Selbst ihre Beleidigungen wirken elegant

«Vogue»-Chefin Anna Wintour gibt jetzt Onlinekurse. Und vermittelt wichtige Lektionen – zumindest zwischen den Zeilen.

«You are leading, not following»: Anna Wintour führt seit 31 Jahren die US-Ausgabe der «Vogue». Foto: AFP

«You are leading, not following»: Anna Wintour führt seit 31 Jahren die US-Ausgabe der «Vogue». Foto: AFP

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Die erste Ansage macht sie gleich zu Beginn, noch bevor sie vor der Kamera richtig Platz genommen hat: Anna Wintour legt ihre Sonnenbrille ab. Dieses dunkel getönte Monstrum, das auf fast allen Fotos ihr halbes Gesicht verdeckt. Wintours XXL-Brille hat natürlich eine andere Funktion, als ihre Augen vor schädlicher Sonneneinstrahlung zu schützen; das Accessoire untermauert die Aura der Unnahbarkeit, welche die mächtigste Frau der Modebranche umgibt, die für den Film «Der Teufel trägt Prada» (2006) als herrischer Assistentinnenschreck die Filmvorlage geliefert haben soll.

Seit 31 Jahren führt Wintour die US-Ausgabe der «Vogue», daneben hat sie beim Medienkonzern Condé Nast (der das Modemagazin herausgibt) zwei lukrative Nebenjobs. Als Artistic Director und Global Content Advisor entscheidet sie bei grossen Titeln des Verlages mit, darunter «The New Yorker» oder «GQ». Schneidig und streng und immer etwas unterkühlt tritt sie auf.

Sie führt das Magazin auch in der Medienkrise erfolgreich

Nun also legt die einflussreichste Modejournalistin der Welt ihre Sonnenbrille ab, sie tut dies im Rahmen eines Onlinekurses auf der amerikanischen Bildungsplattform Masterclass.com. Auf dieser Website halten Fachleute Vorlesungen, darunter regelmässig Berühmtheiten. Hollywoodstar Natalie Portman spricht über die Schauspielkunst, Fotografin Annie Leibovitz bringt den Nutzern ebenfalls ihr Handwerk näher, und die mehrfache US-Olympiasiegerin Simone Biles referiert über das Kunstturnen. Jetzt reiht sich auch Anna Wintour in diese Dozentinnenreihe ein. Thema ihrer Onlinelehrveranstaltung: Kreativität und Leadership. Oder, etwas knackiger: «How to Be a Boss».

Perfekt für die grosse Anna. Sie steuert die «Vogue» nicht nur entschieden, sondern vor allem sehr erfolgreich durch eine Zeit, in der reihenweise Printmagazine kriseln. 1,2 Millionen Auflage hat die US-«Vogue», rund 180'000 Dollar kostet eine Anzeige pro Seite im Schnitt. Wenn sich die legendäre Chefredaktorin nun für einmal ohne schützendes Brillenglas präsentiert, erhofft man sich natürlich mehr als simple Karrieretipps. Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Gibt sie vielleicht eine unerwartete persönliche Seite preis?

Tut sie natürlich nicht. Der Trailer, und der dürfte dem Publikum grosse Überraschungen – zumindest in Ansätzen – kaum vorenthalten, zeigt: Anna Wintour bleibt so scharfkantig wie ihr Bob, der sie seit eh und je begleitet (und mit dem sie sogar für die jüngste Generation stilbildend ist, unlängst wurde jedenfalls die siebenjährige Tochter der Beckhams an einer Modeschau in der Front Row neben Wintour gesichtet – mit dem exakt gleichen Pagenschnitt).

Kim Kardashian und Kanye West aufs Cover gehievt

«Ich weiss, dass viele Menschen neugierig darauf sind, wer ich bin», sagt Wintour im Trailer. Das Video zeigt sie bei der Arbeit; das sieht so aus, wie man sich den Redaktionsalltag beim wichtigsten Modemagazin der Welt vorstellt: Layoutentwürfe auf dem Tisch, Wintour killt Skizzen («off the table»), feiert sie («love that page»), arbeitet sich durch Kleiderständer und hält sehr viele Konferenzen.

Substanzielle Karrieretipps sind in den zwölf Videosequenzen von der «Vogue»-Chefin eher nicht zu erwarten. Die bald 70-jährige Britin sagt Dinge wie: «Du musst zuhören.» Und: «Du bist nichts ohne ein gutes Team.» Und: «Manchmal weiss man, dass man die Regeln brechen muss.» Ist das schlimm? Nein. Abgesehen davon, dass für 100 Franken (so viel kostet das Tutorial) kein Komplettstudium in Führungskompetenz zu erwarten ist, muss diese Masterclass eher als eine Art ausführliches Interview betrachtet werden.

Und mitnehmen kann man von Anna Wintour, durchaus etwas: dass, wer führen will, nie von allen geliebt werden kann. Als sie 2014 das Glamourpaar Kim Kardashian und Kanye West auf das Cover hievte, schrie die Modewelt auf: ein Pöbel-Rapper und ein operiertes Realitysternchen auf der «Vogue»-Titelseite? Wintour kommentiert nun trocken: «You are leading, not following.» Die beiden seien damals Teil des gesellschaftlichen Diskurses gewesen – sie zu ignorieren, wäre ein Fehler gewesen. Wer immer nach links und rechts schaue, verliere die Klarheit in seinen Entscheidungen.

Selbst ihre Beleidigungen wirken elegant

Anna Wintour kann aber auch subtiler. Selbst bei Beleidigungen verliert sie nie ihre Eleganz. Etwa, als sie kürzlich in einem Interview nach der First Lady Melania Trump gefragt wurde und dann stur von deren Vorgängerin Michelle Obama schwärmte (die sie dreimal auf das «Vogue»-Cover gelupft hat) und auch auf Nachfrage kein Wort zur Gattin von Donald Trump verlor (der wiederum nichts übrig bleibt, als zu beteuern, sie mache sich nichts daraus, aufs «Vogue»-Titelblatt zu kommen).

Etwa so, eher zwischen den Zeilen, ist wohl auch Wintours Masterclass zu interpretieren.



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Erstellt: 22.09.2019, 12:55 Uhr

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