Star-Galerist zu 3,5-Millionen-Busse verurteilt

Mathias Rastorfer soll Dolder-Besitzer Urs Schwarzenbach geholfen haben, Steuern zu umgehen – er bestreitet die Vorwürfe.

Streitobjekt «Big Retrospective Painting»: Zollfahnder fanden das Gemälde von Andy Warhol 2013 im Zürcher Hotel Dolder Grand. Foto: Keystone

Streitobjekt «Big Retrospective Painting»: Zollfahnder fanden das Gemälde von Andy Warhol 2013 im Zürcher Hotel Dolder Grand. Foto: Keystone

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Die Kunstbranche ist eine äusserst verschwiegene Szene. Die Akteure achten auf höchste Diskretion. Doch jetzt bringt eine Strafverfügung der Oberzolldirektion vom 20. März 2018 etwas Licht ins Dunkel. Zumindest, was eine berühmte Galerie betrifft.

In der Affäre um den Zürcher Kunsthändler und Besitzer des Hotels Dolder Grand, Urs Schwarzenbach, hat die Oberzolldirektion eine Busse von 3,5 Millionen Franken gegen einen Star der Schweizer Kunstszene verhängt: Mathias Rastorfer, 57 Jahre alt, Partner in der Galerie Gmurzynska am Paradeplatz in Zürich und Komitee-Mitglied bei der Art Basel.

Die Galerie Gmurzynska gehört weltweit zu den Top-Adressen auf dem Kunstmarkt. Sie erlangte Ruhm, weil sie schon in den 60er- und 70er-Jahren Werke von Künstlern der russischen Avantgarde kaufte. Später setzte sie auf die klassische Moderne, seit 1996, als Mathias Rastorfer zur Galerie stiess, auf Werke der amerikanischen Moderne. Alles Kunstschätze, die sich später zu Spitzenpreisen verkaufen liessen. Auch Schwarzenbach kaufte dort jahrelang üppig ein. Das Verfahren richtet sich nicht gegen die Galerie, sondern gegen Rastorfer persönlich.

Die Oberzolldirektion wirft ihm vor, er habe Schwarzenbach von 2007 bis 2013 in 80 Fällen dabei geholfen, über zehn Millionen Franken an Mehrwertsteuern oder Einfuhrsteuern zu umgehen. Es geht um Kunstschätze im Wert von gegen 100 Millionen Franken. Darunter sind Bilder von Picasso, Andy Warhol oder Robert Indiana. Der Behördenentscheid ist nicht rechtskräftig, der Galerist hat Beschwerde eingelegt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Oberzolldirektion sieht ein systematisches Vorgehen: Für Galerien gilt bei der Einfuhr von Kunstwerken ein Spezialverfahren. Weil sie Bilder oder Skulpturen häufig einführen, ausstellen und nach dem Verkauf gleich wieder exportieren, dürfen sie die Schätze steuerfrei ins Land bringen, im sogenannten Verlagerungsverfahren.

Gleichzeitig gilt: Wenn ein privater Kunstsammler wie Schwarzenbach in der Schweiz ein Gemälde kauft, muss er 8 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, wenn es im Land bleibt. Wird es exportiert, entfällt die Steuer.

Wenn ein privater Kunstsammler in der Schweiz ein Gemälde kauft, muss er 8 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen.

Das Spezialverfahren für Galerien und die Steuerfreiheit beim Export – diese beiden Bestimmungen hat Schwarzenbach laut Oberzolldirektion zu einem ausgeklügelten System umfunktioniert – mit tatkräftiger Unterstützung des Galeristen.

So kaufte eine Galerie Minerva mit Sitz in Liberia im Jahr 2005 in Zürich das elf Meter lange Meisterwerk von Andy Warhol «Big Retrospective Painting» zum Preis von 34 Millionen Franken. Die Offshore-Firma hat Schwarzenbachs Anwalt Ulrich Kohli, der in diesem Verfahren ebenfalls Beschuldigter ist, aufgesetzt. Die Briefkastenfirma ist nur eine von fünf, die in diesem Fall Schwarzenbach zugeschrieben wird.

Das Bild wurde für den Export deklariert, doch es blieb hier

Auf der Rechnung, die Schwarzenbachs Büro in der Villa Falkenstein in Zürich beglich, liess man anmerken: «No VAT, Export», keine Mehrwertsteuer, für den Export bestimmt. Doch das Bild blieb in der Schweiz. Erst 2008 kam Hektik auf. Im Jahr zuvor war das Gesetz verschärft worden. Seither darf Export-Ware nur noch sechs Monate (mit begrenzter Verlängerung) in der Schweiz weilen. Dann muss sie raus.

In der Folge setzte Schwarzenbachs Kunstabteilung im August 2008 für den Warhol mit der Galerie Gmurzynska einen Kommissionsvertrag auf. Solche Verträge werden normalerweise mit Kunsthändlern abgeschlossen, wenn diese Bilder verkaufen sollen und dabei Kommissionen verdienen. Doch das war hier, laut Oberzolldirektion, nicht die Absicht.

Steuerbefreit in die Schweiz

Vielmehr kam es zu einer für Schwarzenbach vorteilhaften Aktion. Das Bild wurde aus dem Lager der Offshorefirma exportiert und gleich wieder in die Schweiz eingeführt – im steuerbefreiten Verlagerungsverfahren der Galerie Gmurzynska. Und dies, obwohl sie das Bild später weder ausstellte noch zu verkaufen versuchte. In einem von Fahndern beschlagnahmten Dokument von 2009 zum Warhol-Bild steht, dass die Galerie bei einem allfälligen Verkauf weder Kommissionen noch sonst Geld erhalten würde.

2011 dann meldete die Galerie der Eidgenössischen Steuerbehörde, das Bild sei «definitiv nach Grossbritannien exportiert» worden, obwohl Mathias Rastorfer Tage zuvor mit Schwarzenbachs Angestellten per E-Mail darüber konferierte, dass es ins Hotel Dolder soll. Dort war es dann auch, als Zollfahnder im April 2013 im Hotel eine erste Razzia durchführten (eine zweite folgte 2017). Schwarzenbach sparte allein für den Warhol rund 2,5 Millionen Franken.

Schwarzenbach bestimmte, die Galerie war nur vorgeschoben

Das gleiche Vorgehen zeigt sich bei weiteren Kunstschätzen. Im März 2011 kaufte Schwarzenbach bei der Galerie Gmurzynska für 1,2 Millionen Franken eine Skulptur und ein Gemälde. Die Galerie stellte die Werke zuerst in ihr Lager bei der UBS und meldete sie am 12. Januar 2012 zur Ausfuhr nach Grossbritannien an. «Dort kamen diese Kunstgegenstände nie an», steht im Entscheid der Oberzolldirektion. Sie wurden aber für einen Tag nach Freiburg (D) exportiert und am gleichen Tag wieder in die Schweiz eingeführt. Auch da im Verlagerungsverfahren von Gmurzynska.

Der eintägige Ausflug nach Deutschland ist für die Behörde ein klarer Hinweis, dass es nur darum ging, die bisher unversteuerten Kunstwerke dank dem Spezialverfahren für Galerien abgabenfrei ins Land zu bringen. Kostenpunkt für den Staat: rund 100'000 Franken an entgangenen Abgaben.

Bildstrecke: Am 7. März 2017, haben Fahnder des Zolls mehrere Bilder im Luxushotel beschlagnahmt.

Die Galerie habe sich von Schwarzenbach einspannen lassen, die Kommissionsverträge seien vorgetäuscht, so die Essenz der Vorwürfe der Oberzolldirektion. Allein Schwarzenbach habe über die Kunstschätze verfügt. Viele Werke fanden Zollfahnder bei Razzien in seinen Privatvillen. Die Behörde bezichtigt Rastorfer deshalb der mehrfachen vorsätzlichen Einfuhrsteuerhinterziehung. Neben der Millionen-Busse muss er gemeinsam mit Schwarzenbach 11 Millionen Franken Abgaben zahlen.

Rastofer äussert sich auf Anfrage nicht, doch gegenüber der Oberzolldirektion bestreitet er alle Vorwürfe. Das Verlagerungsverfahren sei korrekt angewendet worden. Zudem: Das Verfahren über die angeblich geschuldete Mehrwertsteuer sei nicht rechtskräftig entschieden. Deshalb könne er in diesem Fall nicht mit einer Busse bestraft werden. Auch Anwalt Ulrich Kohli weist die Vorwürfe zurück: Jedes Bild sei mit Bewilligung der Eidgenössischen Steuerverwaltung in die Schweiz importiert worden. «Ich verteidige Urs Schwarzenbach engagiert, das passt dem Zoll nicht, deshalb macht er Druck auf mich», sagt er. Schwarzenbach stellt die Zuständigkeit der Zollbehörde grundsätzlich in Abrede.

In der Kunstaffäre sind gegen Schwarzenbach weitere Verfahren der Zollbehörde hängig. Und die Eidgenössische Steuerverwaltung verlangt von ihm Nachsteuern von über 150 Millionen Franken. Die Fälle sind nicht rechtskräftig.

recherchedesk@tamedia.ch

* Dieser Artikel erschien erstmals am 10. Juni 2018 in der SonntagsZeitung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.06.2018, 17:18 Uhr

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