SBB wiederholen Fehler bei der Personalplanung

Dokumente zeigen, wie die Bundesbahnen bereits vor Jahren den zu erwartenden Bedarf an Lokführern unterschätzten. Nun stehen die SBB ­erneut vor dem gleichen Problem.

Schneller fahren nützt nichts: Den SBB fehlen Lokführer. 
Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Schneller fahren nützt nichts: Den SBB fehlen Lokführer. Foto: Gaëtan Bally/Keystone

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Eine Durchsage in einem Intercity am Freitagmorgen fasst die gegenwär­tigen Probleme der Bundesbahnen unfreiwillig zusammen: «Es tut mir leid, dass nicht alle einen Sitzplatz gefunden haben. Positiv ist aber, dass wir pünktlich sind.» Der Zug fuhr in verkürzter Komposition – und das zur Pendlerzeit.

Die SBB hatten keine gute Woche: Störungen, Verspätungen, Züge, die umgeleitet wurden und so nicht alle Haltestellen bedienen konnten. Kein Wunder also, freute man sich in der Durchsage, dass der Zug wenigstens pünktlich ankam.

Die Unannehmlichkeiten häuften sich ausgerechnet in der Woche, in der die Chefetage öffentlich über Probleme bei der Pünktlichkeit informierte. «Was ich brauche, sind zwei Dinge: Rollmaterial und Personal», sagte Toni Häne, Chef Personenverkehr, am Montag. Beides ­allerdings ist rar. Beim Rollmaterial ist der Schuldige schnell gefunden: Bombardier hat den neuen Doppelstöcker nicht rechtzeitig geliefert. Bei den Lokführern hingegen ist der momentane Mangel hausgemacht. «Der Grund liegt bei der drei bis vier Jahre zurückliegenden Planung. Da wurden grobe Fehler gemacht», sagte Häne. Man habe zu wenig auf ­Zusatz-, Event- und Baustellenverkehr neben dem sonst schon wachsenden Grundangebot geachtet. Hänes Botschaft: Asche auf unser Haupt, wir versuchen das jetzt irgendwie zu lösen – und rekrutieren neues Personal.

«In der vier ­Jahre ­zurückliegenden Planung wurden ­grobe Fehler gemacht.»Toni Häne, Chef Personenverkehr, 2019

Neu ist diese Situation für die SBB aber keineswegs. Neu ist nur, dass man sich öffentlich zu den eigenen Fehlern bekennt. In den vergangenen Jahren ­hatten die Bundesbahnen immer wieder Probleme bei der Planung des Lokpersonals. Dies zeigen interne Dokumente, die der SonntagsZeitung vorliegen.

Alle paar Monate schauen Planer bei den SBB in die Zukunft und vergleichen Bedarf und Bestand an Lokführerinnen und Lokführern. Eine Auswertung der vergangenen acht Jahre zeigt: Die Prognosen sind meist zu positiv.

Ein Beispiel: Im Juli 2011 gingen die SBB für das Jahr 2013 von einem Überbestand von 70 Vollzeitstellen aus. Was offenbar auch das Ziel war, spricht man doch im gleichen Dokument davon, dass offene Zeitguthaben abgebaut werden können. Diese Prognose wurde in der Folge nach unten korrigiert. Die Realität war dann ein «leichter Unterbestand» für das Jahr 2013, wie es in einem Dokument vom September 2013 heisst. Das ist nicht das einzige Mal, dass die Prognose dem Realitätscheck nicht standhält. Für das Jahr 2017 wurde erst ein Unterbestand ausgewiesen, dann ein Über-, dann ein ausgeglichener Personalbestand. Am Ende wars dann ein Unterbestand.

«Vor zwei Jahren hat die Leitung aufgrund anderer Annahmen und Zahlen falsch entschieden.»SBB-Planer, 2014

Wenig erstaunlich also, dass man im Dezember 2014 intern zugeben musste: «Schweizweit fehlen zwischen 10 und 50 Lokführer, je nach Tag und Standort variierend», heisst es in einem Papier. Besonders betroffen: die Region Zürich, wo man von einem Unterbestand von fast 40 Stellen, beziehungsweise knapp 9 Prozent für das folgende Jahr ausging.

Der Grund: Zwei Jahre zuvor habe «die Leitung aufgrund von anderen Annahmen und Zahlen falsch entschieden» bezüglich Ausbildung neuer Lokführer. Insbesondere seien die Ferientagent­wicklung aufgrund der Demografie, die Bauarbeiten sowie die vielen Zusatz­bestellungen für Projekte unterschätzt worden, heisst es weiter. Es sind ähn­liche Probleme, wie sie Häne für den heutigen Lokpersonalmangel nannte.

Die SBB versuchten 2014, mit 30 Massnahmen den Unterbestand zu beseitigen. So wurden etwa Pensionierte wieder zurückgeholt. Der Blick in die Planung für die weiteren Jahre zeigt allerdings: Es wurde weiterhin von zu hohen Beständen ausgegangen. Für das laufende Jahr prognostizierten die SBB 2016 zum Beispiel einen leichten Überbestand. Diese Prognose wurde über die Jahre nach unten korrigiert, ehe man im März 2018 erstmals von einem Unterbestand für 2019 ausging. Die SBB wussten also seit mindestens einem Jahr, dass sie abermals in ein Problem laufen würden. Für 2020 gehen die Bundesbahnen laut der Pro­gnose vom vergangenen August von einem noch grösseren Minus aus.

Baustellen, Verkehrsaufkommen und Zusatzverkehr

Bei der Gewerkschaft SEV ist man nicht überrascht, wie sich die Situation heute präsentiert. «Unsere Vertreter haben die SBB in den vergangenen Jahren immer wieder auf einen Unterbestand hingewiesen», sagt Gewerkschaftssekretär Jürg Hurni. Konsequenzen daraus ­seien jedoch seitens SBB nicht gezogen worden.

Konfrontiert mit den sich offenbar wiederholenden Fehlern in der Planung sagt ein SBB-Sprecher: «Wie wir kommuniziert haben, bestehen die anspruchsvolle betriebliche Situation und die Fehler der SBB bei der Bedarfs- und Aus­bildungsplanung des Lokpersonals seit mehreren Jahren.» Der Planung würden Annahmen zugrunde liegen, die über die Jahre gemäss neuen Erkenntnissen angepasst wurden. «Heute wissen wir, dass die Anpassungen zu konservativ waren», sagt der Sprecher. Die Zahl der Baustellen, das Verkehrsaufkommen und insbesondere auch der Zusatzverkehr hätten sich in den vergangenen Jahren stärker entwickelt als angenommen. Man habe die Situation erkannt und zusätzliche Stellen geschaffen.

Diese Erkenntnis kommt spät, wenn man bedenkt, dass die Leitung intern bereits 2014 Fehler zugeben musste. Doch in der Folge wurde wiederum der Baustellen- und Zusatzverkehr unterschätzt.



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Erstellt: 02.11.2019, 22:32 Uhr

In Zahlen

65
Lokführerinnen und Lokführer fehlen laut den SBB im Durchschnitt jeden Tag.

240
Lokführerinnen und -führer werden 2020 in Ausbildung sein. 2021 werden es 195 sein. Ab 2022 sind pro Jahr 140 Lernende vorgesehen, wobei die Zahl je nach Verkehrsentwicklung noch angepasst werde, so die SBB.

80
Franken
erhalten Lokführer als Bonus für jeden freien Tag, an dem sie einspringen.

10
Pensionierte sind zurzeit für die SBB im Führerstand im Einsatz.

70'000
Franken pro Jahr beträgt der Anfangslohn eines Lokführers bei den SBB.

40
Jahre oder älter: Dies ist die Alterskategorie, welche die SBB seit kurzem in einer neuen Kampagne anspricht, um noch eine Lokführerausbildung zu starten.

1000
Lokführer müssen in den nächsten fünf Jahren ersetzt werden, weil sie in die Pension gehen.

Die grosse Charme-Offensive

Mit Rabatten, Geschenken und Gutscheinen wollen die chronisch verspäteten SBB ihre Kunden besänftigen. Generalabo-­Besitzer erhalten für die nächste Rechnung eine Gutschrift. Für Inhaber eines GA der 1. Klasse sind es 100 Franken, jene mit einem Abonnement der 2. Klasse bekommen 50 Franken. Das haben die SBB in diesen Tagen in einem Schreiben an ihre rund 500'000 Stammkunden mitgeteilt. Darin entschuldigt sich die Bahn für die Probleme mit den Bombardier-Doppelstockzügen, die Betriebsstörungen und die fehlenden Lokführer. Die Gutschriften kosten die Bundesbahnen rund 32 Millionen Franken. Zudem haben die SBB angekündigt, dass sie 20 Millionen Franken mehr als geplant für Sparbillette auslegen wollen.

Auch wollen sie zusätzliche 8 Millionen Franken in die Sauberkeit der Züge, in Schulreisen und in weitere Ermässigungen und Gutscheine investieren. So haben sie zum Beispiel in den Speisewagen schon eine Charme-Offensive gestartet: Bis Ende Jahr gibt es jeden Montag 50 Prozent Rabatt auf alle Esswaren und Getränke. Ausgenommen sind alkoholische Getränke. Zudem verteilen Bahnangestellte noch bis Ende Monat Gutscheine in verschiedenen ­Zügen, etwa ab Basel, Zürich oder St. Gallen. Mit diesen Aktionen wollen sich die SBB bei sämtlichen Kunden bedanken, wie eine Sprecherin sagt.

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