«Schweiz ist das letzte Asylland für die Harvey Weinsteins dieser Welt»

Er schrieb die Gags von Jan Böhmermann. Ralf Kabelka erzählt, warum SVP-Politiker Erich Hess ein willkommenes Opfer war und weshalb Comedy von Männern geprägt ist.

«Wir Männer geloben Besserung. Immer wieder»: Comedy-Autor Ralf Kabelka. Foto: Thomas Rabsch/laif

«Wir Männer geloben Besserung. Immer wieder»: Comedy-Autor Ralf Kabelka. Foto: Thomas Rabsch/laif

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Eigentlich wissen alle, dass die grossen Late-Night-Hosts wie Harald Schmidt oder Jan Böhmermann nur so lustig sein können, weil sie im Hintergrund ein ganzes Team an Autoren haben, die für sie Gags schreiben. Doch meist bleiben die Witze-Autoren im Hintergrund. Anders Ralf Kabelka. Der 54-jährige Deutsche hat nicht nur für alle Grossen geschrieben. Er war auch immer wieder vor der Kamera zu sehen. Etwa als fiktiver CDU-Politiker Udo Brömme in den Einspielfilmen der «Harald Schmidt Show». Oder für Oliver Welkes «heute-show», für die er den Berner SVP-Politiker Erich Hess vorführte. Nach der Sommerpause wechselt Kabelka von Böhmermanns «Neo Magazin Royale», das er von Anfang an mitgeprägt hat, zurück zur «heute-show». Zeit für ein Gespräch über den Wandel des Fernsehhumors:

Herr Kabelka, Sie haben für so viele Late-Night-Formate und Comedy-Programme geschrieben. Sie sind . . .
. . . der Doyen des Billighumors!

Eine prägende Figur des Fernsehhumors, wollte ich sagen! Sie haben bereits für ­Harald Schmidt gearbeitet, als er noch Polenwitze machte.
Das war in den 90er-Jahren. Da gab es das starke Bedürfnis, Grenzen neu auszuloten. Dazu gehörte auch, zotig zu sein und sich vom moralischen und zeigefingerhaften Kabarett abzugrenzen – entweder albernen Gagakram zu machen oder mit bestimmten Konventionen und Tabus zu brechen, sprich Polenwitze zu machen. Aus dieser Zeit gibt es den berühmten Ausspruch von Wigald Boning auf die Frage, was ihm peinlich sei, da sagte er sinngemäss: das Kabarett von Dieter Hildebrandt. Boning hat sich später von diesem Ausspruch distanziert. Aber ich glaube, so dachten damals viele.

Harald Schmidt meinte kürzlich, er hätte seine Show nach heutigen Massstäben der Political Correctness bereits nach einer Woche wieder einstellen müssen.
Und ich könnte mich beömmeln, dass er jetzt von den rechten Eierköpfen dafür gefeiert wird! Die «politische Korrektheit» als Kampfbegriff der Rechten kannten wir in den 90er-Jahren noch nicht. Aber es gab auch damals gewisse Tabus, also: Das macht man nicht, darüber spricht man nicht, das sagt man nicht. Und wir haben es dann trotzdem gemacht – im Bewusstsein oder der Hoffnung, die Leute würden verstehen, dass es nicht aus der rechtspopulistischen oder gar rechtsextremen Ecke kommt, wenn wir einen Polenwitz machen.

«Lügenpresse? Ist dies das Mottolied des diesjährigen Karnevals?» Im Herbst 2015 war Ralf Kabelka für die «heute-show» als Clown auf einer Kundgebung der AfD. Die Anhänger der Partei fanden das alles andere als lustig. Foto: Getty Images

Was hat Sie so sicher gemacht, dass die Witze nicht falsch verstanden werden?
Wir waren der Ansicht, man hätte jetzt so lange darüber geredet, wo der Feind steht, was gut und böse ist, dass alle Bescheid wissen. Deshalb konnten wir mit den Grenzen spielen, Ausländerfeindlichkeit und xenophobe Klischees vorführen, indem man sie ausspricht und übertrieben klar benennt. Das ist etwas, was heute nicht mehr ginge. Wir leben in einer Zeit, in der die Rechte stark ist und ernst meint, worüber wir unsere Witze machten.

Es gab bei Harald Schmidt auch Nummern, in denen Frauen zugeschrieben wurde, sie seien Luder oder Schlampen.
Der zünftigere, etwas versautere Humor, der mit solchen Klischees spielt, wirkt heute – auch nach #MeToo – wahnsinnig altbacken, wie ein muffiger Altherrenwitz. Gerade bei Böhmermann hört man heute noch das eine oder andere Mal relativ deutlich von unserer Kollegin Giulia Becker, das sei jetzt wieder typisch so eine olle Männerkiste. Wir Männer geloben aber Besserung. Immer wieder.

In der «Harald Schmidt Show» wurde die lesbische TV-Moderatorin Bettina Böttinger mit einem Toilettensitz verglichen.
Wir hatten vier Bilder gezeigt, darunter eine Flasche Eierlikör, eine Ausgabe von Alice Schwarzers «Emma», eine Klobrille und Bettina Böttinger. Und wir fragten, was die vier Sujets gemeinsam haben.

Kein Mann würde sie freiwillig anpacken, war die Antwort.
Auch das gehörte zu unserem Spiel mit dem «Das darf man nicht», was damals als Befreiung empfunden wurde, weil gleichzeitig immer klar war, wie es gemeint ist.

«Bewegt sich in dieser Welt wie ein Fisch im Wasser»: Ralf Kabelka über Böhmermann. Sie lernten sich bei Harald Schmidt kennen und prägten gemeinsam das «Neo Magazin Royale».

Aber dann kam Bettina Böttinger in die «Harald Schmidt Show».
Und sagte: «Ich finde das komplett scheisse.» Das war Teil des Lernprozesses. Klar, es gab damals Reaktionen von Harald-Schmidt-Fans, die sagten, «na, da siehst du mal wieder, wie verstockt die ist, die kann keinen Spass verstehen». Aber es gab auch andere, die sagten, «irgendwo hat sie einen Punkt». Die Böttinger-Nummer ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was damals ging und gemacht wurde – und heute nicht mehr vorstellbar ist.

Bei Harald Schmidt schrieben nur Männer die Witze.
So weit ich mich erinnern kann, war das so. Einmal wurde eine Autorin eingeladen, die sass mit in den grossen Konferenzen von Harald Schmidt, und wenn jemand wieder einen zotigeren Scherz machte, guckte man etwas verstohlen rüber, wie die Kollegin nun damit umgeht. Das waren erste putzige Versuche, sich zu öffnen. Aber im Grunde war da eine Männerrunde, die mit der Situation noch nicht so richtig umgehen konnte.

Auch 20 Jahre später ist die ­Comedy von Männern geprägt.
Es ist tatsächlich noch ein weiter Weg, bis es auf den Redaktionen der Fernseh-Comedy paritätisch zu und her geht. Aber sowohl bei Böhmermann als auch bei der «heute-show» von Oliver Welke – wie auch bei anderen Sendungen – hat sich in Sachen Gleichberechtigung etwas getan. Wenn das so weitergeht, haben wir bald so eine Hammer-Frauenquote wie im Nationalrat oder im Bundestag.

In den letzten Jahren gibt es eine starke Repolitisierung und Moralisierung der Satiresendungen. Warum?
Ich glaube, es gibt beim Publikum ein Bedürfnis nach Verortung. Auch bedingt durch die neuen Medien. Die Zuschauer sagen: «Da gibt es eine Kakofonie widersprüchlicher Informationen, wir verlangen nach Einordnung.» Dieses Angebot machen seit einigen Jahren die windigen Gestalten von Comedy und Satire.

Die Zuschauer wollen das?
Die Leute finden es gut, wenn wir denen sagen, wo der Feind steht, worüber man jetzt mal reden sollte oder was ein vollkommener Scheiss ist. Auch das ist etwas Neues – dieser Mut, zu sagen: «Leute, ich sehe die Dinge so oder so. Das ist eher richtig, und das ist eher falsch.» Das ist eine Haltung, die gab es in der Form bei Harald Schmidt nicht.

«Udo aus Düsseldorf, hallo.» Für die «Harald Schmidt Show» war Kabelka als fiktiver CDU-Politiker Udo Brömme unterwegs. Begegnungen mit Angela Merkel und Gerhard Schröder als Brömme machten Kabelka einem breiten Publikum bekannt.

Harald Schmidt galt als Zyniker.
Bei ihm dominierte ein Sich-Rausnehmen, würde ich sagen. Das war überhaupt nicht unpolitisch gemeint, aber man sollte sich mit nichts und niemandem gemein machen. Heutzutage sind die Comedy-Hosts eher dazu bereit ist, sich zu positionieren. Das zeigt auch der Erfolg von John Oliver und Trevor Noah von der «Daily Show» in den USA. Oder von Stephen Colbert, der sich regelrecht auf Trump eingeschossen hat. Diese Bereitschaft, sich zu positionieren, gibt es auch bei Oliver Welke, aber noch viel stärker bei Jan Böhmermann.

Böhmermann ist auch ein Kind der neuen Medien.
Er bewegt sich in dieser Welt wie ein Fisch im Wasser. Auf Twitter und Co. gehört es einfach dazu, sich zu positionieren. Und das setzt Böhmermann im Fernsehen fort.

Für die «heute-show» haben Sie den SVP-Politiker Erich Hess vorgeführt.
Ja, das ist ein schöner Film geworden, finde ich. In der klassischen Politberichterstattung gibt es ja immer sogenannte Schnittbilder. Die zeigen, wie Politiker durch Gänge gehen oder wichtig am Computer sitzen, während aus dem Off ein Text gesprochen wird. Das haben wir auf die Spitze getrieben, und Erich Hess, der sich damals vehement für die Ausschaffung von kriminellen Ausländern eingesetzt hatte, war da ein willkommenes Opfer. Ich hatte den Eindruck, er ist jemand, mit dem man dieses Spielchen treiben kann, der es auch verdient hat. Hess hat es denn auch mannhaft ertragen. Und ich spiele ja gerne mal das Arschloch.

Wie bitte?
Ja, am schlimmsten finde ich, wenn es kuschelig wird. Also wenn man für die «heute-show» unterwegs ist und einer der deutschen FDP-Vorsitzenden grüsst, wenn es so klebrig wird. Ich zweifle dann immer an meinem Beruf. Aber inzwischen kennt man die Politiker, die schon von weitem auf einen zugerannt kommen, so nach dem Motto: «Da werde ich so köstlich veräppelt, das trägt dazu bei, dass ich sympathisch rüberkomme.» Denn selbstverständlich wissen die Politiker, was wir für ein Spiel mit ihnen treiben wollen, wenn ich oder Hazel Brugger als Aussenreporter der «heute-show» auf den Parteitagen erschienen.

«Einfach mal Brust raus und beherzt die Sachen angehen.» Kabelka, hier bei einer Erotikmesse, ist bei seinen Aussenauftritten nicht immer geschmackssicher, wie er selbst zugibt. Aber was bisher gesendet wurde, fand selbst der Fernsehrat in Ordnung.

Die Politiker versuchen Sie zu instrumentalisieren, als Wasserträger zu nutzen?
Ja, als ich in den 1990er Jahren als falscher CDU-Politiker Udo Brömme für die «Harald Schmidt Show» unterwegs war und auf echten CDU-Veranstaltungen Wahlkampf machte, konnten wir die Leute noch eine gewisse Zeit lang in die Irre führen. Heute im YouTube-Zeitalter ist es fast unmöglich, unerkannt zu bleiben. Als ich einmal für die «heute show» auf einem CDU-Parteitag auftreten wollte, fand es der damalige Parteisekretär Peter Tauber total lustig, für unsere Show einen eigenen Pressecounter einzurichten, wo wir unsere Akkreditierung abzuholen hatten. Selbstverständlich hat Tauber das auch gleich auf Twitter gepostet.

Ist doch lustig, wenn ein Politiker mal den Spiess umdreht!
Na ja, das ist halt eine der grossen Gefahren des Erfolgs der «heute show» mit vier Millionen Zuschauer: dass es so eine einverständige Angelegenheit wird. Die Sendung wird ja auch viel und gerne von Leuten aus dem Politbetrieb geguckt. Das ist eine ungute Entwicklung, da muss man gegensteuern, denn meine Erfahrung ist, dass die besten Einspieflilme jene sind, in denen es zum Streit kommt, die Leute empört sind und es eine gewisse Aggression gibt. Die Schweiz könnte nach der Sommerpause übrigens mal wieder zu einem Thema werden.

Die Schweiz? Wir sind doch nicht aggressiv!
Na ja, wenn ich sehe, was rund um den Frauenstreik geschah und wie es bei Ihnen um die Rechte der Frauen zu stehen scheint: Ihr Schweizer seid in puncto Gleichberechtigung ja noch rückständiger als die Deutschen! Man gewinnt den Eindruck, die Schweiz sei das letzte Land, wo die Harvey Weinsteins dieser Welt noch Asyl beantragen können.

«Ob man auf jemanden eintreten kann, ist eine Frage der Gehaltsklasse.» Dieser Satz von Harald Schmidt ist bis heute Ralf Kabelkas Leitlinie für seine spektakulären Auftritte als Aussenreporter für Comedy-Formate des ZDF.

Wie entscheiden Sie, wer es verdient hat, dass man sich über ihn lustig macht? In einem «heute-show»-Beitrag erklären Sie in einem Clownkostüm eine Kundgebung der AfD zu einem Karnevalsumzug.
Das war eine steile Nummer. Ich hatte nicht im Traum daran gedacht, dass ich da schon bald von einem Mob umgeben sein würde, der mich anschrie: «Hau ab!», «Lügenpresse!», hiess es da. Und ich wurde auch tätlich angegriffen. Das hatte ich in der Form vorher noch nicht erlebt. Das war zu einer Zeit, als sich die AfD gerade radikal veränderte. Ich war vorher bereits auf AfD-Parteitagen, zur Zeit von Frauke Petry und Bernd Lucke.

Heute ist die AfD für Sie eine andere Partei?
Ja, damals sah man in der AfD noch die Partei der Tweedjacken tragenden Besserwisser, also überwiegend ältere Herrschaften, die den Euro ablehnten. Aber auf der Demo, die ich als Clown besuchte, waren plötzlich Rechtsextreme mit SS-Runen am Hals mit dabei. Journalistenkollegen kannten die bereits von NPD-Kundgebungen. Da sah man, wie weit nach rechts die AfD bereits gerückt war. Und diesen Rechtsruck habe ich dann quasi körperlich erlebt.

Einer der AfD-Demonstranten beschwerte sich damals, dass er sich nicht ernst genommen fühlte. Arbeiten Sie nicht den Falschen zu, wenn Sie mit Ihren Aktionen den Hass auf das ZDF noch mehr schüren?
Es ist natürlich immer eine Gratwanderung. Harald Schmidt hat einmal den schönen Satz gesagt, dass es eine Frage der Gehaltsklasse ist, ob man auf jemanden eintreten soll. Sprich: Jemand, der am Boden liegt und der sich nicht wehren kann, führt man nicht vor. Im konkreten Fall war es ein Unternehmer, der sich auf der AfD-Demo über mich beschwerte. Und wir drehen ja nicht mit versteckter Kamera: Wenn jemand auf mich zukommt und eine klare politische Meinung hat, die er mir ins Mikrofon diktieren will, und wir halten das für skurril, dann finde ich es legitim, das zu zeigen.

«Liebe Deutsche!» Bei seinem ersten Auftritt für die «heute-show» führte Kabelka 2012 den Berner SVP-Politiker Erich Hess vor. Hess habe dies «mannhaft ertragen», so Kabelka.

Haben Sie nie Zweifel, dass Sie zu weit gehen oder den Falschen zuarbeiten?
Ich sehe die Gefahr. Aber als Aussenreporter bin ich Jäger und Sammler, da schiesse ich auch mal übers Ziel hinaus, das räume ich selbstkritisch ein. Aber dafür haben wir dann auch die Redaktionen, die entscheiden, ob wir etwas senden können. Zudem gibt es den ZDF-Fernsehrat, der nach Beschwerden über meinen AfD-Beitrag befinden musste und ihn okay fand. Ein Nachspiel hatte mein Auftritt im Clownskostüm trotzdem: Einer, der mich schubste, war Kandidat für den Berliner Stadtrat und wurde mit Hinweis auf meinen Beitrag nicht gewählt. Es gab also doch noch einen kleinen Erfolg.

Viele Satire-Formate arbeiten gerade darauf hin: auf eine unmittelbare politische Wirkung.
Ich finde es immer am besten, wenn etwas einfach passiert und man es gar nicht drauf anlegt. So war das auch bei Böhmermanns Schmähgedicht über Erdogan. Es war nicht unser Ziel, mit diesem Gedicht eine Staatskrise zwischen Deutschland und der Türkei herbeizuführen. So was zu planen, ist auch gar nicht möglich. Es müssen immer viele Umstände, auch Zufälligkeiten zusammenkommen, damit eine Nummer dann solche Dimensionen annehmen kann. Anders verhält es sich bei Geschichten wie dem Varou-Fake.

Als Böhmermann behauptete, der Stinkefinger des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis sei ein Fake.
Natürlich erhofft man sich bei solchen Nummern, dass die Konfusion eine zeitlang anhält, was nun Fake und Realität ist - und niemand mehr weiss, was nun die Wahrheit ist. Auch also wir für «Schwiegertochter gesucht» einen Kandidaten erfanden, hofften wir, dass es eine Diskussion darüber geben wird, wie zynisch RTL Menschen dem Spott des Publikums aussetzt. «Schwiegertochter gesucht» ist immer noch auf Sendung. Da hat man sich mal kurz empört. Auch der RTL-Boss soll wohl gesagt haben, das ist alles ganz schlimm und muss anders werden. Mittlerweile ist unser Beitrag drei Jahre alt und «Schwiegertochter gesucht» gibt es immer noch. Die Möglichkeiten der Satire sind also immer sehr begrenzt.

Es gibt die These, dass Satire als News-Ersatz taugt, weil sie genauso gut, gar besser informiert und einordnet als die traditionellen Nachrichten- und Hintergrund-Medien.
Satire kann die herkömmlichen Informationssendungen auf keinen Fall ersetzen. Unser ideale Zuschauer ist einer, der sich über die anderen Informationswege vernünftig informiert. Sprich: Zeitungen liest, die okayen Fernsehnachrichten oder Magazine schaut. Auch in den Netzwerken gibt es gute Sachen. Wir wollen ja nicht bei Null anfangen, wenn wir eine längere Strecke zu einem Thema machen, sind also darauf angewiesen, dass die Zuschauer schon ein Wissen mitbringen. Ich sage: Fernsehen ist Arbeit, vor allem für die Zuschauer! Wir sehen aber an den Abrufzahlen der einzelnen Beiträge aus der Sendung, dass sich unsere Zuschauer für Themen wie etwa die Steuerkarusselle interessieren.

«Mit den Massstäben der Political Correctness» hätte er seine Show bei Sat 1 nach einer Woche verloren, sagte Harald Schmidt kürzlich. Kabelka hat die Show mitgeprägt und amüsiert sich, wie die «rechten Eierköpfe» Schmidt nun feiern.

Das ist jetzt nicht unbedingt ein Thema, das jüngere Zuschauer sonst im Netz zu faszinieren scheint.
Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass es offensichtlich gerade bei jüngeren Zuschauern ein Bedürfnis gibt, sich über solche Themen Gedanken zu machen. Die Comedy ist dann das Zückerli, das den harten Infostoff für die Zuschauer bekömmlicher macht. Oder wie ein Zugang zu einem Thema möglich ist. Das klingt jetzt so, als wären wir von der Bundeszentrale für politische Bildung beauftragt, die Leute zu belehren. Aber es ist halt so, wir kommen aus der Welt des Journalismus: Jan Böhmermann hat eine journalistische Vorbildung, ich auch – wie viele andere Autoren von Satire-Sendungen. Dass man Bock hat, sich vermehrt um inhaltliche Themen zu kümmern, ist vielleicht auch eine Reaktion auf die 1990er-Jahre, als man relativ billige Comedy-Sachen machte.

Inzwischen wird Böhmermann fast alles zugetraut, selbst dass er das Strache-Video in Auftrag gab, das die österreichische Regierung zu Fall gebracht hat.
Das hat Böhmermann sich hart erarbeitet, etwa durch die Varou-Fake-Geschichte oder die «Schwiegertochter gesucht»-Sache. Böhmermann wurde zuletzt auch noch durch Strache selbst geadelt, der in seiner Rücktrittsrede vor versammelter Presse sagte, er möchte wissen, welche Rolle Herr Böhmermann in der ganzen Affäre gespielt hatte. Da hat Strache insinuiert, wir hätten mit der Sache etwas zu tun, was nicht der Fall war. Oder doch? Uns hat es selbstverständlich Spass gemacht, mit dieser Erwartung zu spielen, und den Verdacht in der Schwebe zu halten.

Böhmermann kannte das Strache-Video vor der Publikation, wie er in seiner Dankesrede beim österreichischen Fernsehpreis deutlich machte.
Ja, ich finde es aber gut, dass es schliesslich die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel waren, die das Video veröffentlichten. Da hat man dann auch gesehen, was alles dazu gehört, um ein solches Video und die dazugehörige Geschichte seriös zu wuppen, also zu überprüfen, ob alles wasserdicht ist.

A propos Seriosität: Kürzlich habe ich auf Instagram gesehen, wie Sie bei einer Konferenz von Jan Böhmermann auf den Tisch gestiegen sind und sich, nun ja…
… ein Kondom über den Fuss gezogen haben. Als Haushaltstipp gegen Schweissfüsse, damit man die Socken länger tragen kann! Das ist natürlich absoluter Gaga-Quatsch, aber ein Teil meiner Persönlichkeit, vielleicht ein dunklerer, das weiss ich nicht. Aber deswegen habe ich den Beruf des Comedy-Autors ja auch gewählt und den Karriereweg eines seriösen Journalisten verlassen.

Sie waren fast zehn Jahren Redaktor bei «Fazit», einer hochwertigen Kultur-Sendung des Deutschlandradios.
Das hat auch wahnsinnig viel Spass gemacht. Aber bereits in der «Fazit»-Zeit habe ich für Harald Schmidt Gags geschrieben, eigentlich seit es seine Show gab. Schon da war klar, dass zwei Herzen in meiner Brust schlugen. So Doktor-Jekyll- und Mister-Hyde-mässig: Tagsüber habe ich dem Kulturjournalismus gefrönt und in der Nacht das dunkle Comedy-Handwerk betrieben. Das ist wohl mein Naturell: In einer Woche beschäftige ich mich für Böhmermann mit den Steuerkarussellen, in der nächsten macht es Spass, sich ein Kondom über den Fuss zu ziehen. Nur auf der einen oder anderen Spur unterwegs sein, ist nicht gut für meinen Seelenhaushalt. Ich habe das grosse Glück, dass ich meinen beiden Neigungen freien Lauf lassen kann und dafür auch noch gut Geld bekomme. Und so lange meine Kollegen nicht sagen, «oh Gott, ist das peinlich, geh nach Hause», es sogar erwünscht ist, was ich tue, ist alles gut.



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Erstellt: 14.07.2019, 07:44 Uhr

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