Vegetarier und Karnivoren, vereinigt euch!

Eine Weihnachtspredigt zum kleinsten gemeinsamen Nenner in der Kulinarik: Anständige Tierhaltung.

Schwein gehabt: Trotz des Koteletts auf dem Teller wird es enger für Freunde des Fleisches. Foto: Getty Images

Schwein gehabt: Trotz des Koteletts auf dem Teller wird es enger für Freunde des Fleisches. Foto: Getty Images

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«Last Christmas» klingts zum Fest der Liebe aus dem Radio. Man lacht zusammen, beschenkt und freut sich. Kinderaugen leuchten. Ja, auch am Tannenbaum glitzert und blinkt es feierlich. Harmonie allenthalben – bis der Weihnachtsbraten auf dem Tisch landet. Spätestens dann hört der Spass auf.

Es dürfte eine der am lautesten geführten Streitigkeiten des zu Ende gehenden Jahres sein: der Kampf der Karnivoren gegen die Vegetarier – und umgekehrt. Aber, die Frage darf gestellt werden, wieso müssen sich diejenigen, die Steaks lieben, und diejenigen, die dem toten Tier abgeschworen haben, so heftig auf die Mütze geben? Macht es Sinn, dass das Essen quasi die Religion ersetzt hat, sodass wir all unsere Energie in die Debatten darüber investieren?

Letztendlich ist das grösste Ziel der Vegetarier schnell erklärt: Sie möchten, dass es den Tieren gut geht. Und der Umwelt ebenso, damit auch in zwanzig, dreissig Jahren noch Schnee in den Bergen liegt, wenn der Silvester vor der Tür steht. Wer will das nicht? Können Fleischesser ernsthaft anderer Meinung sein?

Das Filet würde halt etwas mehr kosten

Darum folgenden, sehr weihnächtlichen Vorschlag: Lasst uns, auf vegetarischer wie auf fleischessender Seite, das Kriegsbeil einfach mal eine Zeit lang begraben. Die Tiere werden es danken!

Schauen wir gemeinsam, dass es Hühnern, Rindern und Lämmern auf unseren Schweizer Bauern­höfen gut geht. Dass sie ein würdiges Leben führen dürfen. Will heissen: dass die industrielle Massennutztierhaltung, die das einzelne Lebewesen als blosse Ware sieht, stärker geächtet wird. Diese Tiere sollen ausreichend Auslauf bekommen. Sie sollen nicht mehr in stinkende, enge Ställe eingepfercht und nicht mehr mit Kraftfutter aufgepumpt werden.

Natürlich würde das für Karnivoren bedeuten, dass sie ein paar Rappen mehr für ihr Filet oder fürs Gulasch bezahlen müssten. Na und? Dann hauen sie halt ein paar Gramm davon weniger in die Pfanne (oder es fehlen ihnen ein paar Franken fürs neueste Handy, E-Bike, die Skiausrüstung). Sie hätten dafür aber ein wesentlich ruhigeres Gewissen.

Können Fleischesser 
ernsthaft anderer Meinung sein?

Nicht nur das. Wie echte Gourmets wissen, darf man sogar annehmen, dass die Fleischqualität steigen würde. Wieso gilt etwa der spanische Pata-Negra-Schinken als Delikatesse? Weil die Schweine den grössten Teil ihres Lebens bei Wind und Wetter draussen sein dürfen, sich auf ausgedehnten Weiden bewegen und sich von Gras und Eicheln ernähren. Entsprechend verhält es sich bei gutem Lammfleisch aus Irland. Oder bei Rindern von anständigen hiesigen Kleinzüchtern.

Leider bleibt das meiste Fleisch Massenware. Und in den Köpfen ist noch immer der Werbeslogan, der alles andere als Fleisch als Beilage verspottet. Am Stammtisch poltert man entsprechend, dass man spätestens eine Stunde nach dem Zmittag wieder Hunger bekomme, wenn kein grosses Schnitzel auf dem Teller war.

Und die Vegetarier? Sind keinen Deut besser. Sie verklären ihren Verzicht als einzig wahren Weg zum Seelenheil. Operieren mit Statistiken, die teilweise tendenziös sind, und tun so, als ob jeder Fleischesser ein grundsätzlich schlechter Mensch wäre. Sie verlangen, dass in den Uni-Kantinen vegane Mittagsmenüs angeboten werden; bald werden sie auch eigene, fleischfreie Bereiche in jeder Dorfkneipe einfordern. Als ob nur so das Klima zu retten wäre.

Bloss: Actio gleich Reactio – das weiss nicht nur die Physik, sondern auch die Psychologie. Und darum ergibt es wenig Sinn, wenn in den USA gerade gegen die Gastrokette Burger King geklagt wird, weil dort vegane Burger auf dem gleichen Grillrost gebraten werden wie die fleischigen Pattys. Nicht hinzugehen, würde garantiert auch schon helfen.

Da wie dort verpuffte Ressourcen – statt gemeinsamer Kampf für eine gute Sache, auf die wir uns ­einigen könnten: würdige Tierhaltung! Wenn irgendwann jede Kuh und jede Henne bis zum jüngsten Tag unter offenem Himmel herumrennen dürfte und anständig gehalten würde – es wäre ein sinnvolles Ziel erreicht.

Und dann nehmen wir uns die Zeit und sprechen darüber, ob der Mensch überhaupt Tiere töten darf. Doch vielleicht ist das dann gar nicht mehr so dringend.



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Erstellt: 25.12.2019, 11:33 Uhr

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