Verdacht: Ein Teenager hat sich mit Arsen-Globuli vergiftet

Der Arzt, der den kuriosen Fall veröffentlicht hat, vermutet eine chronische Schädigung durch ein homöopathisches Präparat. Der Hersteller droht mit einer Klage.

Eine 16-Jährige schluckte pro Tag 50 arsen­haltige Globuli. Ob das zu den anhaltenden Schmerzen führte, ist umstritten. Foto: Keystone

Eine 16-Jährige schluckte pro Tag 50 arsen­haltige Globuli. Ob das zu den anhaltenden Schmerzen führte, ist umstritten. Foto: Keystone

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Das Mädchen war 13 Jahre alt und hatte Stress in der Schule, der ihr Bauchschmerzen bereitete. Dagegen nahm sie manchmal Magen-Darm-Beschwerden-Globuli, die ihr die Grossmutter gab. Die Bauchschmerzen gingen allerdings nicht weg. Im Gegenteil. Das Mädchen schluckte in der Folge immer mehr von dem Präparat. Nach zwei Jahren war sie bei täglich 20­Kügelchen der frei erhältlichen homöopathischen Zubereitung.

Eigentlich unproblematisch. Schliesslich wird den homöopathischen Präparaten eher vorgeworfen, dass sie wegen der hohen Verdünnung (Homöopathen sprechen von Potenzierung) keine Wirksubstanzen enthalten. Kritiker demonstrieren das jeweils mit der plakativen Einnahme des Inhalts eines ganzen Fläschchens mit Globuli. Bei dem Mädchen aus dem Kanton St. Gallen wurden die Beschwerden allerdings zusehends schlimmer, und zwar möglicherweise wegen der Globuli. Davon geht jedenfalls der Mediziner ­Sergio Dani aus, der den Fall vergangene Woche im Fachblatt «Swiss Medical Weekly» beschrieb.

Taube Stellen an Beinen und Rücken

Im November 2017 suchte die inzwischen 16-Jährige ihren Hausarzt wegen starken Kopfwehs auf. Die Attacken waren so heftig, dass sie vor Schmerzen weinen musste. Behandlungsversuche mit Schmerzmitteln halfen nichts, eine Physiotherapie ebenso wenig.

Mit der Zeit kamen weitere Symptome hinzu: ein sich verschlimmerndes Ekzem, chronische Müdigkeit und eine gestörte Darmfunktion mit täglich mehrfachem Durchfall. Schliesslich wurde das Mädchen an einen Psychiater überwiesen. Dieser diagnostizierte starke Anspannung und Ängste wegen einer neuen Arbeitsstelle und des Stotterns, woran das Mädchen seit gut fünf Jahren litt. Geholfen war der Patientin damit allerdings nicht.

Hausarzt tappte im Dunkeln

Als sie ein halbes Jahr später bei Sergio Dani in Sargans in die Sprechstunde kam, schluckte sie täglich bereits 50 Globuli gegen ihre Beschwerden. Ihr Zustand hatte sich weiter verschlechtert: Neu litt sie an Schlaflosigkeit, starkem Schwitzen, Müdigkeit, Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, an Bauchschmerzen und Blähungen. Später kamen Magen- und Beinkrämpfe sowie taube Stellen an Beinen und am Rücken hinzu.

Auch Hausarzt Dani tappte im Dunkeln. Bei der zweiten Konsultation glaubte er aber, der Sache auf die Spur gekommen zu sein: eine chronische Arsenvergiftung durch die massenhaft eingenommenen Magen-Darm-Beschwerden-Globuli. Sie sind eigentlich ein Komplexmittel, bestehend aus mehreren homöopathischen Einzelmitteln, darunter auch hochgiftiges Arsentrioxid.

Todesfälle durch Homöopathika für zahnende Kinder

Dass es zu unerwünschten Wirkungen durch Homöopathika kommt, ist gar nicht so ungewöhnlich. 2016 warnte sogar die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) vor Gels und Tabletten für zahnende Kinder. Grund war der für die Präparate verwendete giftige Tollkirschextrakt (Bella­donna), der trotz homöopathischer Zubereitung in relevanten Konzentrationen vorhanden war. Und weil die Eltern ihren Kindern wegen der fehlenden Wirkung höhere ­Dosen als vorgesehen verabreichten, kam es immer wieder zu ­Vergiftungserscheinungen, offenbar auch zu Todesfällen. In der Schweiz gab es bei Swissmedic in den letzten 25 Jahren 42 Meldungen im Zusammenhang mit Belladonna-Extrakten.

Auch das Präparat, das die Ostschweizer Patientin einnahm, erhielt nachweisbare Wirkstoffkonzentrationen. Laut Rezeptur lag das Arsentrioxid in einer D6-Potenz vor, was einer starken Verdünnung von eins zu einer Million entspricht. Die Arsenmenge in einer Flasche mit über tausend Globuli war gemäss Sergio Dani rund zwanzigmal geringer als die Menge, die der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in drei Litern Trinkwasser erlaubt.

Dani ist dennoch überzeugt, dass es sich um eine Arsenvergiftung handelt. «Bei Arsen gibt es keinen sicheren Grenzwert», sagt der Mediziner, der sich im Zusammenhang mit Umweltverschmutzung in Brasilien schon länger ­intensiv mit Arsenvergiftungen ­beschäftigt.

Swissmedic glaubt nicht an eine Vergiftung

Dani empfahl dem Mädchen, mit den Globuli aufzuhören. Und tatsächlich: Bereits nach einer Woche wurden die Symptome schwächer. Zumindest vorübergehend. Bei der nächsten Kontrolluntersuchung nach einem Monat ging es der Patientin wieder schlechter. Wie sich herausstellte, hatte das Mädchen Zweifel an der Diagnose und ­begann zwei Wochen vor dem ­Termin wieder damit, die Globuli sporadisch zu schlucken. Schliesslich konnte Sergio Dani sie überzeugen. «Sie rührt die Präparate heute nicht mehr an, ist beschwerdefrei und ein sehr ausgeglichener Teenager», sagt der Arzt. Er betont, dass weder die Patientin noch ihre Familie ausgesprochene Alternativmedizin-Anhänger seien. «Es war eine typische Situation, wie sie bei vielen Familien passieren kann», sagt er. «Jeder kann die Mittel kaufen, aber sie sind eben nur scheinbar harmlos.»

Dani räumt ein, dass die Arsenkonzentration sehr tief ist für Vergiftungserscheinungen: «Meine Fachkollegen haben deswegen Vorbehalte.» Zum Beispiel Thomas Cerny, ehemaliger Onkologie-Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen: «Für mich ist es sehr unplausibel, dass Arsen in diesen geringen Dosen die Symptome ausgelöst haben soll.»

Das Heilmittelinstitut Swissmedic glaubt ebenfalls nicht an eine Vergiftung. Man gehe eher davon aus, dass die «Beschwerden einem der Hilfsstoffe und nicht dem Arsen zuzuordnen sind», heisst es auf Anfrage.

Sergio Dani lässt sich jedoch nicht beirren: Die Symptomkombination und die Tatsache, dass ein Absetzen der Gobuli-Behandlung zu einer vollständigen Besserung geführt hat, mache einen Zusammenhang wahrscheinlich. Bei den anderen Wirkstoffen im Komplexmittel oder den Hilfsstoffen Xylit und Kalziumkarbonat seien solche Symptom-Kombinationen nicht bekannt.

Similasan kündigt mögliche rechtliche Schritte an

Similasan, der Hersteller des arsenhaltigen Präparats, kritisiert in einer Stellungnahme den Fach-artikel. Er enthalte «unpräzise Annahmen» und müsse «an diversen Stellen infrage gestellt werden». Das Unternehmen droht dem Studienautor Sergio Dani sogar damit, dass man sich «rechtliche Schritte gegen unseriöse und rufschädigende Behauptungen sowie Verunglimpfung unseres guten Firmennamens» vorbehalte. Auch der Patientin wird vorgeworfen, dass sie sich «weder an die Patienteninformationen der Packungsbei­lage noch an die Anweisungen des Arztes gehalten» habe.

Zu den Magen-Darm-Beschwerden-Globuli hat es laut Similasan in den letzten zehn Jahren übrigens nur eine einzige Meldung gegeben, und zwar wegen «lack of effectiveness» – also wegen mangelnder Wirksamkeit.



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Erstellt: 05.05.2019, 18:06 Uhr

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