Todesdrohungen und sexuelle Belästigung auf der Notfallstation

Täglich gibt es Angriffe auf Ärzte und Pflegepersonal. Jetzt rüsten die Spitäler bei der Sicherheit auf.

Die zunehmende Gewalt in den Spitälern ist für das Personal eine zusätzliche Belastung. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die zunehmende Gewalt in den Spitälern ist für das Personal eine zusätzliche Belastung. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aus der Wunde am Kopf quillt Blut, sie muss genäht werden. Der Patient hat viel Alkohol intus, die Ärzte auf der Notfallstation des Universitätsspitals Zürich vermuten, dass er auch Drogen genommen hat. Plötzlich wird er unruhig und aggressiv, beleidigt das Personal, verweigert die Behandlung. «Wir versuchten, ihm zu erklären, wie es weitergeht», erzählt eine Pflegefachfrau. Es bringt nichts, der Patient reagiert mit Fusstritten, verletzt einen Oberarzt und eine Pflegefachfrau.

Solche Gewaltszenen sind heute Alltag auf Notfallstationen in Schweizer Spitälern. Wenn es nicht läuft, wie sie möchten, schlagen die Patienten zu oder schmeissen mit Gegenständen um sich. Und wenn sie zu lange warten müssen, brüllen sie oder ihre Angehörigen herum. Dokumentiert sind Würge- und Messerangriffe sowie Attacken mit Schlagstöcken. Und Todesdrohungen gegen das Personal.

Auch sexuelle Übergriffe gibt es: Patienten beleidigen Pflegefachfrauen, greifen ihnen an die Brüste und den Po.

Gewaltdelikte sind in der Schweiz rückläufig. Doch das gilt nicht für die Notfallabteilungen der Spitäler. Ausgerechnet Menschen, die anderen helfen wollen, werden vermehrt zur Zielscheibe von Gewalt und Pöbeleien.

Besonders deutlich zeigt sich das Phänomen in der Insel, dem Berner Universitätsspital. Laut Aris Exadaktylos, dem Chefarzt und Direktor des Notfallzentrums, steigen die Zwischenfälle mit problematischen Patienten jedes Jahr um 50 Prozent – dies, obwohl das Patientenaufkommen von rund 45'000 pro Jahr nur sehr wenig wächst. 2016 mussten die Ärzte und Pflegefachpersonen in der Insel nicht weniger als 600-mal den hauseigenen Sicherheitsdienst alarmieren. 2017 waren es bereits 900-mal. Und allein bis Ende August gab es im laufenden Jahr schon 800 solcher Zwischenfälle.

Kaum anders sieht es im Universitätsspital in Zürich aus. «Die Zahl der Interventionen in unseren Räumlichkeiten und auf dem Gelände hat in den letzten zehn Jahren zugenommen», sagt Claudio Leitgeb, der Leiter Unternehmenssicherheit. Jedes Jahr muss die Security im Schnitt 700-mal aufgeboten werden – und oft werden die Sicherheitsmänner in die Notfallstation gerufen. Auch das Universitätsspital Basel vermeldet eine «Zunahme von bedrohlichen Situationen» auf dem Notfall.

Notfallmediziner des Berner Inselspitals haben jetzt erstmals in der Schweiz solche Gewaltvorfälle näher untersucht. Sie analysierten insgesamt 83 gravierende Angriffe aus den Jahren 2013 bis 2016. Die Erkenntnis: Die meiste Gewalt geht von jungen Männern aus. Im Schnitt sind sie 33 Jahre alt, haben viel Alkohol getrunken oder eine Menge Drogen intus.

Am Anfang steht fast immer eine verbale Aggression – bei über 90 Prozent aller Fälle. Mehr als jeder zweite Patient wendet allerdings gemäss der Studie auch noch physische Gewalt an. Ebenfalls häufig sind Bedrohungen.

Am stärksten betroffen von der Gewalt sind Pflegefachpersonen, weil sie die meiste Zeit beim Patienten arbeiten, wenn sie Blut nehmen oder Verbände anlegen zum Beispiel. Weil in diesem Beruf viel mehr Frauen arbeiten, sind die meisten Gewaltopfer ebenfalls weiblich.

Die Studie zeigt auch, dass sich nach wie vor die Mehrzahl der Vorfälle in der Nacht ereignet – aber nicht nur: Mittlerweile passiert jeder fünfte Angriff zwischen morgens um 7 und 15 Uhr.

Besonders oft werden zudem Patienten mit Migrationshintergrund aggressiv. «Solche Patienten sind gemessen an der Besucherfrequenz des Notfalls öfter in Vorfälle involviert», schreiben die Notfallmediziner in der Studie.

Chefarzt Exadaktylos sagt dazu: «Ein Missverständnis kann schon zu einer Eskalation führen.» Hier spiele die Kommunikation in verschiedenen Sprachen eine Rolle. «Wir haben regelmässig Fälle von Angehörigen, die ausrasten, weil sie lange warten müssen.»

Studien zu Gewalt auf Notfallstationen gehen davon aus, dass bis zu 75 Prozent aller Fälle intern gar nicht gemeldet werden – weil sich das Personal vor Vergeltungen fürchtet. Oder denkt, die Aggressionen gehörten halt einfach zur Arbeit dazu. Immerhin: Am Inselspital hat mittlerweile jeder zehnte Vorfall ein juristisches Nachspiel. Damit es so weit kommt, muss in der Regel die betroffene Spitalperson eine Anzeige erstatten.

Spitäler bereiten sich sogar auf Amokläufe vor

Gründe für die Gewaltzunahme liefert die Studie nicht. Doch für Exadaktylos ist klar, was dahinter steht: «Das Spital war früher ein neutraler Ort, wo ein ruhiges Benehmen und gegenseitiger Respekt selbstverständlich waren.» Das sei heute anders. «Wir beobachten eine zunehmende Verrohung und Enthemmung von Patienten und Angehörigen uns gegenüber. Ärzte und Pflegende sind nicht mehr automatisch geschützt – wie Polizisten und Feuerwehrleute sind auch wir bei der Arbeit immer stärker mit Aggressionen und Gewalt konfrontiert.»

Auch am Kantonsspital Aarau ist die Gewalt auf der Notfallstation angestiegen. Sprecherin Isabelle Wenzinger bestätigt die Vermutung aus Bern. «Das Aggressionspotenzial hat zugenommen», sagt sie. Dies gelte vor allem für Patienten, die entweder Alkohol oder Drogen konsumiert hätten. Sie würden schon ausfällig, «wenn sie nicht die Untersuchung erhalten, die sie einfordern oder wenn sie bei grossem Patientenandrang warten müssen».

Fast alle Spitäler reagieren auf die zunehmende Gewalt. Am Kantonsspital St. Gallen, an den Universitätsspitälern in Bern und Basel wurde die Präsenz des internen Sicherheitsdiensts erhöht. Am Universitätsspital Zürich tragen die Sicherheitsmänner heute Brillen gegen Spuckattacken, Schutzwesten und schnittfeste Handschuhe.

Das Spital Aarau nahm sogar einen Umbau der Notfallstation vor. Nun gibt es Sicherheitstüren, die rasch geschlossen werden können, um renitente Patienten zu isolieren. Zudem wurden Alarmknöpfe angebracht. Und das Personal wurde geschult, wie es sich im Fall eines Schusswaffengebrauchs oder Amoklaufs verhalten soll.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2018, 09:01 Uhr

Artikel zum Thema

Angriff auf Sanitäter: «Was kommt nach den Flaschen und Steinen?»

Wenn selbst Retter sich in Zürich nicht mehr sicher fühlen: Sanitäter Marco Neumann über Gewalt bei Einsätzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Stadtblog Plötzlich sind nur noch zwei Kinder da

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...