Sprich mit mir

Die Tochter unseres Autors ist drei Jahre alt – und redet nicht. Niemand weiss, weshalb. Und auch nicht, ob sich das ändert.

Irgendetwas scheint bei meiner Tochter anders zu sein, motorisch, sprachlich und kognitiv. Foto: Getty Images

Irgendetwas scheint bei meiner Tochter anders zu sein, motorisch, sprachlich und kognitiv. Foto: Getty Images

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Jetzt brüllt sie auch noch. Seit drei Minuten versucht mir meine Tochter, zu zeigen, was sie will. Und schafft es nicht. Ich halte ihr ­Knete, Puppe oder Stifte hin, mit jedem gescheiterten Anlauf wächst ihr Frust, äussert sich zuerst in ­Tränen, um sich schliesslich in einem Tobsuchtsanfall zu entladen. Ich stehe verzweifelt und ratlos daneben.

Ronja, so heisst meine Tochter, ist schon über drei Jahre alt – und spricht noch immer kein Wort. Alles, was sie herausbringt, sind Babylaute. «Gaga», «Baba», «Mmbf». «Mamma» kriegt sie auch hin, verwendet es aber so grosszügig, dass wir nicht sicher sein können, ob sie damit tatsächlich ihre Mutter meint. Irgendetwas scheint bei ihr anders zu sein, motorisch, sprachlich und kognitiv. Bisher haben die Ärztinnen und Pädagogen das als «Entwicklungsrückstand» subsumiert. Noch fehlt die Diagnose, wir befinden uns darum gerade im Abklärungsprozedere.

Was wir nach Durchlaufen der Stationen Entwicklungspädiatrie und Neurologie ausschliessen können: ein Hirnschaden, eine Stoffwechselkrankheit. Nun stehen wir vor Gentests, zuerst wird aufgrund eines bestimmten Verdachts untersucht, falls das nichts ergibt, folgt eine Breitbandanalyse. Selbst danach liegen die Chancen, Genaueres zu wissen, bei ungefähr 50 Prozent. Trifft irgendein Syndrom auf sie zu, ist dennoch unklar, wie ausgeprägt es sich bei ihr zeigen wird. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Ronja etwas hat, das jeder Bezeichnung entbehrt, ist ­beträchtlich.

Kinder entwickeln sich unterschiedlich

Wir haben also keine Ahnung, wie sich unsere Tochter in den nächsten Jahren entwickeln wird. Bleibt sie auf dem Stand einer Zweijährigen? Macht sie weiter Fortschritte? Falls ja, bis wohin? Holt sie gar noch auf? Oder wird sie stets auf unsere Hilfe angewiesen sein? Eine solche Aussicht ist so verunsichernd wie unbefriedigend. Schon kurz nach ihrer Geburt zeigte sich, dass Ronja speziell ist. Es dauerte lange, bis wir ihr Köpfchen nicht mehr stützen mussten, danach wiegte sie ihn seltsam, fast wie ein Wackeldackel. Sie konnte erst spät alleine sitzen und liess sich 22 Monate Zeit mit Laufen. Als erstmaliger Vater beunruhigte mich das nicht besonders. Was ist schon normal? ­Kinder entwickeln sich ganz unterschiedlich, so viel wusste ich. Heute ist diese Gelassenheit verschwunden. Nicht dass ich besonders besorgt wäre, aber ich bin gewappnet. Zu frappant ist der Unterschied zwischen Ronja und ihren Altersgenossen geworden.

Eltern völlig gesunder und normal entwickelter Kinder sind sich wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie sehr wir stets vom Best Case aus­gehen. Ist ja auch natürlich, warum sich unnötig verrückt machen? Alle Glieder dran, das erste Lebensjahr überstanden – das wird schon. Tatsächlich? Meine Tochter hat mich gelehrt, möglichst ­wenig als selbstverständlich anzusehen. Nicht, dass sich das leicht ­erlernen ­liesse. Aber wenn Ronja einen Schuh – Sohle am Rist – anziehen will oder Brot in ihren Trinkbecher zerpflückt, wird es mir immer wieder vor Augen geführt.

Zwei Aspekte an der Eigentümlichkeit meiner Tochter machen mir besonders zu schaffen: Erstens, dass ich nicht weiss, ob sie jemals ein selbstständiges Leben führen kann. Ich hoffe es für Ronja, dass sie mich irgendwann nicht mehr braucht – aber auch für mich; ich stelle es mir sehr bedrückend vor, ein Kind zu pflegen, das eigentlich schon erwachsen ist.

Seit über drei Jahren sind wir jetzt schon im Babymodus

Zweitens belastet mich, dass Ronja nicht spricht. Schon vor ihrer Geburt hatte ich mich darauf gefreut, ihr Geschichten zu erzählen, hatte Bilderbücher gekauft, die ich ihr vorlesen würde, und mir vorgestellt, wie wir uns ausmalen, was der kleine Herr Jakob auf dem Bild wohl zur Ente sagt. Zwar kann ich mich durchaus mit ihr hinsetzen und ein ­Bilderbuch anschauen, spätestens nach zwei Minuten hat sie es mir allerdings aus der Hand gerissen. Auch versteht sie einige Aufforderungen wie «Bring mir mal deinen Bären», doch verständigen kann sie sich kaum – auch wenn sie es mit zahlreichen Gesten und Bewegungen versucht, so, dass es manchmal einem Ausdruckstanz gleicht. Ist kein Drama, schon klar. Andere haben Kinder mit Downsyndrom oder solche, die an den Rollstuhl gebunden sind. Kinder mit Leukämie, Kinder, die sterben, bevor sie sprechen lernen. Was will ich mich da beschweren? Zumal Ronja ein fröhliches Mädchen ist, das nicht autistisch-abgeschottet in einer eigenen Welt lebt, sondern erstaunlich zugänglich ist und den Kontakt sucht. Manchmal erwische ich mich, wie ich traurig bin, dass Ronja sich nicht normal entwickelt, und muss mich selber schelten: «Wir haben es gut. Du liebst deine Tochter, und ihr habt eine feste Bindung. Ist doch nicht so schlimm, dass ihr vorerst mal nur nonverbal ­miteinander kommuniziert. Das ist ein Luxusproblem.»

Und doch ist es nicht so einfach zu akzeptieren, dass das eigene Kind mit drei noch immer fast so betreuungsbedürftig ist wie mit eineinhalb. Seit über drei Jahren sind wir nun schon im Babymodus, das ist anstrengend und nervenaufreibend. Ich hätte die Vaterphase, in der ich sie herumtrage oder mit Basstönen zu beruhigen versuche, längst abgeschlossen und wäre bereit für die Phase, in der ich sie mit Worten trösten oder ihr erklären kann, warum es kein zweites Bonbon gibt. Mit den Monaten wächst meine Ungeduld. Aber ich muss froh sein, wenn Ronja in die Hände klatscht und mir so signalisiert, dass sie noch ein zweites Bonbon ­möchte.

Manchmal habe ich den Eindruck, ich dringe nicht recht zu ihr durch. Es macht mich traurig, nicht sicher sein zu können, ob sie es versteht, wenn ich ihr sage, wie lieb ich sie habe. Wie gerne würde ich ihre neugierigen Fragen beantworten. Warum musst du arbeiten? Weshalb spielt die Katze nicht mit mir? Wie macht dieses Ding Musik? Stattdessen ist unsere Kommunikation sehr einseitig: Ich spreche mit ihr, und sie quittiert das mit diversen Lauten, die ich kaum einordnen kann. Lediglich ­einige Gesten vermag ich zu deuten.

Hoffnungsvoll bleiben, aber nicht blauäugig

Wie gross meine Sehnsucht ist, merke ich, wenn ich auf andere, ­sprechende Kinder treffe. In der Kita oder auf dem Spielplatz. Die kleinste Aufmerksamkeit nutze ich, der ich mich weder als besonders redselig noch als speziell sozial bezeichnen würde, als Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Endlich ein Dialog. Und darauf folgt ein schlechtes Gewissen. Ebenso, wenn ich Eltern beneide, die mit ihren Kindern plaudern, und darob in Selbstmitleid verfalle.

Immer wieder treffe ich Menschen, die überzeugt sind, dass sich Ronja noch ganz normal entwickeln wird (dummerweise sind darunter keine Ärztinnen oder Entwicklungspädagogen). «Das kommt schon noch, wirst sehen, plötzlich quatscht sie dich zu», sagen sie, oder «die Tochter der Cousine meiner Freundin hat auch erst mit vier angefangen, zu reden». Das lässt mich manchmal daran zweifeln, ob ich genügend Hoffnung und Zuversicht habe. Traue ich Ronja zu wenig zu?

Andererseits haben die gut reden, sie sind ja nicht direkt betroffen. Ich habe für mich entschieden, hoffnungsvoll zu sein, aber nicht blauäugig. Ich möchte glauben, dass sie vielleicht doch noch alles lernt und man später gar nicht mehr merkt, dass sie mal anders war. Und gleichzeitig will ich realistisch ­bleiben und mich auf die Möglichkeit vorbereiten, dass sie anders bleiben wird.

Der Abklärungsmarathon (Kinderspital, Kinderarzt, Entwicklungspädagogik, Logopädie) und die dazugehörigen Fragen (heilpädagogische Schule oder normale Schule?) sind für uns alle zwar zeitraubend, aber nicht besonders belastend. Schwerer wiegt, dass die Unbeschwertheit verflogen ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der man mit dem eigenen Kind herumtollt. Stattdessen ist es ein Auf und Ab, ein Alternieren aus Hoffnung und Verzweiflung, eine Mixtur aus Liebe und Schmerz.

Was wäre, wenn Ronja gar nie fähig sein wird, zu sprechen? Was, wenn ich mich nur mit Gebärden oder dank Sprachcomputer mit ihr unterhalten kann? Sofern man denn von Unterhaltung sprechen kann. Wäre das so schlimm? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich wäre es für mich nicht viel schlimmer als für einen Vater, der sich schon ­immer erhofft hatte, seine Tochter würde einmal Medizin studieren, und akzeptieren muss, dass sie stattdessen eine Lehre als Kosmetikerin macht. Wichtig ist doch, dass Ronja zufrieden ist und Freude an ihrem Leben hat. Den Rest werde ich mit mir selbst ausmachen müssen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.10.2017, 06:16 Uhr

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