Selbst Fahrlehrer bremsen Krankenwagen aus

Fehlende Rettungsgassen und tätliche Attacken – Sanitäter und Polizisten werden bei der Arbeit immer öfter behindert. Jetzt soll es schärfere Regeln geben.

Rettungssanitäter Lars Egger versorgt in der Ambulanz einen Herzinfarkt-Patienten: Sogar Fahrlehrer bremsen Rettungswagen aus. Foto: Urs Jaudas

Rettungssanitäter Lars Egger versorgt in der Ambulanz einen Herzinfarkt-Patienten: Sogar Fahrlehrer bremsen Rettungswagen aus. Foto: Urs Jaudas

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Anfang März rast der Einsatz­wagen von Rettungssanitäter Lars ­Egger mit 140 Stundenkilometern von St. Urban LU über die Autobahn nach Luzern. Das Blaulicht ist eingeschaltet, die Sirenen heulen. Doch Egger wird von vorausfahrenden Wagen ausgebremst. «Statt auf der rechten Spur weiterzufahren und vom Gas zu gehen, haben die meisten einfach beschleunigt», sagt er. «Wir mussten etwa 10 Kilometer hinter ihnen herfahren.»

Immer wieder werden Blaulicht­organisationen auf Rettungseinsätzen von Automobilisten ausgebremst. Dazu gehören sogar Fahrlehrer, wie Egger kürzlich bei einem Notfalleinsatz im Raum Frick AG feststellen musste. Gleich zwei begleitete Fahrschulfahrten fuhren unbeirrt weiter, als sein Ambulanzwagen von hinten nahte. Egger platzte der Kragen – er schrieb dem Schweizer Fahrlehrerverband ein Mail. Es gebe «eine zunehmende Tendenz», schrieb Egger, «dass der Verkehr nicht mehr abbremst und zur Seite fährt, sondern im Gegenteil beschleunigt und keine Rettungsgasse bildet».

Besonders dreiste Autofahrer fädeln sogar vor der Ambulanz auf die Überholspur ein und überholen noch schnell einen Lastwagen, bevor sie die Retter vorbeilassen. «Es ist heute auch keine Seltenheit, dass sich Lenker hinten an die Ambulanz hängen und kühn in der Rettungsgasse mitfahren», sagt Egger.

Astra arbeitet an Gesetz gegen Blaulicht-Bremser

Um ignorante und unwissende Autofahrer aufzuklären, läuft an diesem Osterwochenende auf den Leuchtschrifttafeln der Schweizer Nationalstrassen wieder die Kampagne «Bei Stau – Rettungsgasse bilden». Rettungsgassen heissen so, weil sie Leben retten können. Doch das scheint vielen Lenkern nicht bewusst zu sein. Oft handelt es sich um Autofahrer, die auch nach rund 40 Jahren nicht wissen, wie man sich korrekt verhält und der Polizei, der Feuerwehr und den Rettungssanitätern zügiges Fahren ermöglicht. Entweder haben sie in der Fahrstunde nicht zugehört – oder das Ganze ist ihnen egal. «Man muss schon fast sagen: Es ist heute die Ausnahme, wenn die Leute korrekt reagieren», sagt Egger.

In Deutschland können Autofahrer, die Retter behindern, seit letztem Oktober mit mindestens 200 Euro gebüsst werden. Wer das Leben anderer gefährdet, kassiert zusätzlich ein einmonatiges Fahrverbot. Jetzt sollen auch in der Schweiz schärfere Regeln gelten.

Das Bundesamt für Strassen (Astra) erarbeitet derzeit eine entsprechende gesetzliche Grundlage gegen Autofahrer, die Blaulichtorganisationen blockieren. Neu soll gesetzlich vorgeschrieben sein, im Stau auf der Autobahn eine Rettungsgasse zu bilden. «Aktuell bereiten wir eine Revision der Verkehrsregeln vor, dabei soll auch die Bildung der Rettungsgasse auf mehrspurigen Strassen diskutiert werden», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach.

Bisher ist das in der Schweiz rechtlich nicht explizit geregelt. «In welcher Form die Verkehrsteilnehmer sanktioniert werden sollen, falls sie keine Rettungs­gasse bilden, ist noch offen», sagt Rohrbach. Die Vernehmlassung zum neuen Gesetz gegen die Blaulicht-Bremser werde der Bundesrat voraussichtlich Mitte Jahr eröffnen.

Aussenstehende solidarisieren sich bei Polizeieinsätzen mit Betroffenen

Nicht nur Sanitäter müssen sich zum Unfallort durchkämpfen. «Immer wieder gibt es Autos, die uns den Weg versperren», sagt Florian Schneider von der St. Galler Kantonspolizei. Wenn jemand die Sirene einfach kurz nicht hört, ahnde man dies nicht. «Aber ich erlebte auch schon einen Fahrer, der von Uzwil bis nach Gossau jegliches Überholen verunmöglichte», sagt Schneider. «Diesen habe ich verzeigt.»

Problematisch ist neben der Fahrt aber auch der Einsatz vor Ort selbst. Noch nie gab es mehr Delikte wegen «Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte» als im letzten Jahr: 3102 wurden registriert. Zudem weist die neue Kriminalstatistik 2622 Fälle von «Hinderung einer Amtshandlung» aus. Das sind fast 1000 Fälle mehr als bei Erhebungsbeginn 2009. Spitzenreiter war der Kanton Genf (734 Delikte) vor Zürich (451) und Bern (367).

«Bei immer mehr Festnahmen, Kontrollen oder Befragungen gibt es Aussenstehende, die sich mit der betroffenen Person solidarisieren und gegen die Beamten vorgehen», sagt Max Hofmann, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Polizeibeamter. Das gehe von verbalen Angriffen über die Verweigerung einer Wegweisung bis hin zu Tätlichkeiten. «Wenn die eigentliche Arbeit dadurch verhindert wird, raten wir als Verband konsequent zu Anzeigen.»

Fehlende Anerkennung der Autorität

Zwar weisen nationale Umfragen der Polizei ein gutes Zeugnis aus. Laut der repräsentativen Sicherheitsstudie der ETH Zürich genoss 2017 keine Behörde ein höheres Vertrauen. Hofmann spricht aber von einer fehlenden Anerkennung der Autorität, «die Polizei wird zunehmend als Feind betrachtet». Es brauche Diskussionen in der Öffentlichkeit, in Schulen und Familien. «Darüber, dass die Staatsgewalt nur funktioniert, wenn sie respektiert wird.»

Dass es mit dem Respekt nicht immer weit her ist, bekommt nicht nur die Polizei zu spüren. Übergriffe gibt es auch gegen Rettungssanitäter. «Vor allem von Betrunkenen», sagt Sanitäter Lars Egger. An den Wochenenden müsse sich die Rettungssanität um mehrere Hundert Betrunkene kümmern. «Diese Klientel ist aggressiv, wird nicht selten ausfällig und beschimpft uns.» Je nachdem, wo der Einsatz stattfinde, würden sich auch noch herumstehende Kollegen oder Passanten «eskalierend» einmischen, sagt Egger. «Da hört der Spass dann auf.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2018, 22:28 Uhr

Auch Amtsmissbrauch erreicht einen neuen Rekordwert

Behörden sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter. 126 Delikte gab es 2017 wegen Amtsmissbrauch. Eine Verdoppelung seit 2009, so viele wie noch nie. «Selbst wenn wir attestieren können, dass die Polizei ihre Aufgaben bei einem Grossteil der Interventionen korrekt wahrnimmt, kommt es auch immer wieder zu willkürlichen Übergriffen», sagt Denise Graf von Amnesty International Schweiz. «Ich konnte in sehr angespannten Situationen feststellen, dass das deeskalierende Einschreiten der Polizei zu einer sofortigen Reduktion der Aggressivität führte», sagt Graf. Sie bescheinigt gewissen Korps aber auch eine mangelnde Deeskalationsfähigkeit. «Diese muss eingeübt und ständig wieder trainiert werden.»

Der Verband der Polizeibeamten interpretiert den Anstieg beim Amtsmissbrauch ganz anders. «Das ist ein perverser Auswuchs der heutigen Zeit, der nichts mit schlechter Polizeiarbeit zu tun hat», sagt Generalsekretär Max Hofmann. «Anzeigen wegen Amtsmissbrauch dienen meist nur dazu, die Polizisten einzuschüchtern und um Dampf abzulassen.» Jene, die sie einreichen, würden dies oft tun, obwohl sie von den Beamten korrekt behandelt wurden. «Genau deshalb enden die meisten Verfahren ohne Verurteilung.» Tatsächlich kommt es nur bei etwa jeder sechsten Anzeige zum Schuldspruch.

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