Revolution im Verwaltungsrat

Der Ämtlisammler mit vielen Mandaten ist ein Auslaufmodell.

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Es galt als relativ einfaches Mandat: Der Sitz im Verwaltungsrat von Raiffeisen. Vertieftes Bankwissen und internationale Kontakte waren nicht nötig. Die Reisetätigkeit hielt sich in Grenzen, die Geschäfte liefen gut.

Nun legt genau die Krise bei Raiffeisen offen, wie schwerwiegend die Folgen sein können, wenn ein Verwaltungsrat nicht mit Fachleuten und Persönlichkeiten besetzt ist. Laut dem Bericht der Finanzmarktaufsicht des Bundes (Finma) hat das Gremium seinen langjährigen Bankchef Pierin Vincenz ungenügend geführt und kontrolliert. Die Krise hat eine Gesamterneuerung des Raiffeisen-Verwaltungsrats zur Folge.

Auch der Subventionsskandal bei Postauto hat tiefgreifende personelle Konsequenzen. Die gesamte Geschäftsleitung von Postauto Schweiz wurde freigestellt, Postchefin Susanne Ruoff musste zurücktreten und im Verwaltungsrat kam es zu zwei Abgängen. Die Affäre ist noch nicht ausgestanden. Politiker von verschiedenen Seiten fordern weitere Rücktritte im Verwaltungsrat.

Fachliche Kompetenz wird wichtiger, als Beziehungen zu haben

Der Zürcher Headhunter Björn Johansson ist überzeugt, dass der Fall Raiffeisen und die Postauto-Affäre zu einer Professionalisierung des Verwaltungsratsberufs führen. «Wir erleben gerade eine grundlegende Veränderung, was die Besetzung von Verwaltungsräten angeht», sagt Johansson. Er sucht für international tätige Konzerne Kaderleute, auch für den Verwaltungsrat. «Das Auswahlverfahren ist heute viel seriöser und aufwendiger als noch vor fünf Jahren», weiss Johansson. «Wo einst vor allem Beziehungen und Seilschaften gefragt waren, wird nun auf fachliche Kompetenz und Branchenerfahrung Wert gelegt», sagt der Spezialist für Executive Search. Bei der Rekrutierung finde eine regelrechte Revolution statt. «Es wird genau definiert, welche Qualifikationen eine Kandidatin oder ein Kandidat haben muss – und genau danach wird gesucht.»

Auch bei der Anzahl Mandate, die ein Einzelner gleichzeitig ausübt, dürfte sich einiges ändern. In der Schweiz sind Mehrfach-Verwaltungsräte weit verbreitet. Zu den prominentesten gehören der Ex-DKSH-Chef Jörg W. Wolle, Ex-Lufthansa-Chef Christoph Franz, Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig sowie die Rechtsanwälte Hans-Peter Schwald und Rolf Watter. Schwald ist Partner in einem Anwaltsbüro und Verwaltungsrat in den börsenkotierten Firmen Autoneum und Rieter sowie beim Zugbauer Stadler Rail. Hinzu kommen weitere Mandate bei der Vamed-Schweiz-Gruppe, ZSC/GCK Lions Eishockey oder Avia International.

Rolf Watter, Partner und Aushängeschild der Kanzlei Bär & Karrer, ist gleich bei zwei Firmen Verwaltungsratspräsident: Postfinance und Ceva Logistics. Dazu sitzt er in den Verwaltungsräten von Aryzta, AP Alternative Portfolio und Faber-Castell. «Ist jemand voll berufstätig, so kann er aus meiner Sicht im Maximum noch zwei externe Verwaltungsratsmandate ausüben», sagt Björn Johansson. Dies sei bereits an der Grenze des Seriösen und nur möglich, wenn es bei allen involvierten Firmen gut läuft. «In diesem Fall schätze ich den Aufwand für ein Verwaltungsratsmandat auf 10 bis 15 Prozent, für ein Präsidium auf 30 bis 40 Prozent.»

«Es ist gut, wenn ein Profi-Verwaltungsrat mehr als ein Mandat hat.»Hans-Peter Schwald, Mehrfachverwaltungsrat

Auch der Aktionärsberater Ethos kritisiert eine übertriebene Ämteransammlung. Laut Ethos-Geschäftsführer Vincent Kaufmann sind fünf Mandate das absolute Maximum und nur möglich, «wenn die Person keine operationelle Aufgabe in einem anderen Unternehmen hat». Kaufmann sieht den Aufwand für ein Mandat im Normalfall zwischen 20 und 30 Prozent. «Ein Präsidium kommt oftmals auf ein Pensum von mindestens 50 Prozent», sagt er.

Mehrfachverwaltungsrat Hans-Peter Schwald verteidigt die Ämterkumulation. «Es ist gut, wenn ein Profi-Verwaltungsrat mehr als ein Mandat hat, um seine Erfahrung an unterschiedlichen Orten einzubringen», erklärt er. Das mache einen Profi ja so wertvoll, «er hat Übersicht und Einblick in unterschiedliche Branchen und Unternehmen». Zur hohen Arbeitsbelastung neben seinem Job als Anwalt sagt er: «Ich arbeite normalerweise 55 bis 60 Stunden pro Woche, was mir erlaubt, meine Mandate als Verwaltungsrat und Anwalt gut unter einen Hut zu bringen und die nötigen Reserven zu haben.»

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin musste auf Mandat verzichten

Rolf Watters vielseitiges Engagement steht auch in der Kritik, weil gleich zwei seiner Mandate krisenbedingt viel Aufwand mit sich bringen. Postfinance ist in einer Restrukturierung, eben wurde der Abbau von 500 Stellen bekannt. Und der Backwarenkonzern Aryzta kämpft mit schwerwiegenden Problemen; die Aktie verliert laufend an Wert. Trotz der Baustellen übernahm Watter zusätzlich das Präsidium von Ceva Logistics. Wie ist diese Mehrfachbelastung zu bewältigen? Der Anwalt rechnet vor: «Bei Aryzta komme ich wegen der bekannten Probleme derzeit auf wohl 10 Stunden Arbeit pro Woche, bei Postfinance sind es zwischen 16 und 20 Stunden.» Das Präsidium bei Ceva fülle kurzfristig zwischen 20 und 30 Stunden aus – «bis ich eingearbeitet bin».

Laut Raiffeisen Schweiz nimmt das Präsidium der Genossenschaftsbank im Normalfall 50 bis 70 Stellenprozent in Anspruch. Im jetzigen Krisenmodus ist es ein Vollzeitmandat. Ein Verwaltungsratsjob bei der Bank wird gewöhnlich mit 20 Stellenprozent beziffert. «Aktuell beschäftigt die Aufgabe ein Verwaltungsratsmitglied im Schnitt mit 25 bis 30 Prozent», schreibt Raiffeisen.Fälle wie UBS, Sika, Raiffeisen und Postauto zeigen, dass im Krisenfall ein Verwaltungsratsmandat schnell viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als ursprünglich geplant. Bei der UBS war während der Finanzkrise praktisch wöchentlich eine Sitzung angesagt. Und beim Übernahmestreit von Sika war Verwaltungsrätin Monika Ribar plötzlich mit einer Verantwortlichkeitsklage konfrontiert. Die Managerin ist seit Juni 2016 SBB-Verwaltungsratspräsidentin, was laut dem Unternehmen einem 60-Prozent-Pensum entspricht. Daneben sitzt sie in den Aufsichtsgremien von Lufthansa und der Beratungsfirma Chain IQ. Zudem war Ribar zwischen Juni 2015 und Mai 2016 im Verwaltungsrat der Capoinvest Limited. Die Enthüllungen rund um die Paradise Papers brachten der Multi-Verwaltungsrätin viel Kritik ein. Capoinvest gehört dem wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung verurteilten Schweiz-Angolaner Jean-Claude Bastos de Morais.

Björn Johansson ist überzeugt, dass in der Schweiz Mehrfachmandate künftig verstärkt unter Druck geraten. «Wir sehen das in den USA, wo Verwaltungsräte mit mehr als drei Mandaten von den Aktionären nicht mehr gewählt werden.» Ethos wehrte sich diesen Frühling erfolgreich gegen die Wahl von Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin in den Verwaltungsrat der Zurich-Versicherung. «Ein weiteres Mandat war nicht akzeptabel, weil Frau Staiblin ein börsenkotiertes Unternehmen führt und daneben im Verwaltungsrat von Georg Fischer und Rolls-Royce sitzt», erklärt Vincent Kaufmann von Ethos. Jasmin Staiblin zog aufgrund des öffentlichen Drucks ihre Kandidatur kurz vor der Zurich-Generalversammlung zurück.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.08.2018, 18:50 Uhr

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