So gut vertritt der Bundesrat das Schweizer Volk

Ist Ihr Kanton in der Landesregierung notorisch unterrepräsentiert? Finden Sie es mit unserer Analyse aller bisherigen 119 Bundesräte seit 1848 heraus!

Simonetta Sommaruga ist gelernte Pianistin, Ueli Maurer Buchhalter und Guy Parmelin Landwirt und Winzer. Drei der sieben aktuellen Bundesräte genossen eine nicht akademische Berufsbildung. Das ist ungewöhnlich. Seit 1848 haben nur 17 der bisherigen 119 Bundesräte und Bundesrätinnen keinen akademischen Abschluss vorzuweisen.

Es ist auch ein erster Hinweis darauf, dass die Regierung bereits vor der Wahl am kommenden Mittwoch so vielfältig aufgestellt ist wie selten zuvor. Egal, ob Regula Rytz nun als erste grüne Bundesrätin hinzukommt – oder eben nicht. Erst einmal waren so viele Nicht-Akademiker in der Landesregierung vertreten.

Im Jahr 1892 sassen mit dem Neuenburger und gelernten Graveur Numa Droz, dem Zürcher Unternehmer Walter Hauser und dem Baselbieter Emil Frey, Major im US-Sezessionskrieg, drei Männer im Bundesrat, die keine akademische Ausbildung vorzuweisen hatten.

Das Internet stellt alles auf den Kopf

Es gibt zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der heutigen Zeit weitere Parallelen. Beide Epochen sind geprägt von technologischen Umwälzungen. So wurde im Zeitraum von 1890 bis 1900 die Schweiz komplett elektrifiziert. Heute stellen die Digitalisierung und das Internet alles auf den Kopf. Und wie damals die aufstrebenden Katholisch-Konservativen, Vorgänger der CVP, darauf drängten, Teil des Bundesrats zu werden, sind es heute die Grünen, die mitregieren wollen.

Folglich lautet die Hauptfrage bei den Bundesratswahlen am Mittwoch: Sollen die Grünen Teil der Schweizer Regierung werden? Vorerst lautet die Antwort des Parlaments wohl: Nein.

Das heisst aber nicht, dass der Bundesrat das Volk schlechter repräsentiert, als dies früher der Fall war. Bei der Bundesratswahl spielen nicht nur die Parteistärken eine Rolle. Das tut heute auch das Geschlecht der Kandidierenden oder ihre Herkunft. Unterbewusst spielen wohl auch Faktoren wie Bildung, Alter oder soziale Herkunft eine Rolle.

Es gibt weltweit nur vier Länder, die mit einer Kollegialbehörde regiert werden: Neben der Schweiz sind es Bosnien und Herzegowina, San Marino und Andorra. Alle diese Staaten haben den Anspruch, dass die Regierung ausgeglichen besetzt wird. Das gelingt der Schweiz seit 1848 nicht immer, nicht nur bei der Parteistärke.

Herkunft I

Besonders laut rufen jeweils französischsprachige Kantone und das Tessin nach einer Vertretung im Bundesrat. Mit Erfolg. Der Kanton Neuenburg hat bisher neun Bundesräte gestellt, sechs mehr, als man aufgrund der Bevölkerungsgrösse annehmen könnte. Die Waadt hat fünfzehn Bundesräte gestellt, elf hätten es sein sollen, wäre die Verteilung fair; das Tessin stellte acht statt fünf.

Der Aargau ist bei Bundesratssitzen der Hauptverlierer. Der Kanton stellte seit 1848 erst fünf Bundesräte. Hochgerechnet auf die Bevölkerung hätte der Kanton auf neun kommen sollen. Für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt aber die Anzahl Amtstage. Das hat mit den langen Amtszeiten der Aargauer zu tun. Die FDP-Bundesräte Edmund Schulthess (1912 bis 1935) und Emil Welti (1867 bis 1891) waren beide deutlich über zwanzig Jahre im Amt. Auch Doris Leuthard, CVP, war zwölf Jahre Bundesrätin. Die Amtsdauer eines Bundesrats beträgt im Schnitt zehn Jahre. CVP-Präsident Gerhard Pfister schlug diese Woche vor, die bundesrätliche Amtszeit auf acht Jahr zu beschränken.

Herkunft II

Die schlechte Vertretung des Kantons Aargau und des Kantons Basel-Landschaft schlägt sich auch im Vergleich der Grossregionen nieder – ein wohl fairerer Vergleich als derjenige der Kantone. Viele Kantone, die räumlich nahe liegen, haben auch ähnliche politische und gesellschaftliche Strukturen. In der Innerschweiz etwa.

Beim Vergleich der Grossregionen wird deutlich: Die Nordwestschweiz kam deutlich weniger zum Zug, als man aufgrund der Bevölkerungsgrösse erwarten könnte. Die Region hat erst acht Bundesräte gestellt. Sechzehn hätte man erwarten können.

Lukas Golder vom Meinungsforschungsinstitut GFS in Bern sagt: «Das Mittelland zwischen Bern und Zürich hat viel zu lange keine eigene Identität und keine politische Strategie entwickelt.» Seit der Expo.02 beobachte er allerdings eine Veränderung. Vor allem der Aargau präsentiere sich mit mehr Humor und Selbstvertrauen. Könnte der Kanton wieder eine neue Bundesrätin oder einen frisch gewählten Bundesrat feiern, wäre das für den bevölkerungsreichen Aargau ein wichtiges Zeichen, dass sich die Arbeit an der neuen Kantons-Identität ausbezahlt.

Alter

Im Gegensatz zum Geschlecht und der Herkunft von Bundesräten, spielt das Alter keine explizite Rolle bei der Bundesratswahl. Dass Bundesräte älter sind als der Bevölkerungsschnitt, ist nachvollziehbar. Die Wahl zum Bundesrat ist die Krönung mancher politischen Karriere.

Doch die sich verändernde Altersstruktur bringt es mit sich, dass es über die Jahrzehnte zwischen dem Altersdurchschnitt des Bundesrats und demjenigen der Bevölkerung zu einer Angleichung gekommen ist. Zwar waren Bundesräte um 1848 im Schnitt öfters jünger als 50 Jahre. Heute gehen sie auf die 60 zu. Doch das Durchschnittsalter der Schweizer Bevölkerung ist in derselben Zeit von unter 30 auf knapp 45 Jahre gestiegen.

Geschlecht

Vom Frauenstimmrecht bis zur Wahl der ersten Bundesrätin dauerte es dreizehn Jahre. Am 2. Oktober 1984 wurde die damalige Zürcher FDP-Nationalrätin Elisabeth Kopp als erste Frau mit 124 von 244 Stimmen im ersten Wahlgang in den Bundesrat gewählt. Erst am 12. Dezember 2007 bei der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf, BDP, waren Frauen erstmals mit drei Vertreterinnen einigermassen fair im Bundesrat vertreten.

Mehr Frauen als Männer gab es im Bundesrat nur einmal: von 2010 bis 2011 – obwohl in der Schweiz laut dem Bundesamt für Statistik rund 80'000 Frauen mehr leben als Männer. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird daran auch am Mittwoch nichts geändert. Die grüne Kandidatin Regula Rytz dürfte sich kaum gegen Ignazio Cassis von der FDP durchsetzen. Möglicherweise tritt Rytz auch gegen FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter an.

Familie und Bildung

Der Blick auf den familiären Hintergrund der Bundesräte zeigt: Die soziale Mobilität ist in der Schweiz so ausgeprägt, wie dies seit 1848 nie der Fall gewesen ist. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts war es die Regel, dass die Mehrheit der Bundesräte aus der gesellschaftlichen Elite stammte. Sie kamen entweder aus einflussreichen Akademiker- oder Politiker-Familien und waren vermögend. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren es im Schnitt nur noch drei oder vier Bundesräte, die familienbedingt mit einem gewissen Vorsprung ihre politische Karriere starteten.

Heute sitzen in Bern nur zwei Bundesräte, die allenfalls familiär bedingt einen kleinen Vorsprung beim Einstieg in die Politik genossen. Alain Berset entstammt einer einflussreichen Freiburger SP-Familie. Viola Amherds Eltern führten das grösste Elektrohandels­geschäft von Brig mit über 100 Angestellten und waren aktive CVP-Mitglieder.

Alle anderen haben sich in einem weniger vermögenden Umfeld oder aus politfernen Kreisen hochgearbeitet: Ignazio Cassis ist der Sohn einer eingewanderten Bauernfamilie. Simonetta Sommaruga wuchs in Sins AG als eines von vier Kindern in einer typischen Mittelschichtsfamilie auf. Karin Keller-Sutter wurde in ein ländliches, katholisches Milieu hineingeboren; Ueli Maurer wuchs in der Nähe von Hinwil ZH auf, machte eine kaufmännische Lehre und wurde später Buchhalter; Guy Parmelin führte den elterlichen Bauernhof. Bundesräte wie etwa Kaspar Villiger, die einer reichen Fabrikanten-Familie entstammen, sind heute die Ausnahme.

Politik

Der wichtigste Faktor bei der Bundesratswahl sind die Parteistärken im Parlament. Obwohl die Grünen rein von der Parteigrösse her einen Bundesratssitz beanspruchen könnten, liegt es im historischen Trend, wenn sie keinen bekommen. Trotz Kollegialprinzip hinkt die Neuzusammensetzung des Bundesrats den Veränderungen der Parteistärken im Parlament oft Jahrzehnte hinterher.

Am schlechtesten vertrat der Bundesrat in den 1870er-Jahren das Parlament. Nach dem Sonderbundskrieg operierten die Katholisch-Konservativen – die Vorgänger der CVP – als Opposition. Der Bundesrat war ausschliesslich aus Vertretern der FDP zusammengesetzt. Erst 1891 wurde dem ersten Nicht-FDPler, dem katholisch-konservativen Josef Zemp, ein Bundesratssitz gewährt. In den 1920er- und 30er-Jahren errangen die Sozialdemokraten regelmässig die grössten Wähleranteile. Trotzdem wurde ihnen erst im Jahr 1943 ein Bundesratsposten gewährt.

Gut erkennbar ist, wie die Zauberformel ab 1959 (2 FDP, 2 CVP, 2 SP, 1 SVP) dazu führte, dass der Bundesrat die Parteistärken im Parlament schlagartig besser vertreten hat. Im Trend wird der Wählerwillen bei der Zusammensetzung des Bundesrats aber seit 1959 sukzessive weniger wichtig. Sollte am Mittwoch die Grüne Rytz nicht in den Bundesrat gewählt werden, geht dieser Trend weiter.



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Erstellt: 08.12.2019, 11:59 Uhr

Methodik

Für die Grafik wurden die Lebensläufe aller 119 Bundesräte ausgewertet. Die Repräsentation des Parlaments wurde pro Bundesratspartei ermittelt, indem untersucht wurde, mit welchem Anteil sie im jeweiligen Jahr im Bundesrat vertreten war. Dieser Anteil wurde mit der Parteistärke im Nationalrat verglichen. Je stärker diese Werte voneinander abweichen, desto schlechter war der Wählerwille im Bundesrat vertreten, so die Annahme. Die Summe dieser Differenzen, normalisiert auf die Skala von 0 bis 1, ergibt den Repräsentations-Index. Hohe Werte bedeuten eine gute Repräsentation, tiefe Werte eine schlechte. Detaillierte Informationen zur Methodik finden sich auf unserem Github Account.

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