Stillstand bei Raiffeisen

Die Anzeichen häufen sich, dass die Bankführung wenig Interesse an der Aufklärung der Vergangenheit hat.

Umstrittene Rolle im Betrugsfall ASE: Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle. Foto: Keystone

Umstrittene Rolle im Betrugsfall ASE: Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle. Foto: Keystone

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Die Hoffnungen waren gross, als Guy Lachappelle am 10. November zum neuen Präsidenten der Raiffeisen-Gruppe gewählt wurde. Sein Versprechen, mit den teilweise zweifelhaften Methoden des langjährigen Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz und seiner Crew aufzuräumen, kam gut an. Nun scheint der Wille zur Aufklärung der Vergangenheit bereits erlahmt.

Das hat zwei Gründe: einerseits der Wunsch nach Ruhe und andererseits Lachappelles Altlasten. Da geht es um Geldwäscherei, oder mindestens eine unterlassene Meldung an die zuständige Bundesstelle, sowie um eine Strafuntersuchung wegen Nichtverhinderung von Geldwäscherei gegen die Basler Kantonalbank (BKB), deren Chef er sechs Jahre lang war.

Anleger des Quantofund gingen bisher leer aus

Beim Betrugsfall ASE geht es um ein Schneeballsystem, eine Art Madoff-Fall im Kleinformat, bei dem Kleinanleger 170 Millionen Franken verloren. Viele Kunden des Vermögensverwalters ASE hatten ihr Konto bei der BKB, ebenso der Quantofund, ein Anlagefonds der ASE. Während diejenigen Kunden teilweise entschädigt wurden, die ihr Konto bei der BKB direkt hatten, gingen die Anleger des Quantofund bisher leer aus. Dagegen klagte der Anlagefonds denn auch auf verschiedenen Ebenen.

Im Vorfeld seiner Wahl sagte Lachappelle den Genossenschaftern, der Fall sei unter Kontrolle und er selber höchstens am Rande betroffen. Zudem, so die von Raiffeisen öffentlich wiederholte Behauptung, habe die Finanzmarktaufsicht (Finma) den Fall untersucht und Lachappelles Rolle als unbedenklich eingestuft.

Der Fall ASE untergräbt Lachappelles Autorität

Dem widerspricht inzwischen ein Urteil des Aargauer Obergerichts. Demnach hat die Finma «nicht erkennbar untersucht, ob sich Mitarbeitende der Beschuldigten (BKB) strafrechtlich wegen Geldwäscherei schuldig gemacht haben könnten». Darum müsse einer Strafanzeige nachgegangen werden, und die Staatsanwaltschaft müsse Ermittlungen aufnehmen.

Gegen den Entscheid habe die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau Rechtsmittel eingelegt, sagt deren Sprecher Daniel von Däniken. Nun muss das Bundesgericht entscheiden. Stützt es den Entscheid der Vorinstanz, wird es heikel für Lachappelle. Denn als er im Oktober 2010 in die Konzernleitung der BKB aufstieg, musste er sich gleich mit dem Fall ASE beschäftigen. Er wurde sofort Mitglied des Kreditausschusses. Dieser beschäftigte sich bereits seit längerer Zeit mit dem Fall, weil viele Konten der ASE-Kunden im Minus waren.

Noch im Oktober schrieb Lachappelle laut einem internen Untersuchungsbericht dem Teamleiter der Zürcher Filiale: «Hallo – haben wir diese Position noch im Griff, oder aber läuft diese aus dem Ruder? Sind sich die Kunden überhaupt und insbesondere nachweislich über ihre Positionen bewusst, ansonsten wir hier nebst dem Verlustrisiko ein enormes Reputationsrisiko fahren?»

Bericht stellt mehrere Interessenkonflikte fest

Obwohl er also die Problematik des Falls erkannt hatte, passierte eineinhalb Jahre lang nichts. Das veranlasste die Anwälte von Bär & Karrer, die im Auftrag der Basler Kantonalbank die Untersuchung durchführten, zur Bemerkung, die Mitglieder des Kreditausschusses seien ihrer «Oberverantwortung für die Einhaltung der Compliance nicht in ausreichendem Umfang nachgekommen», also eventuell Geldwäscherei nicht verhindert zu haben. Lachappelle bekam übrigens trotz allem einen Bonus für seine Arbeit.

Rechtsberater der BKB im Fall ASE ist das Büro Homburger. Homburger leitet auch eine externe Untersuchung bei Raiffeisen. Dabei geht es um die umstrittenen Firmenkäufe in der Ära Vincenz. Schon vor den Sommerferien wurde festgestellt, dass bei der grössten Übernahme, jener der Bank Wegelin, alles rechtens gewesen sei. Dies, obwohl der bezahlte Preis allgemein als zu hoch eingestuft wird und eine Konkurrenzofferte der Bank Vontobel deutlich tiefer war. Am 10. November veröffentlichte Raiffeisen einen Zwischenbericht zur Untersuchung. Er stellt fest, dass es bei mehreren Übernahmen zu Interessenkonflikten kam, dass ohne nähere Abklärungen überhöhte Preise bezahlt wurden und dass man trotzdem keine Strafanzeige einreicht. Dabei könnte nur der Staatsanwalt klären, ob verdeckte Zahlungen an Vincenz oder andere Geschäftsleitungsmitglieder gingen.

Seltsames Konstrukt für Lohnzahlung an Konzernleitung

Ebenfalls steht im Bericht, dass Homburger die Bezüge von Vincenz und der Geschäftsleitung nicht untersucht hat. Dies, obwohl die Staatsanwaltschaft Akten dazu einverlangt hat und obwohl dabei eine sehr seltsame Konstruktion auffiel. Die Lohnbuchhaltung für die Konzernleitung wurde nämlich 2002 an eine Treuhandgesellschaft von Rechtsanwalt Eugen Mätzler ausgelagert. Mätzler war gleichzeitig Verwaltungsratspräsident von Vincenz’ Privatfirma Varaplan und in die umstrittene Übernahme der Firma Comtrain involviert, derentwegen eine Strafuntersuchung läuft.

Raiffeisen-Sprecherin Angela Rupp sagt, bei den Lohnzahlungen sei alles in Ordnung gewesen, die Revisionsgesellschaft PWC habe das jährlich geprüft. Das klingt gut. Allerdings hat PWC auch die Comtrain-Übernahme geprüft und nichts herausgefunden, bis der Fall im Februar in einem Parallelverfahren von der Kreditkartenfirma Aduno angezeigt wurde. Bei Raiffeisen scheint der Wille zur Aufklärung nicht im gleichen Mass vorhanden. Möglicherweise ist aber auch die Autorität von Lachappelle in diesen Fragen durch die Rechtshändel, die ihn selber betreffen, untergraben.

Erstellt: 23.12.2018, 15:30 Uhr

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