Städte ächzen unter der Demo-Flut

Es wird so viel demonstriert wie noch nie. Anwohner und Pendler sind verärgert, Läden in ihrer Existenz bedroht.

Jemand demonstriert immer: Am Freitag wars die Klimajugend in der Zürcher Innenstadt. Foto: Urs Jaudas

Jemand demonstriert immer: Am Freitag wars die Klimajugend in der Zürcher Innenstadt. Foto: Urs Jaudas

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Es ist Black Friday, seit Wochen bereiten sich die Läden auf diesen Tag vor, er soll einer der umsatzstärksten des Jahres werden. Doch ausgerechnet an diesem Freitag gibt die Stadtpolizei Zürich eine Warnung heraus: Die Innenstadt und das Seebecken solle man nach 16 Uhr grossräumig umfahren. Der Grund: Die Klima­jugend demonstriert.

Zwar regnet es, der Aufmarsch ist überschaubar, trotzdem sperrt ein eindrückliches Polizeiaufgebot Strassen ab, mehrere Tramlinien werden umgeleitet. Und das mitten im Feierabendverkehr. Ein Riesenchaos.

Kaum ist die Klimajugend durch, folgt mit der «Critical Mass» die nächste Demonstration. Dabei handelt es sich um einen Velo­umzug mit unbestimmter Route, der zu grösseren Verkehrsbehinderungen führt – was auch Zweck der Übung ist.

Die Anzahl Demonstrationen in den grösseren Schweizer Städten hat in den letzten Jahren markant zugenommen.

Am nächsten Tag geht die Protestwelle weiter. Tibeter demonstrieren gegen die Verhaftung von Mönchen in ihrer Heimat. Womöglich gibt es an dem Samstag noch eine oder zwei Kundgebungen mehr, längst nicht alle Veranstalter beantragen bei der Stadt eine Bewilligung.

Die Anzahl Demonstrationen in den grösseren Schweizer Städten hat in den letzten Jahren markant zugenommen. Gemeinsam durch die Strassen zu ziehen und für eine Sache einzustehen, ist zu einem beliebten Happening für alle möglichen Gruppierungen geworden. Befördert wird dieser Trend durch Social-Media-Kanäle wie Facebook: Nie war es so einfach, Gleichgesinnte zu mobilisieren, wie jetzt.

Samstags musste die Boutique immer wieder früher schliessen

Bern ist von der zunehmenden Protestlust noch stärker betroffen als Zürich. 2018 zählte die Bundesstadt eine Rekordzahl von 299 Kundgebungen, dieses Jahr war man Ende Oktober schon bei 280. Pro Woche muss die enge Stadt im Durchschnitt sechs Manifestationen aushalten. Es kam schon vor, dass an einem Wochenendtag vier Demonstrationen gleichzeitig stattfanden. Man versuche sie so gut wie möglich zu verteilen, sagt ein Sprecher der Stadt.

Die ständigen Demos sind für Pendler, Anwohner und Besucher ein Ärgernis. Für das Gewerbe können sie sogar existenzbedrohend sein, wie ein Beispiel aus Zürich zeigt. Letzte Woche verschickte die Edel-Boutique Escada ihren Kundinnen einen Brief, in dem über die Schliessung des Geschäfts informiert wurde. Grund seien neben der Aufhebung von Parkplätzen und Baustellen vor dem Geschäft die vielen Kundgebungen: «Demonstrationen jeden Samstag halten die Kunden davon ab, in die City zu kommen. Wir sind gezwungen, an solchen Samstagen das Geschäft ganz oder vorzeitig zu schliessen.»

Auf Nachfrage sagt Béatrice Furrer, welche die Boutique 30 Jahre lang führte, die Situation sei unerträglich geworden. Tatsächlich habe sie dieses Jahr schon mehrmals das Geschäft am umsatzstarken Samstag frühzeitig schliessen müssen. «Alle Ladenbesitzer machen die Faust im Sack, es wird Zeit, Klartext zu reden.» Von den rot-grünen Politikern fühlt sie sich im Stich gelassen. «Die sind absolut gewerbefeindlich, denken nicht an die Arbeitsplätze», sagt sie. «Die meinen, das Geld komme von irgendwoher.»

«Die Politiker haben kein Gehör für uns»

Milan Prenosil vertritt als Präsident der Zürcher City-Vereinigung die Geschäfte der Innenstadt. Der Chef der Confiserie Sprüngli spricht von Umsatzeinbussen in der Höhe von mehreren Hunderttausend Franken bei gewissen Kundgebungen. Vielen Leuten sei es zu mühsam geworden, in die Stadt zum Einkaufen zu kommen, wenn ständig Strassen gesperrt sind und Tramlinien umgeleitet werden. Manchmal komme auch die Angst vor gewalttätigen Demonstranten hinzu.

Kürzlich war in den Medien von Autofahrern zu lesen, die wegen einer Demonstration zweieinhalb Stunden in einem Parkhaus blockiert waren. «Das sind unhalt­bare Zustände», sagt Prenosil. Auch er erhebt Vorwürfe gegen die Politik. «Das ist kein Miteinander mehr, die haben kein Gehör für uns.»

Alle angefragten Gewerbetreibenden betonen, sie hätten nichts gegen die Klimajugend, Kurden, LGBT-Aktivisten, Tierschützer, Frauen, Freikirchler und alle anderen Gruppen, die auf die Strasse gehen. Auch das Demonstrationsrecht – ein Grundpfeiler der Demokratie – stellt niemand infrage. Allein die Menge und die Konzentration auf die Innenstädte seien das Problem.

Sven Gubler, Direktor der Vereinigung Bern City, ist in seiner Kritik weniger vehement als seine Zürcher Kollegen. Demonstrationen gehörten seit jeher zur Bundesstadt, man sei sich das gewohnt, sagt er. «Wir staunen aber dann schon, wenn Bewilligungen für den Samstag, 14 Uhr, erteilt werden, genau zu unserer Primetime.»

Zu schaffen machten vor allem gewalttätige Demonstrationen mit Vandalismus. «Wir bekommen dann längere Zeit zu spüren, dass die Leute Mühe haben, in die Stadt zu kommen.»

Ein Problem, das man auch in Basel kennt. Allein die Ankündigung einer grossen Kurdendemo und Presseberichte über mögliche Aktionen von Linksaktivisten sorgten Anfang November dafür, dass viele Leute an jenem Tag die Stadt mieden. Und dies, obschon die Kundgebung dann friedlich verlief. Die Befürchtungen waren aber nicht unbegründet gewesen: Bei vergleichbaren Märschen war es zuvor zu hohen Sachbeschädigungen gekommen.

Bei der Klimademonstration vom Freitag in Zürich legten sich einige Aktivisten vor dem Eingang des Warenhauses Jelmoli auf den Boden, um gegen den «Konsumwahn» zu protestieren.

Das wäre nicht nötig gewesen. Wie die Vertreter der City-Vereinigungen sagen, würden die Kunden durch die ständigen Demonstrationen ohnehin noch stärker in den Onlinehandel ausweichen. Ob dies ökologischer sei, sei allerdings eine andere Frage.



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Erstellt: 30.11.2019, 22:48 Uhr

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