Ruinen und unfertige Rohbauten

Die Pisa-Ergebnisse attestieren den Schweizer Schüler ein jämmerliches Sprachverständnis. Doch Selbstkritik scheint für die Lehrer ein Fremdwort zu sein

«Nichts sollte konservativer behandelt werden als die Schule.»

«Nichts sollte konservativer behandelt werden als die Schule.» Bild: Keystone

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Der Vorgang bleibt mir unvergessen. Offensichtlich hatte sich ein Abonnent bei uns, damals der «Basler Zeitung», über irgendeinen Missstand beschwert und eine Antwort erhalten: Diese war so grottenschlecht formuliert und strotzte vor orthografischen Fehlern, dass er mir als Chefredaktor dieses Mail aus unserem Abo-Dienst zur Kenntnisnahme zustellte. Gewiss, die junge Frau hatte es sicher gut gemeint, vielleicht hatte sie Sorgen zu Hause, womöglich stand sie unter Druck: Jedenfalls, ich übertreibe nicht, enthielt ihr sehr kurzes Mail rund ein Dutzend Fehler. Also schrieb ich ihr zurück, nicht ohne Gift, ich gebe es zu, und forderte sie auf, unserem malträtierten Kunden einen zweiten, höflicheren und korrekteren Brief zu schreiben, cc an mich. Kurze Zeit später traf die neue Fassung bei mir ein. Katastrophe, Debakel, Weltuntergang: Der Text wies nach wie vor ein Dutzend Fehler auf, immerhin neue. Ein dritter Brief wurde verschickt. Der Kunde meldete sich nie mehr. Wahrscheinlich hat er das Abonnement einer Zeitung gekündigt, deren Angestellte nicht einmal Deutsch meisterten.

An diesen Vorfall musste ich denken, als diese Woche die Pisa-Ergebnisse bekannt wurden, die den Schweizer Schülern im internationalen Vergleich eine jämmerliche Sprachbeherrschung attestierten. Besonders das Lesen macht ihnen Mühe. Einen Chatverlauf etwa zu verstehen, wo es um Hühner ging, so die bittere Erkenntnis, sahen sich viele ausserstande. Infolge solcher und anderer dürftiger Leistungen ­belegte die Schweiz in Sachen «Lesekompetenz» bloss den 27. Rang unter 79 Ländern, was für eines der teuersten Bildungssysteme der Welt peinlich anmutet. Immerhin, das sei eingeräumt, schnitten die Schweizer in Mathematik und ­Naturwissenschaften wesentlich besser ab.

Bemerkenswert waren aber nicht nur diese Resultate, interessant fielen auch die Reaktionen der Betroffenen aus, will sagen der Lehrerschaft und der Bildungspolitiker, also jener Leute, die für diese durchzogene Bilanz die Verantwortung tragen. Ohne Frage haben sie versagt. Wer von ihnen aber etwa öffentliche Zerknirschtheit erwartet hätte, wurde rasch eines Besseren belehrt. Es überwog die Rechthaberei. Statt in sich zu gehen und Sinn und Unsinn der eigenen didaktischen Methoden zu überdenken, wurde vom Gleichen, das nicht funktioniert hat, noch mehr verlangt. Man möchte die «Massnahmen verstärken», hiess es, und die «Anstrengungen intensivieren», was aus der Sprache der Bürokraten übersetzt meistens heisst: Wir wollen mehr Geld und brauchen mehr Stellen, um auf dem Weg weiterzugehen, der uns in den Abgrund geführt hat. Selbstkritik scheint ein Fremdwort zu sein für jene, die unsere Kinder neuerdings dazu anleiten, über sich selber mehr zu reflektieren – schriftlich, die Orthografie wird nicht bewertet.

«Mehr als ein Jahrhundert lang hatte sich unser weltweit bewundertes Bildungssystem bewährt.»

Seit gut 30 Jahren werden unsere Schulen permanent optimiert, reformiert und umgewälzt. Kein Stein blieb auf dem andern. Doch ein neues Haus, wo es nicht zieht, dessen Wände besser halten, und wo sich die Bewohner wohler fühlen und tüchtiger arbeiten, haben wir für das viele Geld nicht erhalten. Ruinen stehen neben halb fertigen Rohbauten. Wie lange soll das so noch weitergehen? Wann wird endlich zurückgebaut? Wann korrigiert, was sich so eindeutig nicht als Fortschritt erwiesen hat? Es ist an der Zeit, dass wir umdenken, wenn nötig ohne «Bildungsexperten».

1830 haben die Liberalen in jenen Kantonen, wo sie die Macht errungen hatten, die Volksschule eingeführt, gleichzeitig neue Universitäten, es folgten zahllose glänzende Bildungsinstitutionen im ganzen Land, allen zugänglich, öffentlich finanziert, streng herrschte das Leistungsprinzip: Es handelt sich um eine der grandiosen Erfolgsgeschichten der Schweiz. Mehr als ein Jahrhundert lang hatte sich unser weltweit bewundertes Bildungssystem bewährt, ohne dass jede Politiker- und Bildungsbürokratengeneration dem Wahn erlegen wäre, alles neu erfinden zu müssen. Klugheit, Erfahrung: Langsam wurde das eine oder andere ergänzt und verbessert, Reformen kamen vor, Revolutionen seltener, ­Vorsicht galt mehr als die Utopie. Denn nichts sollte konservativer behandelt werden als die Schule. Zum einen, weil sich Fehlentwicklungen erst nach einer Generation erkennen lassen, und zum andern, weil man sie dann kaum mehr ­beseitigen kann. Weniger wäre viel mehr.

Ein Dutzend Fehler. Nicht in einem Mail der BaZ, sondern in einer Weihnachtskarte, die eines unserer Kinder dem Grossvater hätte schicken wollen. Seither üben wir das ­Diktat. Auch wenn es verpönt ist.

Markus Somm ist Autor der SonntagsZeitung.



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Erstellt: 07.12.2019, 21:57 Uhr

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