Schweizer mögen die Rega – die Fifa erntet Ablehnung

Wie gemeinnützige Organisationen bei der Bevölkerung ankommen. Die Rangliste.

Rang 1: Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega schafft es dank ihren Einsätzen neu auf den Spitzenplatz. Foto: Rega

Rang 1: Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega schafft es dank ihren Einsätzen neu auf den Spitzenplatz. Foto: Rega

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bevölkerung sorgt sich um das Gemeinwohl. In einer breit angelegten, repräsentativen Befragung unter gut 14'000 Einwohnern in der ganzen Schweiz äusserten sich 73 Prozent «besorgt, dass dem Gemeinwohl in der Schweiz zu wenig Beachtung geschenkt wird». Vor zwei Jahren stimmten erst 65 Prozent dieser Aussage zu.

Das ist eines der Ergebnisse aus dem Schweizer Gemeinwohlatlas, den ein Team der Universität St. Gallen in Zusammenarbeit mit der Handelshochschule Leipzig unter Leitung der Professoren Peter Gomez und Timo Meynhardt dieses Jahr zum dritten Mal nach 2014 und 2015 erstellt hat.

In einer zunehmend als un­sicher empfundenen Welt erlebt der Begriff «Gemeinwohl» eine Renaissance. Seit 2014 gewinnt die FDP mit dem Slogan «Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt» Wahlen. Und seit seiner Wahl zum Papst beschwört Franziskus in seinen Predigten regelmässig das Gemeinwohl. Der Mensch, seine Würde und die Achtung des Gemeinwohls müssten im Zentrum allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Handelns stehen, forderte er zuletzt anlässlich seines Besuchs in Kolumbien.

In den nächsten Monaten erhält das Thema für die Wirtschaft dringliche Bedeutung: Der Bundesrat hat gerade seine Botschaft zur Konzernverantwortungsinitiative veröffentlicht, die frühestens im kommenden Jahr zur Abstimmung gelangt. Der Gemeinwohlatlas bietet erste Anhaltspunkte, wie die Bevölkerung dazu stehen könnte. Er versucht, über die Wertschätzung in der Bevölkerung den Beitrag zu messen, den Organisationen für die Gesellschaft leisten. Die Befragten bewerteten 106 der grössten und bekanntesten Organisationen und Unternehmen in der Schweiz in Bezug auf deren Beitrag zum Gemeinwohl.

An der Spitze der Rangliste steht die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega. Auf Rang 2 folgt die Pflegeorganisation Spitex-­Verband Schweiz, auf Rang 3 die Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Das ist eine Bestätigung der Resultate von 2015. Schon damals führten Rega und Spitex die Rangliste an, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge. Die Paraplegiker-Stiftung war bei der letzten Befragung noch nicht dabei.

Kaum gewinnorientierte Firmen vorne

«Es freut uns sehr, dass der grosse Einsatz und das hohe Engagement unserer Mitarbeitenden in der Bevölkerung wahrgenommen und als Beitrag zum Gemeinwohl geschätzt werden», sagt Ernst Kohler, Chef der Rega, zum ersten Rang seiner Organisation. «Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Rega setzt sich stets für bestmögliche medizinische Hilfe aus der Luft ein – zum Wohl der Patienten, für unsere Gönnerinnen und Gönner und für die Schweiz.» Im vergangenen Jahr organisierte sie über 15'000 Einsätze zur Rettung von Verunfallten und Kranken, zum grössten Teil mit Helikoptern.

Auch der zweite Rang im Gemeinwohl-Ranking geht an eine Institution aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. «Dass die Bevölkerung die Leistung der Spitex für die Gesellschaft so hoch einschätzt, ist vor allem eine Anerkennung für den täglichen Einsatz unserer Mitarbeiter», sagt Walter Suter, Präsident des Spitex-Verbandes Schweiz. Die über 35'000 Mitarbeitenden pflegen und betreuen jährlich rund 260'000 unterstützungsbedürftige Menschen. Dank den Spitex-Dienstleistungen können diese zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung verbleiben, und dies zu tieferen Kosten als im Heim oder im Spital.

Dass die nicht gewinnorientierte Pflegeorganisation, die aus gemeinnützigen Vereinen hervorging und in den Gemeinden gut verankert ist, mit dem Gemeinwohl in Zusammenhang gebracht wird, überrascht nicht. Es fällt auf, dass Vereine, Verbände oder Stiftungen des Gesundheits- und Sozialwesens zusammen mit Hilfswerken, nicht gewinnorientierten Genossenschaften sowie Behörden und Institutionen der öffentlichen Hand die Top-15-Positionen in der Rangliste besetzen. Insgesamt erhalten zivilgesellschaftliche und (halb-)staatliche Organisationen damit eine Bestätigung für die Erfüllung ihres im Kern gemeinwohlorientierten Leistungsauftrags. Als einziges im Wettbewerb stehendes Unternehmen schafft es der Detailhändler Migros, der als Genossenschaft organisiert ist, in diese Spitzengruppe. Er belegt den elften Rang.

Die Organisationsform als Verein oder Verband garantiert aber noch keine gute Platzierung. So stehen ganz am Schluss der Rangliste der europäische Fussballverband Uefa mit Sitz in Nyon und der Weltfussballverband Fifa in Zürich. Die Korruptionsskandale zeigen Wirkung, ihr Beitrag zum Gemeinwohl wird von der Bevölkerung offenbar nicht anerkannt.

«Wir haben die negative Bewertung mit Enttäuschung zur Kenntnis genommen», nimmt ein Fifa-Sprecher Stellung. «Die Arbeit der Fifa streift viele Aspekte, doch alleiniger Nutzniesser muss stets der Fussball sein. Das wurde in der Vergangenheit ausser Acht gelassen und hat somit das Ansehen der Fifa beschädigt.» Die Fifa habe in den letzten anderthalb Jahren tiefgreifende Reformen durchgeführt. «Wir sind überzeugt, dass dieser laufende Reformprozess sowie die zahlreichen von uns unterstützten lokalen und internationalen Initiativen dabei helfen werden, dass die Schweizer Bevölkerung wieder positiv über die Fifa denkt.»

Auch die erstmals in das Ranking aufgenommenen Fussballclubs kommen nicht gut weg. Der FC Basel schafft es als Bester gerade mal auf Rang 75. Young Boys, FC Zürich und FC Sion landen abgeschlagen auf den hinteren Tabellenrängen.

Reformierte Kirche vor römisch-katholischer

Interessant ist auch das Abschneiden der Kirchen, die neben ihren Hilfswerken erstmals direkt erfasst wurden. Während die evangelisch-reformierte Kirche Platz 23 erreichte, rangiert die römisch-katholische Kirche auf Platz 67. In der Bevölkerungswahrnehmung besteht offenbar ein erstaunlich deutlicher Abstand zwischen den beiden Kirchen.

Ein Vergleich mit der Rangliste früherer Ausgaben des Gemeinwohlatlas ist nur eingeschränkt möglich, weil die Zahl der bewerteten Organisationen in diesem Jahr deutlich erhöht wurde. Erwähnenswert sind immerhin ein paar Auf- und Absteiger. Auf der Notenskala von 1 bis 6 konnten sich beispielsweise die Krankenversicherung Groupe Mutuel, der Versicherer Vaudoise oder die Zürcher Kantonalbank um etwa eine halbe Note verbessern. Das gleiche gilt für das Schweizer Radio und Fernsehen. Der politische Streit um die SRG-Gebühren und die No-Billag-Initiative scheint ihm nicht geschadet zu haben. Sein Gemeinwohl-Beitrag wird von der Bevölkerung offenbar wieder stärker honoriert. Schlechter als vor zwei Jahren werden dagegen die Post und die Axpo bewertet. Beide sorgten für negative Schlagzeilen. Die Axpo rief nach staatlicher Unterstützung, die Post kündigte Poststellenschliessungen an.

«Der Gemeinwohlatlas ist ein Spiegel, den die Gesellschaft ihren Organisationen vorhält. Für Führungskräfte gibt es nur einen Weg, sich eine Meinung zur gesellschaftlichen Akzeptanz ihres Unternehmens zu bilden: die Bürgerinnen und Bürger befragen, und sich überraschen lassen», sagt Peter Gomez, Patron des Projekts. Denn es sei letztlich entscheidend, was in der Bevölkerung ankomme. «Gemeinwohl entsteht im Auge des Betrachters und ist nicht zu verwechseln mit Image, Sympathie oder Reputation», sagt Studien­leiter Timo Meynhardt.

Obwohl sich die Bevölkerung mehr Sorgen macht um das Gemeinwohl als vor zwei Jahren, bewertet sie die Organisationen insgesamt besser als damals. «Die Wertschätzung für die Unternehmen und Organisationen ist gestiegen, das ist erfreulich», sagt Peter Gomez. Dass mit der Sorge auch die Anerkennung für das Vorhandene steigt, könnte eine Erklärung dafür sein. «Wer sieht, was auf dem Spiel steht, besinnt sich eher auf das, was er hat und achtet dieses mehr», sagt Gomez. «Die Schweiz von 2017 ist nicht mehr die Schweiz von 2015. Sie hat sich mental verändert. Die Schweizer halten fest an dem, was sie zusammenhält – ihre Unternehmen und Organisationen. Gleichzeitig setzen sie das Thema mit neuer Wucht auf deren Agenda.»

Die privatwirtschaftlichen Unternehmen konnten sich gegenüber 2015 überdurchschnittlich verbessern und gegenüber Genossenschaften und öffentlichen Unternehmen aufholen. Besser bewertet wurden auch die unter besonders kritischer öffentlicher Beobachtung stehenden Konzerne Nestlé und UBS. Der Gemeinwohlatlas zeigt, dass das Bild der Privatunternehmen in der Schweiz insgesamt durchaus positiv ist. Mit einem Notendurchschnitt von 4,14 schaffen sie jedenfalls ein «genügend». Das ist bemerkenswert, denn die privaten Unternehmen haben einen gewichtigen Nachteil in solchen Umfragen. Profitstreben wird nicht nur in der Bibel, sondern auch in der Literatur oder im Kinofilm fast durchwegs als schädlich dargestellt. Das zeigt Wirkung, wie Untersuchungen zeigen: Selbst wenn zwei Organisationen genau die gleiche Leistung erbringen und den gleichen gesellschaftlichen Wert stiften, werden sie in der Bevölkerung unterschiedlich bewertet. Allein das Etikett «gewinn­orientiert» genügt, um die Aktivität als schädlicher oder weniger wertschöpfend einzustufen.

Verantwortungs-Initiative hat Chancen

Unter Ökonomen ist umstritten, ob Unternehmen und nicht nur natürliche Personen eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Für manche besteht die grund­legende gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in der effizienten Erledigung des Kerngeschäfts. Das genügt Gomez und Timo Meynhardt nicht.

Der Begriff der Wertschöpfung müsse über das rein Ökonomische hinaus ausgeweitet werden, weil sonst zu viel nicht gesehen werde, was Unternehmen leisten. Der Beitrag eines Unternehmens zu moralischen Standards, zum gesellschaftlichen Zusammenleben und zur Lebensqualität gehöre dazu. Sie argumentieren, dass ohne gesellschaftlichen Rückhalt die effiziente Erledigung des Kerngeschäfts kaum mehr möglich sei und sich auch gegenüber Aktionären Haftungsfragen neu stellen würden. Dabei haben sie die Bevölkerung klar auf ihrer Seite. 92 Prozent der Befragten unterstützen die Aussage, dass privatwirtschaftliche Unternehmen eine Verantwortung haben, zum Gemeinwohl beizutragen.

Darauf sollten Unternehmen Rücksicht nehmen und vor allem nicht allein die Risiken sehen, sondern auch die Chancen erkennen, findet Meynhardt: «Es geht dabei auch um Arbeitgeberattraktivität, den Kampf um Talente, die nach mehr als einem guten Gehalt fragen und einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten wollen. Die Silicon-Valley-CEOs machen es vor und verknüpfen ihre Geschäftsmodelle mit einem Anspruch, gesellschaftliche Herausforderungen anzupacken.»

2018 oder 2019 kommt die Konzernverantwortungsinitiative zur Abstimmung. Sie verlangt, dass Unternehmen mit Sitz in der Schweiz die international anerkannten Menschenrechte und Umweltstandards sowohl im In- als auch im Ausland respektieren müssen. Die Unternehmen sollen verpflichtet werden, regelmässig eine Sorgfaltsprüfung hinsichtlich der Auswirkungen ihrer Tätigkeit auf Menschenrechte und Umwelt durchzuführen und darüber Bericht zu erstatten. Fehlbare Unternehmen sollen haftbar gemacht werden können.

Gemäss Gemeinwohlatlas hat das Begehren durchaus Chancen: 83 Prozent der Befragten meinen, dass Organisationen, die dem Gemeinwohl schaden, bestraft werden sollten. Sie wollen aber nicht nur die Wirtschaft oder den Staat in die Pflicht nehmen: 95 Prozent der Befragten glauben, auch durch ihr eigenes Verhalten einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten zu können.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.09.2017, 20:16 Uhr

Artikel zum Thema

Neue Ethik-Anzeige gegen die Fifa-Spitze

Zwei Ex-Fifa-Aufseher attackieren Gianni Infantino: Der Schweizer habe bei unabhängigen Kontrolleuren interveniert – aus Angst, seine Präsidentschaft zu verlieren. Mehr...

Rega holt in den Sommerferien 260 Patienten zurück

Innert sieben Wochen repatriierte die Schweizerische Rettungsflugwacht am meisten Patienten aus Italien zurück in die Schweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...