Seht her, ich bin ein Opfer!

Immer mehr Menschen stellen ihr Leid zur Schau. Doch jene, die am lautesten leiden, sind selten die wirklich Versehrten.

Illustration: Stephan Schmitz

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Es gibt ein neues Wort, das man kennen sollte: Sadfishing. Weil man es vielleicht selbst schon ­getan hat. Vor allem aber weil es eine Menge über unsere Gesellschaft aussagt. Sadfishing, das bedeutet: Jemand stellt seine emotionalen Probleme, seine depressiven Momente zur Schau, um Aufmerksamkeit und Mitleid zu erheischen.

Zu verdanken haben wir diesen Begriff der US-Amerikanerin Kendall Jenner – knapp 24 Jahre alt, bestbezahltes Model der Welt. ­Anfang Jahr postete sie auf Insta­gram ein Video; darin spricht sie über eine schwierige Zeit, die sie als Teenager durchgemacht habe. Ihr Leiden, als sie 14 Jahre alt war: Akne. Jenner macht in dem Video Werbung für eine Hautpflegelinie. Natürlich ist sie in erster Linie eine gute Botschafterin, doch es ist kein Zufall, dass sie die Rolle der Leidenden einnahm, und sei es nur wegen entzündeter Talgdrüsen.

Nichts garantiert in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit als Opfer sein. Schwäche ist zum Machtfaktor geworden. Das zeigt sich nicht nur beim offensiven Umgang mit psychischen Beschwerden – der zweifellos seine guten Seiten hat –, sondern auch in einer öffentlichen Lust am Leiden: Wer gehört werden will, gibt sich wehrlos und empfindlich. Und gern auch beleidigt.

Am häufigsten diese Karte spielt ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt. Er werde schikaniert, klagt Donald Trump, amerikanischer Präsident und Besitzer von 16 Golfplätzen.

Ein Beispiel von vergangener Woche: Peter Handke, österreichischer Autor, 76-jährig. Eben hat er den Literaturnobelpreis erhalten. Ein erfolgreicher Mann, man kennt ihn auf der ganzen Welt. Doch als ihm ein Journalist eine kritische Frage stellte – Handke ist wegen seiner proserbischen Positionen umstritten –, reagierte er empört: Nie wieder werde er mit der Presse reden! Und brach das Gespräch ab. Handke fühlte sich unfair behandelt, als Opfer der voreingenommenen Medien.

Auch die Politik ist voll davon. Am häufigsten diese Karte spielt ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt. Er werde schikaniert, klagte Donald Trump, amerikanischer Präsident und Besitzer von 16 Golfplätzen, als die Demokraten kürzlich ein Amtsenthebungsverfahren einleiteten. «Das Opfer hier ist der Präsident», hatte er einmal getwittert.

Warum ist es so attraktiv geworden, sich benachteiligt zu fühlen? Gerade ist dazu ein Buch erschienen: «Das Opfer ist der neue Held». Geschrieben hat es der deutsche Autor und Journalist Matthias Lohre. Er wurde mit Büchern bekannt, in denen er die Verunsicherung des modernen Mannes erklärte. Nun geht er dem nächsten gesellschaftlichen Phänomen nach: unserer Faszination für die Schwachen.

Der Befund «Trauma» wird zur Modediagnose

Um Verunsicherung geht es auch hier. Lohre deutet die zunehmende Empfindsamkeit unserer Gesellschaft als Ausdruck der Orientierungslosigkeit, die nach klaren Fronten verlangt, und genau das biete die Einteilung der Welt in Täter und Opfer. Wenn er im Buch bis hin zu den Jägern und Sammlern zurückblickt, wirkt das zwar etwas konstruiert. Aufschlussreich zeigt der Autor aber auf, wie die Figur des Wehrlosen innert weniger Jahrzehnte eine steile Karriere hingelegt hat.

Einst galt es als Schande, ein Opfer zu sein. Zu sehr haftete dem Begriff ein Stigma der Mitschuld an. Holocaust-Überlebende lehnten es nach Kriegsende ab, so genannt zu werden, aus Angst vor dem Vorwurf, zu wenig Widerstand geleistet zu haben.

Was ist also passiert, dass sich, wie Lohre schreibt, «heute Linke wie Rechte darum streiten, wer das grösste Opfer ist»?

Eine Umfrage an einer Demo für mehr Gleichberechtigung zeigte: Männer fühlten sich öfter diskriminiert als Frauen, Akademikerinnen stärker als jene mit Lehrabschluss.

Der Aufstieg der Ohnmäch­tigen kam mit einer neuen Diagnose: Trauma. Die Psychiatrie hatte den Begriff – eigentlich bezeichnet er eine körperliche Wunde – aus der Medizin zu Hilfe genommen, um die seelischen Verletzungen von Kriegsversehrten zu beschreiben. Anfang der Achtziger schuf sie mit der «Posttraumatischen Belastungsstörung» einen neuen Befund – das Trauma wurde zur Modediagnose. Auf einmal schaute die Gesellschaft mit mitfühlendem Blick auf jene, die Schlimmes erlebt hatten. Und, noch wichtiger: machte sie nicht mehr dafür verantwortlich. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass man nichts falsch machen muss, um Opfer zu werden.

Heute beschränkt sich das Betroffensein längst nicht mehr auf jene, die Gewalt erfahren, in der Minderheit sind oder am Rande der Gesellschaft leben. Opfer sein kann jeder, der laut genug ruft. Und das sind selten die wirklich Schwachen: Anspruch auf Betroffenheit anmelden würden «so gut wie nie die tatsächlichen ‹Opfer›», zitiert Lohre die deutsche Philosophin Maria-Sybilla Lotter, «sondern meist selbst ernannte ‹Opfervertreter›». Die nicht selten selber zu den Privilegierten gehörten. Eine Umfrage von «20 Minuten» unter Teilnehmenden einer Demo für mehr Gleichberechtigung zeigte vor zwei Jahren just das: Männer fühlten sich öfter diskriminiert als Frauen, Akademikerinnen stärker als jene mit Lehrabschluss.

Mit dem inflationären Gebrauch geht eine ­Verharmlosung einher

Die Rolle des Wehrlosen lockt wohl auch deshalb, weil sie so bequem ist: Wer auf der Seite des ­Betroffenen ist, kann nicht falsch liegen. Ich leide, also bin ich unantastbar. «Die neuen Opfer halten sich für ohnmächtig, aber moralisch überlegen», schreibt Lohre. Und sie nehmen für sich gern in Anspruch, zu entscheiden, wer diesen Status verdient hat. Wie dann, wenn Betroffene auf Twitter eine Diskussion über Depressionen lancieren und schreiben: «Wenn ihr selbst keine Depres­sionen habt, dann dürft ihr auch nicht mit­reden.» Bitte toleriert mich, aber mutet mir nicht zu, euch zu respek­tieren.

Das Problem bei all dem ist, dass es zu einer Art Accessoire geworden ist, sich benachteiligt oder diskriminiert oder verletzt zu fühlen, zu einer Art Gütesiegel auch. Damit einher geht, wie so oft, wenn Begriffe inflationär verwendet werden, eine Verharmlosung. Wenn alle Opfer sind, ist niemand mehr eines. Beziehungsweise umgekehrt und weitaus schlimmer: Jene, die wirklich versehrt sind, bleiben auf der Strecke.


Zielscheibe für niederste Instinkte

Weil sich Natascha Kampusch weigert, ein Opfer zu sein, wird sie gehasst.


Denn die Deutungshoheit darüber, wer Opfer sein darf, ja, was ein «richtiges» Opfer ausmacht, masst sich auch die Gesellschaft an. Sie gewährt nur jenen das kollektive Mitgefühl, die sich genau so verhalten, wie das von ihnen erwartet wird: wehrlos und passiv. Wer sich weigert, dieser Erwartung zu entsprechen, wird angefeindet.

Auf erschütternde Weise zeigt sich das gerade bei Natascha Kampusch. Die 31-jährige Österreicherin, die als Kind entführt und jahrelang in einem Kellerverlies eingesperrt worden war, hat ihr zweites Buch veröffentlicht. Anstatt dass man ihr, die Schwerstes erlebt hat, Verständnis und Anerkennung entgegenbringt – zum Beispiel dafür, dass sie ihr Leben in die Hand nimmt –, bekommt sie Morddrohungen. Als «Schlampe» und «Hure» wurde sie beschimpft. Immer wieder muss sie hören, sie habe die Entführung nur aus­gedacht.

Ablehnung aus lauter ­Überforderung

Was Kampusch widerfahren ist, ist unerträglich, fast nicht auszuhalten. Das Publikum reagiert daher, so ein Erklärungsversuch aus der Psychologie, vor lauter Überforderung teilweise mit heftiger Ablehnung, nach dem Motto: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Ein Opfer wie Kampusch ist auch ein wandelndes Mahnmal für die schrecklichen Dinge, die mitten unter uns geschehen können – und macht sie für einige zur Zumutung.

Wohl auch deshalb lassen wir uns nur zu gern von all den anderen selbsternannten Betroffenen ablenken. Und es tut auch nicht richtig weh.



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Erstellt: 22.10.2019, 21:31 Uhr

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