«Und hier war ich, betrunken auf allen vieren, und stahl Brötchen»

Bruce Dickinson über sein Leben als Sänger von Iron Maiden, seine Krankheit – und sein Ja zum Brexit.

Bruce Dickinson im Büro des Managements von Iron Maiden in London. Bild: Muir Vidler

Bruce Dickinson im Büro des Managements von Iron Maiden in London. Bild: Muir Vidler

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Beim Interviewtermin in einem Londoner Pub ist Bruce Dickinson hellwach und zappelig. Immer wieder streckt er ein Bein über die ganze Sitzbank. Die Gäste erkennen ihn, lassen sich aber nichts anmerken. Nach dem Interview geht der lizenzierte Linienpilot direkt in ein Sitzungszimmer im Büro seines Managements, wo ein deutscher Airlinemanager und der CEO einer Flugschule in Cardiff warten. Die drei sprechen über Ausbildungskonzepte für Piloten. Angestarrt werden sie von aufgestellten Eddie-Figuren, dem Maskottchen von Iron Maiden.

In Ihrer Biografie kommen Sex, Drogen und Bandstreitigkeiten kaum vor. Was sind Sie eigentlich für ein Rockstar?
Das sind doch alles ziemlich langweilige Themen. Wenn es Menschen gibt, die deswegen vom Buch enttäuscht sind, macht mich das sogar glücklich.

Tatsächlich?
Menschen, die Gossip-Kolumnen lesen, die sich fragen, welche Schönheits-OP Kim Kardashian diese Woche gemacht hat, sind mir völlig egal. Ich will auch nicht, dass sie sich für mich interessieren.

Wir sitzen hier in einem Pub. In einem solchen haben Sie auch grosse Teile Ihres Buchs geschrieben. Wurden Sie da nie von aufdringlichen Fans gestört?
Nein, hier stört uns ja auch niemand. Im Pub zu schreiben, ist fantastisch. Ich sitze in eine ruhige Ecke, trinke mein Pint und schreibe in mein Notizbüchlein.

Mehr als nur ein Pint hatten Sie nach dem letzten Konzert Ihrer ersten Tour mit Iron Maiden 1982 intus. Sie beschreiben, wie Sie auf allen vieren den Hotelflur entlangkriechen und zwei Brötchen stehlen. Als Sie in den Spiegel schauten, erschraken Sie. Wieso?
Das war ein symbolischer Moment für mich. Nach einem Jahr mit der Band hatte ich mehr Erfolg, als ich mir das je erträumt hatte. Und hier war ich, betrunken, und stahl Brötchen im Hotel. Da stellte ich mir schon ein paar Fragen.

Welche Fragen?
«Will ich so enden?» «Ist das der Mensch, der du den Rest deines Lebens bleiben willst?» Mir war klar, dass ich etwas verändern musste, damit mein Hirn nicht auseinanderfallen würde.

Sie wurden später Pilot, trainierten mit der britischen Fechter-Nationalmannschaft. War es Ihnen nicht genug, Sänger von Iron Maiden zu sein?
Es ist nicht der Punkt, dass der Job als Sänger von Iron Maiden nicht ausreichend war. Aber besonders die ersten fünf Jahre mit der Band waren eine Frage des Überlebens für mich, weil wir so viele Konzerte spielten: Mein Körper, meine Stimme, meine Psyche waren angeknackst. Ich schlief im Bus, arbeitete hart, hatte aber kaum Zeit, um zu reflektieren, was ich tat. Am Ende der Tour zum «Powerslave»-Album 1985 war ich völlig am Ende.

Bilder: Iron Maiden steigt auf Boeing 747 um

Sie überlegten damals, die Musik hinzuschmeissen.
Ja, ich überlegte mir, Fechttrainer zu werden.

Klingt nicht sehr lukrativ.
Natürlich hätte ich viel weniger Geld verdient. Aber im Fechten muss man immer mit neuen, kreativen Lösungen aufwarten. Bei Iron Maiden hatte sich eine Routine eingestellt. Ich erinnere mich, dass wir in New York mal fünf Konzerte am selben Ort spielten. Schon am zweiten Abend fühlte ich mich sehr unwohl.

Warum?
Ich kam mir vor wie ein Theaterschauspieler, der einfach seinen Job macht. Es fühlte sich falsch an. Jede Iron-Maiden-Show muss speziell, explosiv, anders sein. Wenn du jede Nacht am selben Ort spielst, ins Publikum schaust und denkst: «Hallo Leute, ich bin es wieder», hat das nichts mit Rock ’n’ Roll zu tun.

Konzerte von Iron Maiden wirken heute noch wie Theater.
Eine Rockshow ist anders als Theater oder ein Musical. Rock ’n’ Roll muss seine Wurzeln in der Anarchie haben. Du musst den verrückten Blick haben, die Möglichkeit, dass auch etwas schiefgehen könnte. Johnny Cash hat teilweise Konzerte gegeben, obwohl er sehr krank war. Ich bin sicher, dass es Cover-Bands gibt, die seine Songs besser gesungen hätten. Aber wenn Johnny Cash auf der Bühne stand, schwang auch das Gewicht all dessen mit, was er erlebt hatte. Eine gewisse Naivität, ein gewisser Übermut gehören dazu.

Sie haben Iron Maiden 1993 verlassen. Als Solokünstler spielten Sie zwei Jahre später während des Bosnienkriegs, im damals belagerten Sarajevo, ein Konzert. Was zur Hölle brachte Sie dazu, dorthin zu fahren?
Ja, das war völlig verrückt. Aber es hörte sich an wie ein Abenteuer. Deshalb habe ich zugesagt. So einfach ist das.

Sie flogen nach Split und fuhren, beschützt vom Militär, in einem Lastwagen nach Sarajevo. Fragten Sie sich nie: «Was habe ich hier eigentlich verloren?»
Doch, schon nach einer Stunde. Es war eine extreme Situation, ich fühlte mich völlig im Moment und versuchte, rational zu überlegen. Ich dachte mir, dass ich genauso gut in England von einem Bus hätte überfahren werden können. Ich muss aber auch sagen, dass wir nicht annähernd in der gleichen Gefahr waren, wie die Menschen, die damals in Sarajevo lebten. Diese wurden reihenweise auf der Strasse von Scharfschützen erschossen.

War das Publikum anders als bei anderen Konzerten?
2015 wurde ein Dokumentarfilm über dieses Konzert veröffentlicht. Die Menschen, die am Konzert waren, haben 20 Jahre später gesagt, was es ihnen bedeutet hat, dass ich während des Bosnienkrieges aufgetreten bin. Ich schaute mir vorgängig die ungeschnittene Rohfassung der Interviews an. Ich habe in meinem ganzen Leben kaum je etwas Eindrücklicheres gesehen. Ich empfand eine grosse Demut. Ich konnte nach fünf Tagen einfach weg, sie konnten es nicht.

«Eine Rockshow ist anders als Theater oder ein Musical. Rock ’n’ Roll muss seine Wurzeln in der Anarchie haben. Du musst den verrückten Blick haben, die Möglichkeit, dass auch etwas schiefgehen könnte.»

Später kamen Sie selbst dem Tod nahe. Anfang 2015 wurde bei Ihnen Kehlkopfkrebs diagnostiziert.
Nein, nein, ich kam dem Tod nicht ansatzweise nahe. Mein Onkologe sagte als Erstes: «Ich werde den Krebs für Sie ausradieren und dafür sorgen, dass er nicht wieder zurückkommt.» Das war ein guter Start. Danach war schnell klar, dass bei mir eine gute Aussicht auf Heilung bestand. «Gute Nachrichten bezüglich der schlechten Nachrichten», wie mein Arzt sagte.

Haben Sie Ihr Tattoo auf der Brust noch, das verwendet wurde, um Sie während der Chemotherapie zu fixieren?
Ja, wollen Sie es sehen? (knöpft sein Hemd auf und zeigt auf einen kleinen schwarzen Punkt auf der Brust). Ich wollte nie ein Tattoo haben, jetzt haben Sie mich doch noch erwischt.

Sie waren während der Behandlung in einem Pub, als Ihnen die Barthaare ausfielen.
Ich habe auch jetzt keinen Haarwuchs mehr am Hals wegen der Strahlung. Gute Sache, so spare ich Geld für Rasierklingen.

Abgehoben: Die Bühnenshow von Iron Maiden mit Bruce Dickinson, hier beim Rockfestival in Sölvesborg 2018. Bild: Getty Images

Auch als Sie den Krebs noch nicht besiegt hatten, machten Sie Witze über Ihre Krankheit. Die Fans sollen Ihren Krebs «mit Tumor» nehmen.
Ja, ich nahm den Krebs mit Humor. Was blieb mir auch anderes übrig? Ein Kollege sagte mir, dass man als Krebspatient offiziell als invalid gelte. Ich freute mich schon darauf, dass ich ein blaues Abzeichen an meinem Auto befestigen und überall parken darf. Ich konnte damals kaum die Treppe raufgehen. Ich bestellte also diese Formulare. Aber als ich sie dann drei Wochen später ausfüllen wollte, ging es mir schon besser, und ich hatte keine Probleme mehr mit dem Treppensteigen. Und genau eine Frage für das Abzeichen war: «Haben Sie Mühe, die Treppen hinaufzusteigen?» Verdammt!

Sie haben drei Kinder. War es für Sie nicht schwierig?
Es war für sie viel schwieriger als für mich. Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Wenn man hört, wie ein eigenes Kind sagt: «Daddy hat Krebs», können sie nicht mehr viel sagen. Generell ist die Krebserkrankung eines Menschen viel erschreckender für die Mitmenschen, die selber keinen Krebs haben.

Warum ist das so?
Wenn man auf einen Menschen zugeht und sagt: «Hey, ich habe Krebs», löst das Angst aus. Als Krebskranker erinnern sie die Menschen an ihre Angst, auch mal diese Krankheit zu kriegen. Genau deshalb habe ich so ausführlich über die Behandlung geschrieben. Damit die Menschen ihre Angst konfrontieren können. Es ist schlimm, wenn man aus Furcht wie gelähmt ist und deswegen nicht mehr die notwendigen Abklärungen trifft. Auch ich ging im letzten Jahr nochmals zu meiner Ärztin.

Wie lief es?
Sie sagte: «Sie sind jetzt 60 Jahre alt, wann haben Sie das letzte Mal Ihre Prostata überprüft?» «Und wann Ihren Darm?» Ich sagte zweimal: «Noch nie» und wünschte mir, dass ich nie vorbeigekommen wäre. Ich hatte solche Angst vor diesen Untersuchungen. Aber ich musste verantwortungsvoll sein und diese verdammten Tests machen. Und, Gott sei Dank, alles war okay.

Schauen wir in die nähere Zukunft. Sie treten bald in Zürich auf. Verbinden Sie besondere Erlebnisse mit der Schweiz?
Ja, ich kann mich gut erinnern, wie ich mal aus der Schweiz abgehauen bin.

Wie das?
Wir spielten 1988 mit Iron Maiden ein Konzert in Lausanne. Meine Frau und ich wollten weg. Die Organisatoren bestanden darauf, einen Security-Mann mitzuschicken. Ich sagte, sie sollten ihn zur Kuckucksuhrfabrik schicken, ich würde dorthin gehen. In Wahrheit gab es gar keine solche Fabrik. Wir gingen zum Bahnhof und haben den Nachtzug nach Venedig genommen. Das war deutlich besser, als mich mit reichen Leuten in der Schweiz zu betrinken.

Ein bekanntes Bild stammt vom Flughafen Zürich. Sie haben 2016 die Boeing 747 mit der Band in die Schweiz geflogen. Daneben standen die vergleichsweise winzigen Flugzeuge von Angela Merkel und François Hollande.
Reiner Zufall. Zunächst dachte ich noch: «Was für ein Ärger, wir müssen den Flieger im Niemandsland parkieren.» Erst dann sind die Flieger von Merkel und Hollande dazugekommen. Verdammt ikonisches Bild.

Juni 2016 in Zürich: Der Jumbo von Iron Maiden mit den Flugzeugen von Merkel und Hollande.

Sind Sie noch Brexit-Anhänger angesichts all des Chaos?
Ja, absolut. Obwohl ich denke, dass die Politiker aus dem Brexit ein Riesenchaos gemacht haben. Wir dachten, die EU-Bürokraten, diese ideologischen Träumer, würden nett zu uns sein. Das war naiv. Wir hätten Brüssel sagen müssen: «Wir gehen raus» und dann die Planung starten. Theresa May versuchte, eine schöne Scheidung hinzubekommen. Es gibt aber keine schönen Scheidungen. Und jetzt haben wir diese verrückte Situation, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung für den Brexit stimmt und die Politiker gegen die eigene Bevölkerung rebellieren.

Man könnte das Problem doch mit einem neuen Referendum lösen.
Und was passiert, wenn das zweite Referendum dasselbe Resultat ergibt?

Dann muss Grossbritannien die EU verlassen.
Aber diese Entscheidung haben wir schon getroffen! Und niemand will mit den Konsequenzen leben. Wir hätten die Pläne vor zwei Jahren machen müssen.

Sie halten Motivationsreden vor Geschäftsleuten. Worüber reden Sie da?
Ich spreche hauptsächlich über Menschen. Zurzeit drehen alle durch, wenn es ums Thema künstliche Intelligenz geht. Dabei geht vergessen, dass sich die Menschen nicht ansatzweise so stark verändern werden wie unsere Technik. Ich war an einer Konferenz, da skizzierte ein Manager seine Vision: «Das fahrerlose Uber bringt dich vor die Haustür. Zu Hause weiss dein Haus, welchen Fernsehkanal du schauen willst. Das Essen wird schon vorbereitet sein, und die Kleider, die du kaufen willst, sind schon da.»

Was spricht dagegen?
Dass der Mensch, den der Manager beschreibt, die einsamste Person auf der Welt sein wird. Die Menschen wollen aber in Gemeinschaften leben. Alle sprechen von Robotern, die Schlafzimmer reinigen werden – und niemand denkt darüber nach, dass so den Menschen mit einfachen Jobs die Lebensgrundlage entzogen wird.

Sehen Sie pessimistisch in die Zukunft?
Die Zukunftsvorstellung dieser Managerelite ist lächerlich. Aber so weit wird es nicht kommen, weil wir uns auflehnen werden. Weil wir Menschen sein wollen.

* Dieses Interview erschien am 3. Februar 2019 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 05.02.2019, 15:41 Uhr

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Bruce Dickinson wurde 1958 in Worksop, England geboren. Seit 1981 ist er Sänger der britischen Heavy-Metal-Band Iron Maiden und blieb dies – mit einem Unterbruch von 1993 bis 1999 – bis heute. Dickinson studierte Geschichte, bestritt internationale Fechtturniere und arbeitete als ­Linienpilot. 2016 flog er seine Band mit einer umgebauten Boeing 747 («Ed Force One») um den Globus. Dickinson wohnt mit seiner zweiten Frau in London. Das Paar hat drei Kinder. Im Januar 2018 erschien seine Biografie «What Does This Button Do?» auf Deutsch. Am 27. Februar präsentiert Dickinson im Zürcher Volkshaus seine Comedyshow, in der er auch Fragen des Publikums beantwortet.

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