Schnelles Internet soll Berggebiete retten

Mit dem neuen 5G-Handynetz werden abgelegene Dörfer zu idealen Arbeitsorten. Das kann sogar neue Einwohner anziehen.

Turbonetz: Mit der 5G-Technologie könnten sich auch Bergdörfer mit den Zentren vernetzen, die bisher keine Anbindung hatten. Foto: Getty Images

Turbonetz: Mit der 5G-Technologie könnten sich auch Bergdörfer mit den Zentren vernetzen, die bisher keine Anbindung hatten. Foto: Getty Images

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Minus 23 Prozent: So stark ist die Bevölkerung in der Bündner Oberländer Gemeinde Trun seit 1981 geschrumpft. Wenig ­besser ist die Situation in Medel (–15 Prozent) und im benachbarten Sumvitg (–11 Prozent).

Doch nun keimt in der Surselva Hoffnung auf, die Abwanderung zu stoppen oder zumindest zu bremsen. Die Mobilfunkanbieter Swisscom, Sunrise und Salt haben in der vergangenen Woche für 380 Millionen Franken die Frequenzen für den ultraschnellen Mobilfunk 5G ersteigert und wollen nun ab 2020 ein flächendeckendes 5G-Netz bereitstellen.

Damit können bisher unvorstellbare Datenmengen in Windeseile übermittelt werden. Arbeiten im Internet wird überall dort möglich, wo eine 5G-Antenne steht. Das Turbonetz werde «unsere Gesellschaft genauso tiefgreifend umkrempeln, wie es einst die Elektrifizierung oder das Aufkommen des Automobils getan haben», glaubt der Schweizerische Verband der Telekommunikation.

Zum Beispiel die Berggebiete. Denn mit 5G kann digitales Arbeiten künftig ebenso schnell und zuverlässig in Trun, Medel oder Sumvitg erledigt werden wie in Zürich, Basel oder Bern. «5G kann einen Beitrag leisten, um die Abwanderung zu stoppen», sagt deshalb der Bündner CVP-Volkswirtschafts­direktor Marcus Caduff, der selber aus der Surselva stammt. Seine Wohngemeinde Lumnezia ist ebenfalls von Abwanderung betroffen: minus 8 Prozent seit 1981.

Firmengründer ziehen von der Stadt in die Berge

Schon der Ausbau der Glasfasernetze hat in gewissen Bündner Regionen neue Arbeitsplätze entstehen lassen. «Seit drei Jahren lassen sich immer mehr Leute aus dem Unterland in Bergdörfern nieder, in denen es eine gute Internet­abdeckung gibt», sagt ­Caduff. Er kennt Dörfer in der Surselva und im Engadin, wohin Software­entwickler, Firmengründer und Ingenieure aus dem Mittelland gezogen sind, um in den Bergen in Ruhe arbeiten und wohnen zu können. Ohne schnelles Internet wäre das nicht möglich gewesen. Doch Glasfasernetze haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind teuer und deshalb vor allem für geschlossene Siedlungsgebiete ge­eignet. Eine Erschliessung des gesamten ländlichen Raums mit seinen Streusiedlungen, abgelegenen Weilern und einzelnen Höfen wäre unverhältnismässig teuer.

Arbeiten in den Bergen: In Andermatt soll ein Co-Working-Space entstehen. Foto: Keystone

Hier kommt 5G ins Spiel. Die neue Technologie ist zwar wegen der höheren Strahlung umstritten. Trotzdem hat der ländliche Raum für einmal die Chance, die Städte abzuhängen. Das Parlament hat es im vergangenen Sommer abgelehnt, die vergleichsweise strengen Schweizer Grenzwerte für Handystrahlen zu senken. Das hat zur Folge, dass die Handybenutzer in städtischen Gebieten, wo neun von zehn Antennen schon heute den Grenzwert erreichen, länger auf das schnelle Netz warten müssen als auf dem Land. Dort sind die Grenzwerte vielerorts noch längst nicht erreicht.

Im Kanton Uri keimt nun die Hoffnung auf, die Abwanderung zu stoppen, von der vor allem das obere Reusstal betroffen ist. «5G ist für Berggebiete eine Chance», sagt CVP-Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind. «Man kann damit Gebiete erschliessen, die bis jetzt eine schlechte Anbindung hatten. Das kann dazu beitragen, dass Arbeitsplätze angesiedelt werden.» Beispielsweise könnten sich Menschen, die von der Stadt wegziehen wollen, in Berggebieten niederlassen und hier arbeiten, hofft Camenzind. Oder Einheimische könnten einfacher im Home-Office arbeiten, was die Abwanderung bremsen könnte. «Dafür ist es unabdingbar, schnelle Internetverbindungen zu haben.»

Im Kantonshauptort Altdorf gibt es seit eineinhalb Jahren ein digitales Gemeinschaftsbüro, einen sogenannten Co-Working-Space, als Alternative zum Home-Office oder dem klassischen Firmenarbeitsplatz. Nun soll in Andermatt, auf dem Gelände des Tourismus­resorts des ägyptischen Investors Samih Sawiris, ein zweiter Co-Working-Space entstehen.

Den ländlichen Raum zukunftsfähig machen

Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete sieht solche neuen Angebote als Chance für die Bergdörfer. «Mit der Digitalisierung gibt es völlig neue Möglichkeiten», sagt Direktor Thomas Egger, der als Walliser CVP-Vertreter im Nationalrat sitzt. «Die grossen Distanzen verschwinden, ein Architekt, Ingenieur oder Softwareentwickler kann nun ebenso gut in einem Bergdorf arbeiten wie in Zürich.»

Um die Entwicklung zu beschleunigen, hat die Arbeitsgemeinschaft im vergangenen Sommer mit Fördermitteln des Bundes und der EU das Projekt «Smart Villages» gestartet. 5 Oberwalliser Dörfer und 28 Gemeinden im Entlebuch und im Luzerner Hinterland, die zum Teil ebenfalls von Abwanderung betroffen sind, nehmen daran teil. Die Idee ist, mit standortungebundenen Arbeitsplätzen, Co-Working-Spaces, der Digitalisierung der Schulen, E-Government, Carsharing-Plattformen oder autonomen Fahrzeugen die Dörfer attraktiver zu machen für die Einheimischen, aber auch für Feriengäste oder neue Einwohner. Die Ergebnisse sollen auf andere Bergdörfer im Alpenraum übertragen werden.

«Es geht darum, den ländlichen Raum und die Berggebiete zukunftsfähig zu machen», sagt Guido Roos, Geschäftsführer des Verbands Region Luzern-West. Dieser beteiligt sich am Projekt «Smart Villages» und ist zurzeit daran, das Potenzial für Co-Working-Spaces in Wolhusen, Willisau und Schüpfheim auszuloten. Ohne das ultraschnelle Internet werde das aber nicht gehen, sagt Roos. «Es ist die Voraussetzung, um Leben und Arbeiten im ländlichen Raum zu stärken.»

Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Februar 2019 in der SonntagsZeitung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.02.2019, 17:22 Uhr

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