Schweizer verrauchen Rekordmenge an legalem Hanf

Erstmals zeigen Zahlen den CBD-Konsum – und die Steuereinnahmen daraus.

Gras bis zum Horizont: Die Thurgauer Firma Medropharm hat ihre Anbaufläche verzehnfacht. Foto: Urs Jaudas

Gras bis zum Horizont: Die Thurgauer Firma Medropharm hat ihre Anbaufläche verzehnfacht. Foto: Urs Jaudas

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Der Stoff von Patrick Widmer macht niemanden «high». Doch die Nachfrage ist berauschend. «Auf dieses Jahr hin haben wir unsere Anbaufläche verzehnfacht», sagt der Mitinhaber der Firma Medropharm. Neu baut diese im Thurgau auf 50 Hektaren legalen Hanf an. Statt dem psychoaktiven Wirkstoff THC enthält es harmloses CBD. «Abnehmer sind vor allem Pharma- und Kosmetikfirmen», sagt Widmer. «Daneben verkaufen wir aber auch Cannabis zum Rauchen.»

283 Kilo waren es im letzten Jahr. Ganz zur Freude des Bundes, schliesslich ist jedes Gramm relevant für den Fiskus. «Die Steuereinnahmen auf Cannabis als Tabakersatzprodukt beliefen sich im letzten Jahr auf 15,1 Millionen Franken», sagt Adrien Kay, Mediensprecher vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Vor allem die Jungen

Dies ermöglicht zum ersten Mal eine ­Aussage über die ­konsumierte Menge an CBD-Hanf in der Schweiz. «Schätzungsweise wurden 6200 Kilogramm an CBD-­Blüten versteuert.» Wie vielen Joints oder CBD-Zigaretten das entspricht, kann Kay nicht angeben. Auf jeden Fall wurde eine Rekordmenge verraucht.

Vor drei Jahren lagen die Steuereinnahmen noch bei 400'000 Franken. Dann entstand ein regelrechter Hype um CBD. Fünf Hersteller waren am 1. Januar 2017 in Bern ­angemeldet, aktuell sind es 672. Die landwirtschaftliche Anbaufläche von Hanf hat sich seit 2015 versechsfacht.

Im vernebelten Raucherlädeli ist CBD genauso erhältlich wie beim Detailhändler. Kunden sind vor allem junge Kiffer, die ihr Verlangen nach THC reduzieren wollen. Dies zeigt eine Umfrage von Sucht Schweiz bei 1500 Personen, die mindestens einmal legales Cannabis konsumiert haben. Sie sind begeistert: «Die aktuellen Konsumenten bewerten die Wirkungen von CBD positiv, speziell bezüglich Schlaf, Stress und allgemeinem Wohlbefinden», heisst es in der Studie vom letzten Januar. Bei Depressionen soll das Kraut ­helfen, genauso bei Entzündungen oder Schmerzen. Völlig vergessen scheinen die Risiken.

Monique Portner-Helfer von Sucht Schweiz: «Wird THC-armes Cannabis mit Tabak vermischt geraucht, besteht die Gefahr einer Nikotinabhängigkeit.» Die gesundheitlichen Risiken seien dieselben wie beim Tabakkonsum. «Sie betreffen vor allem Krebs-, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen.» Auch wenn CBD pur geraucht werde, entstünden durch die Verbrennung gesundheitsschädliche Stoffe.

Bund will keine Kampagnegegen das «Randphänomen»

Anders klingt es im Internet. Die Studie bewertete auch Webseiten von 90 Onlineshops. Rund sechs von zehn verwiesen dort auf positive Gesundheitswirkungen des CBD. Kampagnen, die stattdessen über die Risiken aufklären, gibt es hingegen nicht. Es handle sich um ein «Randphänomen», schrieb der Bundesrat im August 2017 als ­Antwort auf einen Vorstoss. «Eine Kampagne hätte aufgrund der ­hohen Streuverluste ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis.»

Bei normalen Zigaretten ist die Finanzierung kein Problem. Denn für jeden Glimmstängel fallen auch Abgaben an den Tabakpräventions­fonds (TPF) an, der Kampagnen und andere Massnahmen ergreift. Anders ist es beim legalen Cannabis. Nur vorgedrehte CBD-Zigaretten samt Tabak, wie sie etwa bei Coop im Regal stehen, sind abgabepflichtig. Über 80 Prozent der Konsumenten kaufen laut Sucht Schweiz jedoch reine Blüten. Und bei diesen fliesst kein Rappen in die Prävention.

Der Händler raucht sein Produkt nicht

Grund dafür ist ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2012. Damals ging es noch um E-Zigaretten. Die Eidgenössische Zollverwaltung hatte bei diesen jeweils eine Abgabe für die Prävention eingezogen. Dagegen wehrte sich eine Klägerin – und erhielt recht. Die Geschmacks-Kartuschen von E-Zigaretten seien keine Tabakwaren, sondern Ersatzprodukte. Daher sei keine Abgabe an die Prävention nötig. Das gleiche Gericht stufte im März auch CBD als Tabakersatzprodukt ein. Entsprechend untersteht das Gras nicht dem TPF.

Die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz erachtet dies als bedenklich. «Es stimmt, dass CBD im Vergleich zu normalen Zigaretten noch ein Randphänomen ist», sagt Sprecher Wolfgang Kweitel. «Trotzdem würde es Sinn machen, dass auch bei Blüten eine Präventionsabgabe anfällt. Schliesslich werden diese meistens geraucht, was schädlich ist.»

Eine Forderung, die selbst von Verkäufern unterstützt wird. «Es braucht Gelder für die Forschung und für die Prävention», sagt Patrick Widmer von der Thurgauer Medropharm. Er selber rauche seine eigene Ware nicht. Eben weil Rauchen der Gesundheit schade. «CBD ist ein extrem vielversprechender Wirkstoff gegen verschiedene Krankheiten. Aber man darf auch die Gefahren nicht unterschätzen und muss gerade junge Leute darüber aufklären.»



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Erstellt: 15.06.2019, 22:27 Uhr

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