Shisha-Raucher landen vergiftet im Notfall

Giftige Gase und krebserregende Tabakzusätze: Wasserpfeifen sind gefährlicher als angenommen – schweizweit nehmen die Notfälle zu.

Wasserpfeiferauchen: Die wenigsten Jugendlichen kennen die Risiken. Foto: Ilya Terentyev/Getty

Wasserpfeiferauchen: Die wenigsten Jugendlichen kennen die Risiken. Foto: Ilya Terentyev/Getty

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Es hätte ein gemütlicher Abend werden können. Doch dann kam alles anders an jenem Sonntag Ende Januar. Die 17-jährige Frau sitzt mit einer Freundin in der Shisha-Bar in Rorschach SG, als sie plötzlich über Kopfschmerzen klagt. Sie geht nach draussen, ihr ist schwindlig. Wenig später klappt sie zusammen, reagiert nicht mehr. Um halb zehn wird die junge Frau in kritischem Zustand mit der Ambulanz ins Spital nach St. Gallen gebracht. Die ausgerückten Polizisten und Feuerwehrleute messen in der Shisha-Bar eine erhöhte Kohlenmonoxid-Konzentration.

Kohlenmonoxid, kurz CO, ist ein lebensgefährliches Gas, geruchlos, unsichtbar. Man bemerkt es nicht. Bis es zu spät ist. CO entsteht durch die Verbrennung von Kohlestücken.

Kohlenmonoxid löst derzeit überall in Deutschland Einsätze in Shisha-Bars aus. In Bremerhaven räumten Polizisten Anfang Januar einen Club wegen zu hoher CO-Werte, 16 Personen wurden ins Spital eingeliefert. In Düsseldorf musste die Feuerwehr mit Hochleistungslüftern Sauerstoff in eine verqualmte Bar pumpen. In Lörrach, Krefeld und Rosenheim landeten Wasserpfeifenraucher vergiftet im Krankenhaus. Jetzt zeigt sich: Auch in der Schweiz steigt die Zahl der Zwischenfälle.

«Seit 2006 wurden uns 41 Fälle gemeldet, bei denen es zu Problemen mit dem Shisha-Rauchen kam.»Hugo Kupferschmidt, Direktor Tox-Zentrum

17 Vergiftungen und andere Notfälle, ausgelöst durch das Rauchen von Wasserpfeifen, behandelte das Berner Inselspital gemäss eigenen Angaben in den letzten fünf Jahren.

Aber längst nicht alle Patienten würden offenlegen, dass sie eine Shisha-Bar aufgesucht haben, sagt Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums am Inselspital. «Andere wiederum bringen ihre Beschwerden nicht mit der Shisha in Verbindung. Man muss daher von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.»

Einen Anstieg verzeichnet auch die Giftberatungsstelle Tox Info Suisse. «Seit 2006 wurden uns 41 Fälle gemeldet, bei denen es zu Problemen in Zusammenhang mit dem Shisha-Rauchen kam», sagt Hugo Kupferschmidt, Direktor des Tox-Zentrums. Das sind im Schnitt weniger als vier Fälle pro Jahr. 2017 waren es laut Kupferschmidt bereits neun: «Es hat eindeutig zugenommen.» Das Alter der Betroffenen, die an die Giftberatungsstelle gelangten, reiche von 13 bis 28. «Dazu kommen zwei Kinder im Alter von 8 und 9», sagt Kupferschmidt. «Sie waren durch Passivrauchen betroffen.»

Stoffe wie Samurai King sind hoch toxisch

Vor allem bei jungen Leuten sind Shishas absolut im Trend. Doch ein einheitlicher Kinder- und Jugendschutz fehlt in der Schweiz. Und das, obwohl die Verbreitung des Shisha-Rauchens extrem hoch ist. Bei den 15- bis 17-Jährigen, die täglich Zigaretten rauchen, benutzen 25 Prozent auch Wasserpfeifen, bei den Gelegenheitsrauchern in dieser Altersgruppe sind es sogar 40 Prozent. Das zeigt der aktuelle Suchtmonitoringbericht, der im Dezember erschienen ist. Bei den 18- und 19-Jährigen nuckelt sogar fast jeder Zweite ab und zu an einer Shisha.

Die Gesundheitsrisiken werden oft unterschätzt – und die sind massiv. Die Belastung mit Kohlenmonoxid ist wegen der glühenden Kohlen deutlich höher als beim Zigarettenrauch. CO ist gefährlich, weil es sich im Körper an den Blutfarbstoff Hämoglobin bindet und damit den Transport von Sauerstoff blockiert. Hohe CO-Konzentrationen können tödlich sein.

Aber auch die zugesetzten Aromastoffe bergen Gefahren. «Wir mussten schon Vergiftungen durch Shisha-Rauchen mit Zusätzen wie synthetischen Cannabinoiden behandeln», sagt Roland Bingisser, Chefarzt des Notfallzentrums am Universitätsspital Basel. Ein Beispiel sei etwa der Zusatz namens Samurai King, den man via Internet bestellen könne. «Klingt harmlos, ist aber hoch toxisch und hat schon zu Spitalaufenthalten geführt», sagt Bingisser.

1 Stunde Shisha-Rauchen entspricht 100 Zigaretten

Hinzu kommen die im Tabak enthaltenen Teere und Karzino­gene, die zur Entstehung von Krebs beitragen. Auch diese langfristig gefährlichen Substanzen liegen beim Rauchen einer Wasserpfeife in erhöhter Konzentration vor. Was man in einer Shishasession von 45 bis 60 Minuten einatme, warnt die Giftberatungsstelle Tox Info Suisse, entspreche dem Rauchen von rund 100 Zigaretten.

Experten sehen Handlungsbedarf. «In den Schulen braucht es vermehrt Aufklärung über die Shisha, denn viele Konsumenten sind sehr jung», sagt Markus Meury von der Gesundheitsorganisation Sucht Schweiz. Nötig seien auch Testkäufe in den Shisha-Bars. «Es gibt wohl viele Lokale, die sich nicht an die jeweiligen Alterslimiten für den Verkauf von Tabakwaren halten.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 18:50 Uhr

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