«Frauen sehen nicht ein, warum sie einen Mann versorgen sollen, der Ansprüche stellt, aber keine Anregungen bietet.»Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker

Perrig-Chiello hat 2000 Personen zu ihrer Partnerschaft befragt. Aus der Studie entstand das Buch: «Wenn die Liebe nicht mehr jung ist – Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht». Die Wissenschaftlerin führt die aktuelle Entwicklung vor allem auf die späte Emanzipation der Frauen zurück. Oftmals haben die heutigen Seniorinnen früh geheiratet, im klassischen Rollenmodell gelebt und sich mehrheitlich um Haushalt sowie Kinder gekümmert. Auf der Strecke sind dabei sie selbst geblieben. «Früher haben das mehr Frauen stumm ertragen. Jetzt sagen sie: ‹Ich will das nicht mehr.›»

Bei Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer sitzen seit fast einem ­halben Jahrhundert Paare auf der Couch. Auch ihm fällt auf, dass Frauen unabhängiger und kämpferischer geworden sind. «Sie sehen nicht ein, warum sie einen Mann versorgen sollen, der sich nicht für eine gemeinsame Entwicklung interessiert, der Ansprüche stellt, aber keine Anregungen bietet», sagt Schmidbauer.

Männer leiden nach der Trennung stärker als Frauen

An ein neues Leben haben die Geschiedenen unterschiedliche Erwartungen. Während die Männer am liebsten gleich wieder mit einer Lebensgefährtin unter einem Dach leben möchten, lehnen 96 Prozent der Frauen dies ab. Bei der Online-Partnerbörse Parship.ch zeigt sich zudem, dass Männer oft Frauen suchen, die am liebsten 5 bis 15 Jahre jünger sind als sie selbst. Zudem sind sie eher bereit, sich auf unverbindliche Arrangements im Sinne von «Friends with Benefits» einzulassen. Hauptsache: Nicht allein sein. Frauen sind deutlich wählerischer und bleiben häufiger ohne neuen Vertrauten.

Eine Trennung nach langen gemeinsamen Jahren sei aber immer traurig und schmerzhaft, sagt Markus Theunert von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. «Es ist ein schwerwiegendes Ereignis im Leben der Betroffenen.» Die meisten würden sehr darunter leiden. Dabei lecken Männer deutlich länger die Wunden als ihre Ex-Gattinnen. Sie hängen meist mehr an der Beziehung und vor allem an ihrer Partnerin. Sie bezeichnen diese häufig als engste Bezugsperson. «Emotional und sozial sind Männer vielfach abhängiger, das macht sie verletzlicher», sagt Theunert. Fast ihr ganzes Leben lang hätten sie sich über den Beruf definiert, dort ihr soziales Umfeld gehabt. «Mit der Pensionierung fällt dies alles auf einen Schlag weg.» Würden sie dann auch noch von der Frau verlassen, stürzten gleich beide Pfeiler ein.

Viele ältere Herren können nicht kochen. Aber auch Frauen sind ohne Partner oft hilflos.

Erschwerend kommt für die Männer hinzu, dass ihnen nach der Trennung ihre oft fehlende Kommunikations­fähigkeit erneut zum Verhängnis wird – die aus Frauensicht in 80 Prozent der Fälle für das Ende der Beziehung verantwortlich ist. «Männer, die immer noch einen auf einsamen Wolf machen, schaffen es kaum, Hilfe in Anspruch zu nehmen», sagt Theunert. Sie würden stattdessen häufig in Alkohol und Einsamkeit ertrinken. Die Suizidrate ist im Seniorenalter bei den Männern fünfmal höher als bei Frauen.

Tatsächlich suchen bei Pro Senectute nach einer Scheidung praktisch nur Frauen eine Sozialberatung auf. Dabei würde die Organisation auch Männern mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Theunert appelliert an jüngere Väter, sich zu emanzipieren und zusammen mit ihren Partnerinnen ein egalitäres Familienmodell zu leben. Will heissen: Beide verdienen Geld, beide schauen zu den Kindern. «Es ist zwar kein Garant dafür, dass die Ehe hält, doch eine Trennung verläuft friedlicher und vor allem haben beide ein soziales Netz, welches sie auffängt.»

«Für immer» kann bei Paaren heute 60 Jahre bedeuten

Familienanwältin Susanne Crameri weiss, wie tragisch Scheidungen sein können. «Viele Klienten benötigen nicht nur juristische, sondern auch menschliche Hilfe.» So komme es immer wieder vor, dass ältere Herren nicht kochen könnten. Aber auch Frauen sind ohne ihre Partner oft hilflos. Einmal vertrat Crameri eine Rentnerin, die nicht wusste, wie der Bancomat funktioniert, da sie das Haushaltsgeld stets bar bekam.

Einen Rosenkrieg im Alter versucht die Anwältin wenn immer möglich zu verhindern. Das gelingt ihr deutlich öfter als bei jungen Klienten. «Das Konfliktpotenzial ist weniger hoch, weil der erbittertste Streitpunkt – die Kinder – fehlt.» Auch finanziell vereinfacht das Rentenalter einiges. Meist gilt die Errungenschaftsbeteiligung. Zweite und dritte Säule werden dann je hälftig geteilt. Und die AHV in eine Individualrente umgewandelt. So sind viele Scheidungen im höheren Alter durchschnittlich nach zwei Jahren vollzogen. Bei jüngeren Paaren mit Kindern dauert dies nicht selten bis zu zehn Jahren.

Liebespaare wünschen sich in jungen Jahren nichts so sehr wie eine innige Partnerschaft, die für immer währt. Doch «für immer» kann bei Paaren, die heute mit 30 heiraten, 60 Jahre bedeuten. Das war früher mit deutlich tieferer Lebenserwartung noch anders. «Es macht die Partnerschaft, nebst all den gesellschaftlichen Veränderungen, zu einer noch grösseren Herausforderung», sagt Psychologin Perrig-Chiello.

Die diamantene Hochzeit, also 60 Ehejahre, zu feiern, bleibt aber nicht unmöglich. Paartherapeut Schmidbauer hat das Buch «Coaching in der Liebe» verfasst und sagt: «Wärme und Humor im Alltag sind wichtig.» Ebenfalls würden kleine Rituale im Alltag helfen.



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Erstellt: 09.02.2020, 07:16 Uhr

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