Schnellkurs für Klimaschützer

Die Konferenz in Madrid geht in die Endphase. Um die Resultate Ende Woche einschätzen zu können, muss man sich über einiges im Klaren sein. Zehn wichtige Fragen.

Gefordert sind vor allem Industriestaaten: Klimakonferenz in Madrid. Foto: Keystone

Gefordert sind vor allem Industriestaaten: Klimakonferenz in Madrid. Foto: Keystone

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Die 25. UNO-Klimakonferenz in Madrid ist nicht spektakulär. Es werden keine neuen Verträge verhandelt. Dennoch könnte sie neue Massstäbe schaffen. In der kommenden Woche wird erwartet, dass vor allem die Industriestaaten sig­nalisieren, künftig deutlich mehr Treibhausgase zu reduzieren. Ende des nächsten Jahres, so verlangt das Pariser Klimaabkommen, müssen die nationalen Klimaschutzpläne verschärft werden. Die Chancen sind grundsätzlich grösser, wenn schon früh Absichten dafür erklärt werden.

1 Wie gross ist der politische Wille?

Nimmt man die bisherigen nationalen Klimaschutzpläne der Vertragsstaaten als Massstab, so scheint die Dringlichkeit zu handeln noch nicht richtig erkannt worden zu sein. Der vor einer ­Woche veröffentlichte Klimabericht des UNO-Umweltprogramms (Unep) ist wenig optimistisch. Es gebe keine Anzeichen, dass die weltweiten Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahren das Maximum erreichen würden und der Ausstoss nicht mehr ansteige. Die Klimapläne reichen bei weitem nicht aus, um die Ziele des Klimaabkommens zu erfüllen. Die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer stösst knapp 80 Prozent der globalen Emissionen aus.

Bisher haben laut Bericht nur gerade fünf Staaten, darunter Japan und Grossbritannien, das langfristige Ziel festgelegt, bis 2050 die Emissionen gegen null zu senken. Der Bundesrat hat dies in diesem Jahr für die Schweiz beschlossen. An der Klimakonferenz in Madrid erwartet man starke Sig­nale, dass die Klimapläne bis Ende des nächsten Jahres nachgebessert werden. So ist es im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben.

2 Wann ist der Klimazug abgefahren?

Artikel 2 des Pariser Klimaabkommens hält fest: Die durchschnitt­liche Erderwärmung muss im Vergleich zur vorindustriellen Zeit «deutlich unter 2 Grad Celsius» bleiben, und es müssen Anstrengungen unternommen werden, um eine Erwärmung um 1,5 Grad zu verhindern. Die Klimaforscher können immer exakter abschätzen, wie viel zusätzliche Treibhausgase noch in die Atmosphäre gelangen dürfen, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Wissenschaft gibt einen Pfad vor, wie die Erwärmung am kostengünstigsten verhindert werden kann. Der neue Unep-Bericht geht davon aus, dass die Emissionen global bis 2030 um 2,7 Prozent jährlich gesenkt werden müssen, damit sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts nicht um 2 Grad erwärmt. In den letzten zehn Jahren sind diese jedoch durchschnittlich um 1,5 Prozent gestiegen. In diesem Jahr ist das Wachstum etwas langsamer.

3 Ist der Pariser Klimavertrag gerecht?

187 Staaten haben das Pariser Klimaabkommen bis dato ratifiziert. Der 2015 verabschiedete Vertrag nimmt alle Vertragsstaaten, also Industrie- wie Entwicklungsländer in die Pflicht, Treibhausgase zu reduzieren – so stark, wie es die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten zulassen. Die Industrieländer sind allerdings aufgefordert, stärkere Anstrengungen zu unternehmen als arme Staaten. In den Verhandlungen haben die Entwicklungsländer stets auf die historische Schuld gepocht: Die Industrialisierung verursachte den starken globalen CO2. Deshalb fordern Umweltorganisationen und die Jugendbewegung Fridays for Future, dass die reichen Staaten die Emissionen bereits bis 2030 gegen null senken müssen.

Seit Anfang 2000 hat sich die welt­weite Verteilung der Emissionen verändert: Der Ausstoss pro Kopf ist in den Industrieländern (ausgenommen Russland) gesunken. China jedoch, das offiziell immer noch als Entwicklungsland gilt, ist heute der grösste CO2-Produzent und war in den letzten 15 Jahren massgeblich für den starken Anstieg der Emissionen verantwortlich.

4 Wie gut sind wir an den Klimawandel angepasst?

Nach wie vor ist es schwierig, einzelne Extremereignisse wie Wirbelstürme, Überschwemmungen oder Dürren direkt dem Klimawandel zuzuschreiben. Global ­betrachtet, lässt sich jedoch ein ­Zusammenhang feststellen, wie verschiedene Studien zeigen.

Heute lässt sich schon abschätzen, welche Staaten gegenüber dem Klimawandel besonders verwundbar sind. Die Umweltorganisation Germanwatch hat in Madrid letzte Woche den globalen Klima-Risiko-Index präsentiert: Zwischen 1998 und 2017 sind mehr als 526000 Menschen durch extreme Wetterereignisse ums Leben gekommen. Die Schäden beliefen sich insgesamt auf 3,47 Billionen Dollar. Die zehn am stärksten betroffenen Staaten sind alle Entwicklungsländer. Die ersten drei: Puerto Rico, Honduras und Myanmar.

5 Wie viel wird in Klimaanpassung investiert?

Es ist schwierig abschätzbar, wie viel insgesamt weltweit in Projekte investiert wird, um gegen die Folgen des Klimawandels gewappnet zu sein. Die jüngsten Zahlen des grössten Klimafonds, des Green Climate Fund, den die Industriestaaten jährlich äufnen sollen, zeigt: Von den derzeit rund sieben Milliarden fliesst nur ein Fünftel in Anpassungsprojekte in armen Staaten; das meiste Geld wird für Massnahmen verwendet, um Treibhausgase zu reduzieren. Das Pariser Abkommen verlangt jedoch, dass die Hälfte der Gelder in die Anpassung investiert wird.

6 Wie wird Klimaschutz finanziert?

Die Industrieländer haben sich verpflichtet, ab 2020 gemeinsam jährlich 100 Milliarden Dollar zu mobilisieren, um die Entwicklungsländer in ihrer Klimapolitik zu unterstützen. Die Finanzierung besteht aus öffentlichen und privaten Beiträgen, seien es Subventionen, Darlehen oder direkte Investitionen. Diskutiert wird derzeit, wie die versprochenen Gelder ausbezahlt werden. Es können Jahre vergehen, bis die Staaten darauf zugreifen können.

7 Ist der Emissionshandel wirksam?

Vertragsstaaten können in ausländische Klimaprojekte investieren und die reduzierten Treibhaus­gase für sich anrechnen lassen. Für jede Tonne reduziertes Treibhausgas gibt es ein Zertifikat. In Madrid wird nun verhandelt, damit im Pariser Klimaabkommen strenge Regeln für den Emissionsmarkt festgelegt werden; die reduzierte Tonne soll nicht doppelt verrechnet werden können – im Land des Investors und im Staat, in dem die Treibhausgase reduziert wurden. Das wäre sonst ein Nullsummenspiel.

8 Ist Klimaschutz schlecht für die Wirtschaft?

Wer nicht in den Klimaschutz investieren will, argumentiert mit den viel zu teuren Technologien, die nicht marktfähig seien. Ein vor wenigen Wochen veröffentlichter Unep-Bericht zeigt hingegen, dass die Energieproduktion durch klimaschonende Energiequellen wie Wind- und Solarkraft, Geothermie und Wasserkraft oft billiger ist als fossile Energie.

9 Gibt es noch andere Treibhausgase?

Es gibt neben CO2 noch andere Treibhausgase, deren Reduktion gemäss Abkommen angerechnet werden kann. Das sind Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft, Fluorkohlenwasserstoffe, Schwefelhexafluorid und Stickstofftrifluorid aus der Industrie. Die meisten dieser Stoffe haben ein stärkeres Erwärmungspotenzial als CO2, sind aber vergleichsweise nur gering oder nicht so lange in der Atmosphäre.

10 Ist die Staatspolitik zu träge?

Über 10'000 Städte und Regionen, Tausende Unternehmen und Hunderte Initiativen haben sich in den letzten Jahren freiwillig dem Klimaschutz verpflichtet. Deren festgelegten Klimaziele sind vielfach ehrgeiziger als die staatlichen. Der Reduktionspfad, um die Pariser Klimaziele zu erreichen, wäre in Reichweite, wenn diese zusätz­lichen Emissionsreduktionen durch freiwillige Programme berücksichtigt würden. Das zeigt eine internationale Studie, an der unter anderem die Universität Oxford beteiligt war.



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Erstellt: 07.12.2019, 17:53 Uhr

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