«Sexuelle Probleme treiben Menschen in den Priesterberuf»

Psychologe Joachim Reich war selber Priester – heute therapiert er Geistliche mit Sexproblemen.

Joachim Reich steht dem Zölibat kritisch gegenüber. Foto: PD

Joachim Reich steht dem Zölibat kritisch gegenüber. Foto: PD

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Der deutsche Psychotherapeut Joachim Reich berät Kleriker, wenn sie mit dem Zölibat Schwierigkeiten haben. Er ist überzeugt, dass nur eine kleine Minderheit der Priester damit zurechtkommt.

Die katholische Kirche der Schweiz verordnet übergriffigen Klerikern eine Therapie. Bringt das etwas?
Von Zwangstherapien halte ich wenig. Sie sind Ausdruck einer grossen Hilflosigkeit der Kirche. Wenn ich gezwungen werde, eine Therapie zu machen, aber keine Einsicht zeige, wird das wenig bringen. Es ist eher ein Feigenblatt der Kirche, die damit die Verantwortung weitergeben kann.

Wann kommen Kleriker zu Ihnen?
Sie kommen freiwillig. Aber der Leidensdruck muss extrem hoch sein, bis sich solche Leute wegen Problemen mit dem Zölibat an mich wenden.

Und was erzählen sie?
Sie fühlen sich allein gelassen. Natürlich können sie theoretisch in der Beichte über ihre Probleme mit der Sexualität sprechen, aber dort steht die Thematik sofort im Kontext von Schuld und Strafe. Auch bei den geistlichen Begleitern hat man das Problem, dass sie keinerlei sexualtherapeutische Ausbildung haben. Die sind meistens schnell überfordert.

Die Kirche bietet keine Anleitung, wie man das Zölibat leben kann?
Wenn einer ein Problem damit hat, wird das von der Kirche sofort individualisiert. Schliesslich habe er sich für die Priesterweihe entschieden, nun solle er selber damit zurechtkommen, so die Haltung. Die Kirche übernimmt keine Verantwortung dafür, wie die Priester dieses Gelübde leben können.

Was tun Kleriker, wenn sie merken, dass es nicht geht?
Es gibt solche, die ein Doppelleben führen, indem sie heimlich eine Beziehung haben. Andere haben Affären. Oder sie leben ihre sexuellen Bedürfnisse aus, indem sie zu Prostituierten gehen, im Urlaub ihrer Sexualität freien Lauf lassen, um danach für den Rest des Jahres enthaltsam zu sein. Andere masturbieren intensiv oder nutzen Pornografie im Internet sowie einschlägige Chats. Das alles führt zu grossen Schuldgefühlen, weil es ja verboten ist.

Wenn es so schwierig ist, diese Sexabstinenz zu leben, warum werden Männer Priester?
Die allermeisten haben den Vorsatz gefasst, das mit dem Zölibat schon irgendwie hinzukriegen. Sie kämpfen auch darum, doch sie merken nach ein paar Jahren, dass es gar nicht so einfach ist. Dann gibt es zwei Strategien. Die einen kämpfen weiter, halten an der Sexabstinenz fest, jahrelang, mit mehr oder weniger Erfolg, immer mehr frustriert. Andere kommen zum Schluss, sie müssten nun das Beste daraus machen, und nutzen die Möglichkeiten, die es gibt. Eben: Prostitution, Affären, Internetpornografie. Diese Gruppe kann das irgendwie mit ihrem Gewissen vereinbaren. Die erste Gruppe aber leidet sehr, weil es schwierig ist, wenn man einsehen muss, dass man hinter den eigenen moralischen und den kirchlichen Erwartungen zurückbleibt.

Hat dieser Kampf etwas mit den Missbrauchsfällen in der Kirche zu tun?
Indirekt schon. Wie in allen Gesellschaftsgruppen gibt es auch unter den Klerikern Kernpädo­phile. Aber das ist wahrscheinlich eine sehr kleine Gruppe. Dann gibt es eine Art von Gelegenheitspädophilie. Das sind Menschen, die als Priester sexuell unreif sind, weil sie keine Erfahrungen haben und möglicherweise das Thema auch in der Familie schon schwierig und tabuisiert war. Als Priester haben sie dann plötzlich eine Machtposition und sind beispielsweise umgeben von 15-jährigen Ministranten, die genauso auf der Suche nach ihrer Sexualität sind. Von dieser sexuellen Unreife kann sich der Priester animiert fühlen, weil diese Jugendlichen den Eindruck erwecken können, dass sie manipulierbar seien.

Suchen sich also Menschen mit sexuellen Problemen speziell die Kirche als Berufsfeld aus?
Ja, das würde ich so sagen. Generell spielt das Thema Sexualität bei der Entscheidung, Priester zu werden, eine Rolle. Je schwieriger oder beängstigender mir die Sexualität erscheint, desto eher werde ich eine Lebensform suchen, die gesellschaftlich hochgeschätzt ist, mir aber gleichzeitig den Eindruck vermittelt, ich sei in einer asexuellen, heiligen Atmosphäre. Das ist zwar ein vollkommener Trugschluss, doch die Leute treten noch sehr jung und mit viel Idealismus ins Priesterseminar ein.

Und dann?
Es dauert ein paar Jahre, bis sie sich eingestehen müssen, dass diese Umgebung so heilig, so ideal und asexuell gar nicht ist. Auch das ist hart. Sie stellen fest, dass sie noch immer die gleichen sexuellen Bedürfnisse oder Probleme haben. Dass sie vielleicht sogar stärker werden, die Umgebung aber nicht die Hilfe bietet, die man sich erhofft hat. Man lügt sich sozusagen in die eigene Tasche, hat eine verzweifelte Hoffnung, so eine Art Reservat zu finden, das nicht existiert.

Der Schweizer Bischof Felix Gmür hat kürzlich gesagt, das Zölibat sei ganz einfach zu leben. Mit viel Sport, Kunst oder interessanten Büchern. Was halten Sie davon?
Das glaube ich nicht. Das ist die übliche, viel zu banale Pastoral­lyrik. Als generelle Aussage ist das zu billig. Ich will ihm nicht absprechen, dass das für ihn zutrifft. Es gibt aber nur sehr wenige zölibatär Hochbegabte, wie ich sie nenne. Das ist eine kleine Minderheit. Ganz normale Leute haben mit dem Berufszölibat grosse Schwierigkeiten.

Erstellt: 23.03.2019, 23:44 Uhr

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