Ringier und seine Millionenmacherin

Wie der Schweizer Verleger von einer staatlich subventionierten Lücke profitiert haben könnte.

Sein Besitz habe sich um Dutzende, wenn nicht um Hunderte Millionen vermehrt: Michael Ringier. Bild: Keystone

Sein Besitz habe sich um Dutzende, wenn nicht um Hunderte Millionen vermehrt: Michael Ringier. Bild: Keystone

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Michael Ringier ist ein reicher Mann. Wie reich, ist öffentlich nicht bekannt. Jüngst liess der 68-Jährige aber aufhorchen, als er der «New York Times» erklärte, ein Teil seines Besitzes habe sich «um Dutzende, wenn nicht gar um Hunderte Millionen» vermehrt.

Überraschend ist nicht nur die Offenheit, mit der Ringier neuerdings über seine Vermögensverhältnisse Auskunft gibt. Erstaunlich ist auch, dass er sich bei der erwähnten Wertsteigerung nicht auf sein Hauptgeschäft bezog (die Medien). Die Rede war vielmehr von Ringiers Kunstsammlung, die massiv an Wert zugelegt hatte – dank der Kuratorin Beatrix Ruf, die von 1995 bis Anfang 2015 die Sammlung des Verlags betreute. Dafür erhielt Ruf zuletzt eine Million Franken. Als «Dankeschön-Geschenk», wie Ringier gegenüber der «New York Times» erklärte.

Eine Million Franken als «Dankeschön»

Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, dass jemand mit einer Million seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringt. Und auch nichts dagegen, dass Michael Ringier eine Begeisterung für zeitgenössische Kunst entwickelt hat, sie sammelt und damit in einem boomenden Markt sein Vermögen steigert.

Ringiers Aussage ist aber deshalb von öffentlichem Interesse, weil Beatrix Ruf während ihrer Tätigkeit für den Schweizer Verleger als Kuratorin, später auch als ­Direktorin bei Kunstinstitutionen angestellt war, die Steuergelder erhielten. Insgesamt gut zehn Millionen Franken waren es während Rufs Direktorium an der Kunsthalle Zürich, also von 2001 bis 2014.

In ihrer Zürcher Zeit wurde Beatrix Ruf zu einer der mächtigsten Figuren in der Kunstwelt: Im «Po­wer 100»-Index der «Art Review» erlebte die gebürtige Deutsche einen kometenhaften Aufstieg – von Rang 66 im Jahr 2009 auf Platz 7 im Jahr 2012. Damit befand sich Ringiers Kunstberaterin in der gleichen Liga wie der Künstler Ai Weiwei und First-Class-Kuratoren wie der Schweizer Hans Ulrich Obrist.

Doppelfunktion mit Interessenkonflikten?

Fraglich bleibt, ob die 1960 geborene Ruf jemals ohne eine öffentlich subventionierte Institution und ihre Tätigkeit für Ringier zu einer solch mächtigen Figur im Kunstbetrieb hätte werden können – und ob es dabei nicht zu Interessenkonflikten kam. Schon während Rufs Zürcher Zeit wurde dies zum Thema. In einem Interview von 2014 wurde Ruf gar mit der Frage konfrontiert, ob man das, was sie als Direktorin einer öffentlichen Kunstinstitution und als Beraterin eines privaten Sammlers in Personalunion verkörperte, nicht mit Insiderhandel vergleichbar sei.

«Alles, was wir machen, ist öffentlich», sagte Ruf damals. «Jeder kann weit im Voraus im Internet nachschauen, mit welchen jungen Künstlern ich eine Ausstellung plane, und dann Werke von ihm kaufen. Da gibt es keine Geheimnisse.» Die Kuratorin räumte aber ein, dass ihre Kunsthalle «sich den Ruf erarbeitet, Künstler zu entdecken, die dann gross wurden».

Aber nicht alles, was an der Kunsthalle geschah und noch immer geschieht, ist öffentlich. Gerade wenn man der Frage nach allfälligen Interessenkonflikten nachgeht, ist man schon bald mit Intransparenzen und einer gewissen Komplexität konfrontiert, die mit der Situation der Kunsthalle zu tun hat. Ausserdem mit einer Konstellation, die nur in der Schweiz möglich scheint: In den USA, wo viele Kunstinstitutionen von privaten Geldgebern finanziert werden, sei es unvorstellbar, dass die Direktorin einer Kunsthalle sich auch noch gegen Geld von einem Sammler beschäftigen lasse, sagen Experten.

Wirklich problematisch erschienen Rufs Nebentätigkeiten erst vor einigen Monaten in Amsterdam: Ruf trat als Direktorin des Stedelijk-Museums zurück, als bekannt wurde, dass sie eine Firma für private Beratungstätigkeiten betrieb. Im Jahr 2016 wies diese Activa in Höhe von 2,4 Millionen Euro aus.

Nebentätigkeit für Ringier wurde nicht ausgewiesen

In der Schweiz hingegen waren Rufs Nebentätigkeiten explizit erlaubt: Ringiers Beraterin hatte an der Kunsthalle lediglich ein 80-Prozent-Pensum, erklärt der Anwalt Mark Reutter, der seit 2002 als Quästor der Zürcher Kunsthalle amtiert. Es gab also Raum für Nebentätigkeiten: Für die Mitgliedschaft in Jurys, die Teilnahme an Podien oder die honorierte Beratungstätigkeit für die Sammlung Ringier. All das wird Rufs Macht im Kunstmarkt gesteigert haben. Die Nebenämter seien aber mit dem Vorstand der Kunsthalle abgesprochen gewesen, sagt Reutter – auch wenn die Beratungstätigkeit für Ringier nie in den Jahresberichten der Kunsthalle ausgewiesen wurden.

Dass die Nebentätigkeiten in Zürich erlaubt und vielleicht sogar gewünscht waren, hat mit der besonderen Situation der Kunsthalle zu tun, bei der es sich um einen kuratierten Ausstellungsraum handelt – und nicht um ein Museum, das über eine eigene Sammlung verfügt. Die Kunsthalle war also immer darauf angewiesen, dass private Sammler Kunstwerke ausliehen. Darunter auch jene von Ringier.

Auch finanziell mussten Private der Institution unter die Arme greifen: Als Ruf die Direktion der Kunsthalle übernahm, belief sich das Jahresbudget auf rund 1,2 Millionen Franken. Als sie nach Amsterdam ging, waren es 2,7 Millionen. Der Zuwachs erklärt sich durch den Umzug ins Löwenbräu-Areal, wo die Ausstellungsflächen der Kunsthalle verdoppelt wurden, wo aber auch die Mieten sehr hoch sind: Seit 2012 betrugen sie jährlich knapp eine Million Franken.

Kunsthalle auf Gelder von Privaten angewiesen

Die Zuwendungen von Stadt und Kanton Zürich passten sich dieser Entwicklung an: Zu Beginn von Beatrix Rufs Intendanz beliefen sie sich auf 36 Prozent; im Jahr des Umzugs ins Löwenbräu stiegen sie auf 64 Prozent. In den letzten vier Jahren lagen sie bei durchschnittlich 43 Prozent.

Die Kunsthalle war und ist also auf Gelder von Privaten angewiesen. In den Jahresberichten werden denn auch zahlreiche Institutionen, Gönner und «Freunde» genannt. Darunter Galerien, Auktionshäuser und private Sammler wie Ringier oder die Roche-Erbin Maja Hoffmann.

Wie viel die Einzelnen dem Budget zuschiessen, erfährt man nicht. Und auch nicht, wie dabei die Unabhängigkeit gegenüber privaten Sammlern und dem Kunstmarkt gewahrt werden kann, wenn man auf ihre Kunstwerke und Gelder angewiesen ist. Die Frage stellt sich nicht zuletzt, weil seit 2016 ein privater Sammler dem Vorstand der Kunsthalle als Präsident vorsteht: Michael Ringier.

Informationen über Massnahmen zur Sicherung der Unabhängigkeit und allfällige Interessenkonflikte an der Kunsthalle könnten die Protokolle des Vorstands geben. «Die Protokolle sind interne Arbeitsinstrumente und nicht öffentlich zugänglich», heisst es seitens des Kunstraums. Und zwar «unabhängig davon, ob die Kunsthalle öffentliche Mittel erhält oder nicht», ergänzt die Stadt Zürich.

Steuergelder ja, Auskünfte lieber nicht

Offenbleiben muss nicht zuletzt die Frage, ob der Wert einzelner Werke messbar gesteigert werden kann, wenn sie in der Ausstellung einer mächtigen Kuratorin gezeigt wurden. Der Verdacht liegt nah. Aber um ihn erhärten zu können, müsste man einen vollständigen Überblick haben, welche Werke ausgestellt – und zu welchem Preis sie erworben und allenfalls weiterverkauft wurden.

Im Fall der Kunsthalle scheitert dies nur schon daran, dass Ringier keine Übersicht zur Verfügung stellen konnte, welche seiner Werke in der Kunsthalle ausgestellt waren – und dies, obwohl ein Familienmitglied von Beatrix Ruf seit Juni 2008 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ringiers Kunstsammlung angestellt ist. «Die Zahl lässt sich rückwirkend für die letzten 15 Jahre kaum ermitteln. Wir gehen davon aus, dass es sich nicht um besonders viele handelt», lässt Ringier ausrichten.

Mit den verfügbaren Ausstellungskatalogen und den Werklisten lässt sich aber rekonstruieren, dass weit über hundert Werke in der Kunsthalle zu sehen waren, die sich zeitweilig in den Sammlungen von Ringier befanden – und möglicherweise noch immer befinden. Dass bei einer massiven Wertsteigerung einer Sammlung um Dutzende, wenn nicht gar um Hunderte Millionen Franken all jene Werke an Wert eingebüsst haben, die in der Kunsthalle ausgestellt wurden, ist schwer vorstellbar. Aber selbstverständlich nicht unmöglich.

Unmöglich wäre es auch nicht, die Unabhängigkeit der Kunsthalle zu sichern. Dafür müsste Transparenz geschaffen werden. Insbesondere von staatlicher Seite. Sonst gibt es weiterhin eine subventionierte Blackbox, mit der sich möglicherweise einträgliche Geschäfte machen lassen können.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 17:41 Uhr

Ringier und die Kunst

Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hat Ringier rund 4000 zeitgenössische Kunstwerke gesammelt. Darunter befinden sich Arbeiten von Richard Prince, Wolfgang Tillmans und Cindy Sherman. Die Sammlung gehört dem Ringier-Verlag und wird dort zu den «Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten» gezählt: Mit der Kunst, deren Wert um Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Millionen wuchs, will das Unternehmen der Gesellschaft etwas zurückgeben, indem man die Werke an Ringiers Firmensitzen sowie in öffentlichen Ausstellungen zugänglich macht. Privat sammeln Ellen und Michael Ringier seit rund vierzig Jahren Kunst des russischen Konstruktivismus, des Suprematismus und des Bauhaus.

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