Swiss und Lufthansa verleiten zu klimaschädlichem Verhalten

Nicht nur Billig-Airlines, auch traditionelle Fluggesellschaften heizen mit Umsteigeflügen den CO2-Ausstoss an.

Animiert zu überflüssigen Reisen: Wer ab Zürich einen Flug mit der Lufthansa-­Tochter Eurowings bucht, bezahlt mit Umsteigen oft weniger als für einen Direktflug. Foto: PD

Animiert zu überflüssigen Reisen: Wer ab Zürich einen Flug mit der Lufthansa-­Tochter Eurowings bucht, bezahlt mit Umsteigen oft weniger als für einen Direktflug. Foto: PD

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Fluggesellschaften geraten immer mehr unter Druck. Die Umweltbelastung durchs Fliegen steht weit oben auf der politischen Agenda verschiedener Länder. National- und Ständerat haben sich jüngst für eine Steuer auf Flug­tickets ausgesprochen. In Deutschland wird über eine «Kampfpreis-Steuer» auf Billigflügen diskutiert und sogar über einen Mindestpreis für Flüge. Nun beschloss die deutsche Regierung erst einmal höhere Steuern auf Flug­tickets. Im Fokus der Kritik stehen Billigairlines wie Easyjet und Ryan­air. Mit Tiefstpreisen für Kurzstreckenflüge würden diese zu klimaschädlichen Reisen animieren.

Auch die etablierten Airlines zeigen gern mit dem Finger auf die Billigkonkurrenz. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte in einem Interview, dass man mit Steuern bei den «Ultrabilligtickets» ansetzen könnte, die «eine künstliche Nachfrage schaffen». Die Ticktes für 9 Euro der Wettbewerber seien zum Symbol für eine «ökologisch unverantwortliche Preisgestaltung geworden». Swiss-Chef Thomas Klühr verweist ebenfalls auf Entwicklungen, die nicht in Ordnung seien. «Flugtickets für 20 Franken halte ich für nicht vernünftig.»

Billigairlines fliegen direkter

Doch die Lufthansa-Gruppe verleitet Reisende ebenfalls zu unvernünftigem Verhalten – auch in der Schweiz. Ein Beispiel ist etwa die Reise von Zürich nach Köln mit der Lufthansa-Tochter Eurowings. An verschiedenen Tagen ist der Direktflug deutlich teurer als ein Umsteigeflug via Hamburg. In einer Stichprobe kostet der Direktflug von Zürich nach Köln mit Euro­wings 239 Franken. Wer am selben Morgen mit Eurowings von Zürich nach Hamburg fliegt, dort umsteigt und wieder in Richtung Süden nach Köln reist, bezahlt nur 99 Franken. Für die Umwelt ist dieses Schnäppchen schlecht. Die Reise via Hamburg verursacht laut Myclimate 297 Kilo CO2 – mehr als doppelt so viel wie die direkte Variante.

Solche Verbindungen bieten Billig­airlines nicht an. Ihr Geschäfts­modell basiert auf Direktflügen innerhalb Europas. Traditionelle Airlines offerieren ihren Kunden dagegen systematisch Rabatte, wenn sie länger und damit umweltschädlicher unterwegs sind. Swiss und Lufthansa sind damit bei weitem nicht allein.

«Da muss sich jeder Reisende selbst an der Nase nehmen»

Dies besonders bei Langstrecken. Der Hinflug von Zürich nach Bangkok via München kostete auf der Website der Lufthansa zuweilen 370 Franken. Der Direktflug mit der Swiss nach Bangkok dagegen 760 Franken. Umgekehrt sind Flüge mit der Swiss von Mailand, Paris oder Frankfurt über Zürich mit anschliessender Langstrecke oft deutlich günstiger als direkte Verbindungen ab Zürich.

In der Business-Klasse beträgt der Rabatt für aus Italien, Frankreich oder Deutschland anreisende Kunden schnell mehrere Tausend Franken. «Wenn wir ein Langstreckenflugzeug nur mit Schweizer Fluggästen füllten, könnten wir maximal fünf Destinationen wirtschaftlich betreiben», sagte Swiss-Chef Klühr in einem Interview mit der SonntagsZeitung.

Laut Andreas Wittmer, Aviatik-Experte der Universität St. Gallen, sind Direktverbindungen bei allen traditionellen Airlines meist teurer. «Der Direktflug dauert weniger lange und verursacht weniger Umtriebe. Daher hat er einen höheren Kundennutzen und Wert.» Ob billigen Umsteigeangebote unter Druck kommen angesichts der hitzigen Debatte über Umweltschäden durchs Fliegen? «Ich hoffe es. Da muss sich jeder Reisende selber an der Nase nehmen», sagt Wittmer. Die Lufthansa-Gruppe könne nur deshalb ein breites Angebot bieten, weil auch Transferpassagiere mit günstigeren Tickets mitflögen, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Anschlusspassagiere seien wichtig, um eine Strecke profitabel betreiben zu können. «Kunden wählen Umsteigeverbindungen in der Regel nur, wenn diese preiswerter als Direktverbindungen sind.»

Zürich–Paris–Zürich, um über Zürich billiger zu fliegen

Um an die Schnäppchen zu kommen, nehmen Passagiere teils zusätzliche umweltbelastende Umwege in Kauf. «Ich fliege nur noch ab Mailand oder Paris mit der Swiss», berichtet ein Schweizer Leser. Dabei kann es sich sogar lohnen, ab Zürich in eine andere Stadt zu fliegen, nur um dann über Zürich wieder die eigentliche Reise anzutreten. Wer den Zubringerflug nach Zürich nicht antritt, wird von der Swiss zur Kasse gebeten. Sie verlangt nachträglich den Aufschlag für den Tarif des Direktflugs plus eine Änderungsgebühr. Die Lufthansa hat jüngst sogar einen Passagier verklagt, der nach seinem Rückflug von Seattle beim Zwischenstopp in Frankfurt ausstieg und seinen Weiterflug nicht antrat.

Die klassischen Airlines bieten noch weitere Anreize für Transferflüge. Wer beim Meilenprogramm der Lufthansa und der Swiss, Miles and More, 30 Flugsegmente im Jahr vorweisen kann, wird zum Frequent Traveller. Damit profitieren Passagiere von Annehmlichkeiten wie dem Zutritt zur ­Lounge. Wer Umsteigeflüge wählt, erhält mehr Segmente gutgeschrieben und erreicht schneller den begehrten Status. Die Swiss verspricht: «Der Frequent-Traveller-Status ist Ihr Aufstieg in die Welt der Vielflieger-Privilegien.» Aus Sicht der Umwelt ist es eher ein Abstieg.



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Erstellt: 28.09.2019, 19:05 Uhr

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