Tausende Jobs sind bei den SBB gefährdet

Die Arbeitswelt der SBB steht vor Umwälzungen – die Digitalisierung führt zu einem Abbau von bis zu 3400 Stellen.

Baustelle SBB: Durchstich im Eppenbergtunnel bei Gretzenbach SO. Foto: Keystone

Baustelle SBB: Durchstich im Eppenbergtunnel bei Gretzenbach SO. Foto: Keystone

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Ruhe in die SBB bringen, keine ständigen Umstrukturierungen mehr: Das ist einerseits der Wunsch der Gewerkschaft an die neue Leitung der SBB nach der Ära von Andreas Meyer. Andererseits ist das auch die Perspektive von Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar. Sie sprach diese Woche davon, dass das Unternehmen in eine Phase der Konsolidierung gehen müsse. Doch das dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Laut einer Studie, welche die SBB in Auftrag gegeben haben, kommt es bis 2035 zu grossen Veränderungen im Unternehmen.

In Zusammenarbeit mit einer ETH-Professorin untersuchte die Beraterin PWC, wie sich die Arbeitswelt bei den SBB bis 2035 entwickeln könnte. Zwei Szenarien haben die Studienautoren unter die Lupe genommen. Im einen namens «integrierter ÖV Plus» wird angenommen, dass die Digitalisierung und Automatisierung langsamer voranschreitet und zum Teil stark reguliert wird. Neue Technologien werden dabei eher als Ergänzung genutzt und nicht als Voraussetzung zum Arbeiten eingesetzt.

In diesem Szenario werden bis zu 5500 Stellen verloren gehen – gleichzeitig aber auch 5700 aufgebaut. Vor allem im IT-Bereich werden nach diesem Szenario Jobs geschaffen, Stellen für Mittel- und Tiefqualifizierte werden hingegen abgebaut, wie es in einer Zusammenfassung der Studie heisst. Das zweite Szenario heisst «neue vernetzte Mobilität plus». Dort gehen die Studienautoren von einem stärkeren Einsatz von neuen Technologien aus: also mehr Digitalisierung, mehr Automatisierung. Entsprechend sind die Auswirkungen auf den Job-Bestand und die Berufsbilder deutlich grössser.

Die Führung ist gefordert: Andreas Meyer, Monika Ribar. Fotos: Keystone

Einem Aufbau von 6600 neuen Jobs steht ein Abbau von 10'000 Stellen gegenüber. Das ergibt unter dem Strich einen Abbau von 3400 Vollzeitstellen oder 13 Prozent des heutigen Bestands. Gegenwärtig zählen die SBB, inklusive SBB Cargo, aber ohne Tochterunternehmen, fast 27'000 Vollzeitstellen. Sie sind damit einer der grössten Arbeitgeber in der Schweiz.

Alleine die Tatsache, dass in den nächsten Jahren eine Pensionierungswelle auf die SBB zukommt, macht die Hoffnung auf etwas Ruhe nach der Ära Meyer zunichte. 11 300 Mitarbeiter werden das Unternehmen bis 2035 in die Pension verlassen. Die SBB müssen rein mathematisch niemanden auf die Strasse stellen: So sieht man denn auch die Chance, dass die Digitalisierung helfe, die Pensionierungswelle abzufedern, wie es in einer Mitteilung heisst. Die andere Seite: Eine Generation langjähriger und entsprechend erfahrener Angestellter verlässt die SBB.

Um die tief greifenden Umwälzungen abzufangen, haben die SBB einen Digitalisierungsfonds eingerichtet, aus dem unter anderem weitere Studien zur Zukunft der SBB-Arbeitswelt finanziert werden sollen. Für das Unternehmen ist die Untersuchung von PWC denn auch eine «weit blickende Studie», aus der man noch keine Konklusionen ziehe und die auch nicht «Potenzial für nächste Reorganisationen» auslote. Genau auf solche Reorganisationen bezog sich Ribars Aussage einer Konsolidierung laut einem Sprecher.

«Die Frage ist weiter, wie wir das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine ausgestalten können.»Bruno Zeller, Transfair

Neben der Anzahl Stellen wird sich vor allem auch das Anforderungsprofil für viele Jobs ändern. Zwar werden gerade bahnnahe Berufe wie Lokführer, Zugbegleiter oder auch Berufsleute im Unterhalt weiterhin gefragt sein. Da droht – vor allem bei den Lokführern – gar ein Arbeitskräftemangel. Doch bei kaufmännisch ausgerichteten Jobs oder in der Verwaltung sieht die Sache anders aus.

Beim Personalverband Transfair zeigt man sich besorgt über die Entwicklung. Zwar sei man froh, dass auch im extremeren Szenario der mögliche Abbau durch Pensionierungen abgefedert werden könne. Aber: «Am Ende haben die SBB trotzdem voraussichtlich weniger Mitarbeitende, was wir nicht gut finden», sagt Bruno Zeller von Transfair.

Denn neben der Frage, wie die Mitarbeitenden umgeschult werden können, gehe es auch um anderes: Wie gehen die SBB mit Temporären um? Wie mit Mitarbeitenden, die auf Plattformen rekrutiert werden und gar nie eine Stelle bei den SBB antreten? «Solche Arbeitsformen nehmen zu. Die Frage ist weiter, wie wir das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine ausgestalten können», sagt Zeller.

Die Unzufriedenheit hat auch mit dem Chef zu tun

Die zwei Szenarien zeigen vor allem eines deutlich: Eine Phase der Konsolidierung ist angesichts der kommenden Umwälzungen, selbst bei konservativ gerechneten Veränderungen, unrealistisch. Gerade beim Personal wäre eine solche Phase aber willkommen. In den vergangenen Jahren standen immer wieder Umstrukturierungen an. Zurzeit läuft etwa das Programm «SBBAgil2020», das die Division Personenverkehr umkrempelt. Eine 2016 angekündigte Reorganisation läuft gleichzeitig noch.

Die ständigen Reorganisationen führten auch dazu, dass das SBB-Personal mit seiner Arbeitgeberin nicht nur zufrieden ist. Seit Jahren liegen die Zufriedenheitswerte bei rund 65 von 100 Punkten. Die Personalmotivation sank zwischen 2017 und 2018 gar um 2,7 Prozent.

Diese Unzufriedenheit dürfte auch mit der Person von SBB-Chef Andreas Meyer zu tun haben. Der Manager eckt mit seinem dominanten Führungsstil immer wieder an. Er ist selbst reich an Energie und erwartet denselben bedingungslosen Einsatz auch von seinem Kader. Auf private Bedürfnisse nimmt er dabei laut verschiedenen Quellen wenig Rücksicht und sorgt damit für Verschleisserscheinungen.

Gemeinsames Joggen über Mittag mit Meyer

«Man muss bei ihm stets Gewehr bei Fuss sein», sagt eine Quelle. Dabei könne ihm nicht einmal böse Absicht vorgeworfen werden. Er sei schlicht beseelt von dem Gedanken, dass es im Dienst der Sache halt so laufen müsse, heisst es. Bei öffentlichkeitswirksamen Auftritten wie in Bundesbern, aber auch im Umgang mit dem Verwaltungsrat taktiert Meyer geschickt und souverän, in der Hierarchie nach unten lässt er hingegen keine Zweifel offen, wer der Boss ist.

Um seine Beliebtheitswerte beim Personal zu steigern, verstieg er sich auch schon zu Spontanaktionen, die bei den Mitarbeitenden nicht die gewünschte Reaktion erzielten. So lud Sportfanatiker Meyer vor einigen Jahren das Personal einmal spontan zum gemeinsamen Joggen über Mittag ein. Doch die Rennerei mit Turbo-Meyer stiess an der Basis auf wenig Echo, und so fand die Aktion ein rasches Ende.



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Erstellt: 08.09.2019, 07:32 Uhr

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