So sollen Angestellte grüner werden

Immer mehr Schweizer Unternehmen versuchen ihre Angestellten zu ökologischem Verhalten erziehen – mit monetären Anreizen.

Der Ökobonus fürs Velofahren lohnt sich auch für die Firma: Sie muss weniger Parkplätze bereitstellen. Foto: Keystone

Der Ökobonus fürs Velofahren lohnt sich auch für die Firma: Sie muss weniger Parkplätze bereitstellen. Foto: Keystone

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Kühlschrank kaputt? Heizung sanierungsbedürftig? Die Swiss Re gewährt finanzielle Unterstützung. Das COyou2-­Programm gibt den Mitarbeitenden der Rückversicherung Anrecht auf eine Subvention von bis zu 50 Prozent für ein ökologisch nachhaltiges Produkt. Formular ausfüllen und mit der Rechnung an das Personaldepartement schicken – und der Betrag wird mit dem nächsten Lohn überwiesen.

Lanciert hat Swiss Re das Projekt bereits 2007 mit dem Ziel, klimafreundliche Investitionen der Mitarbeiter in den Bereichen Mobilität, Haushaltsgeräte und Energie zu unterstützen. Der Rückversicherer subventioniert neben E-Bikes und Solaranlagen auch unkonventionelle Einkäufe wie energieeffiziente Kühlschränke und Waschmaschinen. Das Programm zielt auf die Eigeninitiative der Mitarbeiter und soll diese für Umweltschutz sensibilisieren. Es ist beliebt: In der Schweiz hat Swiss Re 2018 fast jedem fünften Mitarbeitenden eine Subvention gewährt, in der Slowakei machten mehr als 60 Prozent letztes Jahr vom Zuschuss Gebrauch.

Auch andere Unternehmen versuchen, Mitarbeiter für Umweltschutz zu sensibilisieren. Im Trend ist der sogenannte Ökobonus. Vier Grossunternehmen – Glencore, Nestlé, ABB und Roche – zahlen Angestellten einen Lohnzuschuss, wenn sie statt mit dem Auto mit dem Velo, zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen. Der Ökobonus hebt sich von anderen Mobilitätskonzepten ab, da er auf Wunsch des Mitarbeiters eingesetzt werden kann.

Homeoffice ist noch besser als der öffentliche Verkehr

Gutscheine und Vergünstigungen zielen dagegen auf spezifische Einkäufe ab. Dieses Konzept nutzt etwa die Zurich Versicherung. Sie belohnt Angestellte, die zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit kommen, mit Gutscheinen für Sportgeschäfte und Fitnessstudios.

Der Ökobonus liegt im Trend. Die Unfallversicherung Suva befasst sich momentan mit dessen Einführung. Der Kioskkonzern ­Valora, die Agrargenossenschaft Fenaco und der Detailhändler Lidl Schweiz können sich eine Einführung vorstellen.

Vom Ökobonus versprechen sich die Unternehmen konkrete Vorteile. Er macht sie als Arbeitgeber für eine wachsende Schicht von umweltbewussten Jobsuchenden attraktiv und hilft, teure Parkplätze einzusparen. Das COyou2-Programm macht für die Swiss Re darüber hinaus Sinn, da die Auswirkungen des Klimawandels das Geschäft des Rückversicherers besonders belasten.

Greenpeace hat einen weiteren Einwand gegen den Ökobonus: Firmen, deren Geschäftsmodell fundamental unökologisch sei, würden den Ökobonus als PR-Gag einsetzen.

Der Ökobonus hat jedoch auch Schwächen, besonders wenn er das einzige Förderungsprogramm darstellt. So zum Beispiel im Fall Nestlé in Vevey. Der Lebensmittelhersteller bietet zwar eine monatliche Mobilitätsprämie von 50 Franken an, offeriert ansonsten aber kaum Anreizprogramme für die ÖV-Nutzung. Die resultierenden 600 Franken pro Jahr reichen zum Beispiel im Waadtland nicht für ein ÖV-Jahresabo. Mit der 40-Franken-Mobilitätsprämie des Basler Pharmakonzerns Roche kommt man auch nicht weit. Ein Jahresabo kostet in Basel mindestens 800 Franken. Ob das reicht, um die Angestellten zu umweltbewussterem Verhalten anzuleiten, ist fraglich.

Der Rohstoffkonzern Glen­core und der Technologiekonzern ABB gehen anders vor. Zu den bestehenden Angeboten für den öffentlichen Verkehr – ein Halbtax-Abo, Reka-Rail-Gutscheine – kommt der Ökobonus noch obendrauf. Bei ABB beträgt er 80 Franken pro Monat. Bei Glencore liegt er in einer ähnlichen Grössenordnung. So verstärkt der Ökobonus die Sensibilisierung der Mitarbeitenden für den Klimawandel. «Um den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr zu erleichtern, sind solche Massnahmen wie der Ökobonus sehr zu begrüssen», sagt Felix Meier, Geschäftsleiter von Pusch, einer Beratungsfirma für praktischen Umweltschutz.

Greenpeace stimmt dem zu, fordert aber weitere Schritte. So sollten Arbeitskonzepte gefördert werden, die zur Reduktion der Umweltbelastung durch Mobilität beitragen. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Homeoffice oder Videokonferenzen. Solche Massnahmen sind bei Grossunternehmen schon verbreitet. Die Erfolge halten sich aber in Grenzen. So hat sich laut Bundesamt für Statistik der Anteil der Leute, die an einem Arbeitsort ausserhalb der Privatwohnung arbeiten, seit 2010 nur minimal verringert.

Greenpeace hat einen weiteren Einwand gegen den Ökobonus: Firmen, deren Geschäftsmodell fundamental unökologisch sei, würden den Ökobonus als PR-Gag einsetzen. LafargeHolcim nimmt sich dies zu Herzen und begründet die bescheidene Anzahl Massnahmen für Mitarbeiter damit, dass man zuerst die Produktionsprozesse optimieren wolle, weil dies mehr Wirkung entfaltet. So hat LafargeHolcim die CO2-Emissionen aus der Zementproduktion in der Schweiz seit 1990 um über die Hälfte reduziert und setzt sich weltweit zum Ziel, bis 2030 die Emissionen pro Tonne um 10 Prozent zu senken.



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Erstellt: 25.08.2019, 12:23 Uhr

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