Um das Aus des Gripen entbrennt ein Streit

Ein vertraulicher Bericht zeigt, dass die Experten schon vor acht Jahren von Verzögerungen ausgingen.

Die Verzögerungen waren vorherzusehen: Der Gripen von Saab. Foto: Keystone

Die Verzögerungen waren vorherzusehen: Der Gripen von Saab. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Ausschluss des Gripen aus dem Schweizer Kampfjet-Evaluationsverfahren teilt die Sicherheitspolitiker in zwei Lager. In SVP-Kreisen zeigt man sich erleichtert, das «Handicap Gripen» los zu sein, und räumt der Kampfjetabstimmung nun bessere Chancen ein. Umgekehrt fürchtet etwa der parteilose Ständerat Thomas Minder, dass das Volk aufgrund solcher «Aktionen» die Vorlage erneut ablehnt. Er leistet den Schweden deshalb Schützenhilfe und spricht sich dezidiert dafür aus, Saab wieder in die Evaluation aufzunehmen. Der Ausschluss des Gripen erscheine ihm «dubios». Denn: «Noch vor wenigen Jahren haben wir den Gripen als beste Option befunden – und heute soll er plötzlich nicht mehr reichen.»

SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf bedauert das Ausscheiden des schwedischen Jets. «Vielleicht hat man mit dem Ausschluss wegen der Vorgeschichte des Gripen gar schnell die Reissleine gezogen.» Ein Zurück gebe es trotzdem nicht. «Das wäre den anderen Anbietern gegenüber nicht vertretbar.»

Auch der Entscheid, erneut eine Offerte für den Gripen E anzufordern, sorgt für Diskussionen. Denn: Schon bei der Evaluation vor acht Jahren gingen Experten von Verzögerungen bei der Entwicklung des Jets aus. Das zeigt der vertrauliche Evaluationsbericht, der dieser Zeitung vorliegt. Für Roger Golay, Mitglied der Sicherheitskommission, ist diesbezüglich klar: «Hat die Schweiz gewusst, dass die Schweden noch nicht so weit sein würden, hätte man sie nicht um eine Offerte bitten dürfen.»

Die Schweden fühlen sich ungerecht behandelt

Die Geschichte des Gripen und der Schweiz nimmt erneut ein jähes Ende. Das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) hat den schwedischen Kampfjet aus dem Evaluationsverfahren ausgeschlossen, nachdem der Hersteller beschlossen hatte, nicht an die Flugtests nach Payerne zu reisen. Seither hagelt es Anschuldigungen. Das Bundesamt argumentiert, Gripen-Hersteller Saab habe die klar kommunizierten Vorgaben für die Tests in Payerne nicht erfüllt. ­Dieser schiesst zurück und hält Armasuisse vor, die Schweizer hätten die Spielregeln geändert.

Gegenüber der SonntagsZeitung konkretisiert das schwedische Unternehmen nun seine Vorwürfe: «Armasuisse verlangte plötzlich, dass alle Subsysteme bereits im Gripen E eingebaut und vernetzt sein müssen.» Vor der Eingabe der Offerte im Januar 2019 sei dies nicht klar kommuniziert worden. Dies stellt Saab vor Probleme. Denn: Der Gripen E, den die Schweden der Schweiz anbieten, wird erst entwickelt.

Auf Anfrage sagt Saab, dass vor einer Woche ein Brief von Armasuisse eingetroffen sei. «Darin haben die Testverantwortlichen klargemacht, dass sie ein voll einsatzbereites Flugzeug sehen wollen und Saab aus ihrer Sicht dieses Kriterium nicht erfüllen könne.» Daraufhin hätten die Schweden mit dem Bundesamt nach einer Lösung gesucht, um den Jet «trotzdem mit allen verlangten Komponenten in der Schweiz zu präsentieren». Sie schlugen vor, auch das Vorgängermodell Gripen C in die Schweiz zu bringen. Anders als im Gripen-E-Testflugzeug seien darin die Subsysteme eingebaut.

«Wir wissen, dass keiner unserer Konkurrenten genau das Flugzeug liefern wird, das sie bei den Tests präsentiert haben», sagt Saab. Die Konkurrenz habe trotzdem ihre bereits existierenden Modelle zeigen dürfen – bei Saab wäre dies eben der Gripen C gewesen. Armasuisse hatte dafür kein Gehör. «Für die Erprobung wurde explizit jener Typ erwartet, für den die Schweiz eine Offerte erbeten hat», sagt Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert. Und betont: Das gelte für alle fünf Kandidaten.

Aus den Medien vom Ausschluss erfahren

Die Schweden fühlen sich nicht nur ungleich behandelt. Sie kritisieren auch das Vorgehen des Bundesamtes. «Saab fand erst durch die Medienmitteilung von Armasuisse heraus, dass sie endgültig von der Evaluation ausgeschlossen wird.» Das wiederum lässt Armasuisse nicht gelten: Eine mündliche und schriftliche Information sei vor der Orientierung der Medien erfolgt.

SVP-Nationalrat und Pilot Thomas Hurter zeigt sich vom Ausschluss des Gripen überrascht. «Saab hatte seit der letzten Evaluation vor fast zehn Jahren Zeit, ihren Jet zu entwickeln, und hat es nicht geschafft.» Hurter stand damals während des Beschaffungsprojekts der Subkommission «Tiger-Teil­ersatz» vor. Diese präsentierte 2012 einen Untersuchungsbericht zum damaligen Verfahren. Darin steht, dass die Variante Gripen E von ­allen evaluierten Kandidaten «mit den grössten technischen, finanziellen, politischen und zeitlichen Risiken verbunden ist».

Die Luftwaffe gab damals vor der Subkommission an, dass die noch anstehende Entwicklung des Gripen E ein «grosses Risiko» ­berge. Ihre Experten meinten ­damit nicht etwa, dass der Jet nie realisiert werden würde. Sie fürchteten vielmehr, dass «die volle operationelle Fähigkeit später als angekündigt» erreicht würde. Die Subkommission konkretisiert dies im Bericht so: «erst nach ein bis zwei technischen Aktualisierungen». Sie schätzte, dass der Gripen E seine «volle operationelle Einsatzfähigkeit erst zwischen 2023 und 2026» erreichen würde. Weiter heisst es im Bericht von 2012: «Die Subkommission wäre nicht erstaunt, wenn der vorgesehene Lieferungszeitraum noch einmal hinausgeschoben würde.»

Rückblickend sieht Hurter die Befürchtungen seiner Subkommission «leider» bestätigt: «Saab versprach damals, dass der erste Gripen 2018 ausgeliefert wird. Nun zeigt sich, dass dessen Entwicklung dem Plan stark hinterherhinkt.»

Ein Handicap ausder Vergangenheit

Und obschon die Schweden aus dem Stand des Programms nie ein Geheimnis machten, bat sie die Schweiz erneut, eine Offerte einzureichen – diesmal für den Ersatz der F/A-18. Ungeachtet dessen, dass der Gripen bei den Flugtests 2008 am schlechtesten abschnitt. Das Rennen machte damals die französische Rafale vor dem Eurofighter aus Deutschland. Die Benotung ist im vertraulichen Evaluationsbericht der Luftwaffe aus dem Jahr 2009 nachzulesen, der dieser Zeitung vorliegt. Die Experten berücksichtigten darin auch die von den Herstellern angekündigten Weiterentwicklungen bis 2015. Zum schwedischen Jet hielten sie fest, dass er von den getesteten Fliegern am meisten Upgrades durchlaufen würde. «Trotzdem ist der Gripen nicht in der Lage, mit den zwei anderen Kandidaten mitzuhalten. Er erreicht in keiner Mission die Mindestanforderungen (Minimum Expected Capabilities).»

Saab hält nach den jüngsten Ereignissen die Offerte für den Gripen E aufrecht. Für Armasuisse ist das Aus hingegen Fakt. Auch politischer Druck würde die Schweden nicht zurück ins Rennen bringen: «Das ist aus unserer Sicht nicht denkbar», sagt Kaj-Gunnar Sievert. Damit setzt das Bundesamt den finalen Punkt hinter die Geschichte des Gripen und der Schweiz.

Erstellt: 15.06.2019, 23:08 Uhr

Artikel zum Thema

Das grosse Kampfjet-Casting

Video Der ehemalige Luftwaffenchef Markus Gygax beurteilt die vier Modelle, die für die Schweizer Armee infrage kommen. Mehr...

«Der Rückzug überrascht mich, Saab kannte die Bedingungen»

Paukenschlag bei der Kampfjet-Auswahl, der Gripen ist aus dem Rennen. Ständerat Josef Dittli sagt, was das bedeutet. Mehr...

Davon träumen viele Musikstars

Video Der Aufmarsch in Payerne ist gross, als die Amerikaner ihren Kampfjet präsentieren. Doch zwei Zuschauer stehlen dem Jet fast die Show. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...