Schüler und Beamte ­sollen aufs Fliegen verzichten

Politiker fordern, dass Schulkinder und Lehrer für Klassenreisen künftig Zug oder Bus benützen. Gymnasien in Bern, Basel und Zürich gehen mit gutem Beispiel voran.

Rund 15'000 Personen liefen am Samstag durch Zürich und verlangten, dass endlich Massnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden. Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

Rund 15'000 Personen liefen am Samstag durch Zürich und verlangten, dass endlich Massnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden. Foto: Arnd Wiegmann/Reuters

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Sie hören nicht auf, ihre Sorgen und ihre Forderungen in die Welt zu tragen. Seit Wochen gehen Schüler auf die Strasse, um sich für mehr Klimaschutz einzusetzen. Auch gestern Samstag gab es wieder in der ganzen Schweiz Kundgebungen. An der Demo in Zürich liefen laut Veranstaltern 15'000 Menschen mit. In der ganzen Schweiz waren es rund 50'000. Motto der Klimaaktivisten: «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.»

Längst haben die Proteste auch die politische Ebene erreicht. Im Kanton Zürich machen die Grünen so richtig Dampf. Sie wollen die Flugreisen für Staatsangestellte stark einschränken – und an den Schulen ganz streichen.

Geht es nach den drei grünen Kantonsräten, die den Vorstoss im März eingereicht haben, dürfen Staatsangestellte, Behördenmitglieder und Studenten nur noch in den Flieger steigen, wenn die Strecke pro Weg länger als 1200 Kilometer ist. Und für Schüler und Lehrer soll der Regierungsrat Regelungen einführen, «so dass an den Volksschulen, Berufsfachschulen und Mittelschulen grundsätzlich auf Flüge verzichtet wird», heisst es im Postulat.

Betroffen wären von dieser Regelung rund 15'000 Lehrer und etwa 200'000 Schüler in den Zürcher Volks-, Mittel- und Berufsschulen.

Ein ähnlicher Vorstoss einer Grünen-Abgeordneten wurde bereits im Kanton Genf eingereicht – er geht bei den Schulen aber weniger weit. Die Flüge sollen nur «auf ein Minimum reduziert», aber nicht grundsätzlich verboten werden. Der Grosse Rat in Genf hat dem Vorstoss zugestimmt.

In Luzern jettete eine Kanti-Klasse nach Indien

Auch ein strikter Flugverzicht, wie er jetzt in Zürich gefordert wird, findet Anhänger. Zum Beispiel bei den Lehrerverbänden. «Der Vorstand unterstützt die Forderung, an den Schulen keine Flugreisen mehr durchzuführen», heisst es beim Zürcher Verband der Lehrkräfte in der Berufsbildung. Für ein Grounding des fliegenden Klassenzimmers ist auch Rolf Butz, Geschäftsführer des Kaufmännischen Verbands Zürich. «Ich begrüsse den Verzicht auf Flugreisen an den Berufsschulen. Fliegen ist die mit Abstand klimaschädlichste Art zu reisen.»

Butz ist auch Präsident des Schulrats am KV Zürich, der grössten kaufmännischen Wirtschaftsschule der Schweiz. Hier gelte bereits heute ein Flugverbot für die Weiterbildungsanlässe der Lehrer. Und für Sprachaufenthalte würden die Schüler «in der Regel» Zug und Bus benutzen, sagt Butz. «Allerdings wird der Faktor Zeitaufwand mitberücksichtigt.»

Am ausgedehntesten auf Reisen gehen die Gymnasiasten und Mittelschüler. «Sind die Hunderttausende Flugkilometer, die Gymnasiasten im Rahmen von Schulprojekten zurücklegen, noch zu verantworten?», fragt Markus Elsener, Präsident des Verbands Luzerner Mittelschullehrer, in der neusten Verbandspublikation. Es gehe hier nicht nur um die Glaubwürdigkeit der protestierenden Klimajugend, sondern auch um jene der Lehrer, schreibt Elsener. Und schiebt die nächste Frage nach: «Lassen wir den Worten zum Klimawandel und Klimaschutz auch Taten folgen?»

Davon ist man im Luzernischen noch weit entfernt – zumindest, wenn es darum geht, auf Schulreisen nicht mehr in den Flieger zu steigen. Von einer einzigen Kanti abgesehen, so schrieb die «Luzerner Zeitung» jüngst, gibt es an den Kantonsschulen keine Flugverbote. Die Gymnasiasten schwärmen in alle Himmelsrichtungen aus – manche auch noch gerne im Flugzeug.

An der Kanti Musegg in Luzern flog eine Freifachklasse Italienisch nach Rom. Der Speaking Club der Kantonsschule Sursee brauste im Flieger nach London. Und an der Kantonsschule Alpenquai Luzern jettete eine Klasse bis nach Indien – für ein Austauschprogramm namens «schweizerisch-indisches Klassenzimmer».

Dass es auch anders geht, zeigt das Gymnasium Leonhard in Basel. Auch hier flogen die Schüler bisher für Abschlussreisen oder Kulturwochen munter in der Welt herum. Nach Zypern, Kroatien, Budapest, Lissabon, Barcelona oder Madrid. Damit ist jetzt Schluss. Ab nächstem Jahr sind Flugreisen gestrichen. «Der Verzicht wurde nicht von oben herab bestimmt», sagt Rektor Christian Döbeli. «Die Schüler und Lehrer haben das gemeinsam entschieden.»

In Wetzikon sammeln Schüler Unterschriften für eine Petition

Auch am Berner Gymnasium Kirchenfeld wird neuerdings für Maturareisen auf das Flugzeug verzichtet. In Zürich hat das Realgymnasium Rämibühl reagiert. Im Januar habe sich das Kollegium verpflichtet, «auf Flugreisen zu verzichten», sagt Prorektor Tobias Weber. Eine Kooperation mit der Sprachschule in Dublin werde voraussichtlich nächstes Jahr aufgegeben. «Wir suchen eine Partnerschule in Südengland, die mit dem Zug oder dem Reisebus erreichbar ist.»

Dem Flugboykott dürften künftig weitere Schulen folgen. Dafür werden die jungen Aktivisten der Klimastreik-Bewegung wie der 17-jährige Jonas Kampus sorgen, der zu den führenden Vertretern gehört. Er geht an die Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon. Hier haben die Schüler schon vor zwei Jahren durchgesetzt, dass die Zahl der Flugreisen auf zwei pro Jahr begrenzt wird. «Derzeit sammeln wir Unterschriften für eine Petition, um die Flugreisen an unserer Schule ganz zu verbieten», sagt Kampus. Er sei zuversichtlich, dass diese Regelung durchkomme. Einen ersten Erfolg gebe es bereits zu vermelden: «Dieses Jahr kam eine Flugreise nicht zustande – es haben sich zu wenig Schüler angemeldet.»

Erstellt: 07.04.2019, 07:41 Uhr

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