SBB-Mitarbeiter strafen ihren abtretenden Chef ab

Eine Umfrage beim Personal der Bundesbahnen offenbart einen markanten Vertrauensverlust.

Ihr Engagement ist gross: Gleisbauer im Solothurner Eppenbergtunnel. Foto: Keystone Noch-SBB-Chef Andreas Meyer

Ihr Engagement ist gross: Gleisbauer im Solothurner Eppenbergtunnel. Foto: Keystone Noch-SBB-Chef Andreas Meyer

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Noch ist nicht klar, wann Andreas Meyer als Chef der Bundesbahnen abtritt. Bisher ist einzig sein Wunsch bekannt: Er möchte am liebsten bleiben, bis im nächsten Jahr der Ceneri-Basistunnel eröffnet wird. Dies sagte er in einem Interview nach seiner überraschenden Rücktrittsankündigung. Der Verwaltungsrat steht allerdings unter politischem Druck, den Wechsel an der Spitze schneller zu vollziehen. Druck auf Meyer und seine Kollegen in der Konzernleitung kommt aber nicht nur von aussen, sondern auch aus den Bundesbahnen selber.

Regelmässig will die Chefetage von den Angestellten wissen, wie gern sie etwa bei den SBB arbeiten oder wie hoch das Vertrauen in die Führung ist. Diese Woche wurden die ersten summarischen Resultate der diesjährigen Personalumfrage intern preisgegeben.

Ein Blick in die Resultate zeigt: Das Vertrauen in die Konzernleitung ist im Vergleich zum vergangenen Jahr noch einmal gesunken. 2018 hielten die SBB bei der Veröffentlichung der Resultate fest, dass «das mangelnde Vertrauen der eigenen Mitarbeitenden für die Konzernleitung bedenklich und unbefriedigend» sei. Die Konzernleitung befasse sich deshalb im November und Dezember vertieft mit den Ergebnissen und diskutiere mögliche Massnahmen.

Diese Massnahmen haben offenbar nicht gegriffen. Das Vertrauen in die Konzernleitung sank um einen Punkt auf noch 46 von 100 Punkten. Vor fünf Jahren erreichte diese Kennzahl 52. Die Punktzahl wird entscheidend gestützt von den Kadermitarbeitern. Sie vertrauen der Konzernleitung mehr als der Rest der Mitarbeitenden, wie es in der internen Mitteilung heisst. Würden also die Resultate der Kaderleute abgezogen, läge der Wert noch tiefer.

Fehler beispielsweise in der Lokführerplanung

Mit ihren direkten Vorgesetzten scheinen die SBB-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter allerdings kein Problem zu haben. Das Vertrauen in sie liegt bei 79 Punkten und ist im Vergleich zu 2018 gestiegen.

Andere, zentrale Werte in der Umfrage sind ebenfalls weit besser ausgefallen als beim Vertrauen in die Konzernspitze. Die Personalmotivation liegt wie im Vorjahr bei 73 Punkten. Diese Kennzahl umfasst zum Beispiel die Verbundenheit mit dem Unternehmen, das Engagement für die SBB oder die Arbeitszufriedenheit, wie es in der Mitteilung an die Angestellten heisst. Die Mitarbeiter engagieren sich laut der Auswertung denn auch stark für ihren Arbeitgeber: Dieser Wert lag bei 82 Punkten. Mit 76 Punkten bewertetet wird zudem die Freude an der eigenen Arbeit. Die Personalmotivation liegt mit 66 Punkten ebenso deutlich über dem Vertrauen in Meyer und seine Kollegen in der Konzernleitung.

Die Auswertung zeigt: Die Bundesbahnen werden als durchaus attraktive Arbeitgeberin betrachtet; doch beim Verhältnis von Mitarbeitenden zur Konzernspitze liegt einiges im Argen.

Die Gewerkschaft fordert , dass alle Kräfte auf den Betrieb konzentriert und Reorganisationen gestoppt werden. Dem kommen die SBB ein Stück weit entgegen.

SBB-Chef Andreas Meyer sagt zu den Umfragewerten: «Das ist sicher nicht schön. Aber auch verständlich, wenn man sieht, was wir besonders auch in diesem Jahr für Herausforderungen hatten.» Er spricht etwa die von der SBB-Führung eingeräumten Fehler in der Lokführerplanung an. Nach der letztjährigen Umfrage habe die Konzernleitung die Teams innerhalb des Unternehmens besucht, welche die tiefsten Werte ausgewiesen hatten. «Da stellte sich heraus, dass vielfach das Problem irgendwo zwischen den direkten Vorgesetzten und der Konzernleitung entstanden ist. Die Konzernleitung ist da wohl auch ein wenig ein Ventil», sagt Meyer.

Bei der Gewerkschaft SEV ist man wenig überrascht von den Ergebnissen. «Dass die SBB ein Problem haben, ist evident. Und dass nicht die Mitarbeitenden dieses Problem verursacht haben, sondern eine Strategie, die nicht den robusten Betrieb im Fokus hat, sondern das Finanzergebnis, ebenso», sagt SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger. Die Folgen seien etwa der Lokführermangel, aber auch zu wenig Personal in anderen Bereichen. Zudem würden «viel zu viele Reorganisationen durchgeführt, bei denen der Überblick verloren gegangen ist».

Die Gewerkschaft fordert deshalb, dass alle Kräfte auf den Betrieb konzentriert und Reorganisationen gestoppt werden. Diesen Forderungen kommt die SBB-Führung in der internen Mitteilung ein Stück weit entgegen. Die Ergebnisse würden zeigen, wie wichtig es sei, auf das operative Bahngeschäft zu fokussieren und Veränderungsprogramme mit Bedacht anzugehen. «Das bedeutet priorisieren, in Etappen aufteilen oder auch stoppen», heisst es. Erfolgte Reorganisationen müssten verdaut sowie deren Sinn und Hintergrund den Mitarbeitenden auf persönlichere Weise nähergebracht werden. Dies, um die «spürbare Distanz zwischen Konzernleitung und Mitarbeitenden zu verkleinern».



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Erstellt: 24.11.2019, 14:15 Uhr

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