«Viele Leute meinen: Sadomaso gleich Quälerei»

Eine Kampagne gegen Tierquälerei zeigt Tiere in Sadomaso-Kleidung. Die BDSM-Szene ist empört.

Diskriminierung einer sexuellen Minderheit? Plakat der Stiftung Tier im Recht.

Diskriminierung einer sexuellen Minderheit? Plakat der Stiftung Tier im Recht.

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«Randgruppenbashing vom Feinsten!» sei das, machte einer seinem Ärger auf Facebook Luft, und er war nicht der Einzige: Die neue Imagekampagne der Stiftung Tier im Recht eckt an. Die fünf Plakate (konzipiert von der Werbeagentur Ruf/Lanz), auf denen unter anderem eine Kuh, ein Büsi und ein Papagei Sadomaso-Kleidung tragen, versehen mit dem Satz «Kein Tier hat Lust, gequält zu werden», kamen vor allem der Sadomaso-(BDSM)-Szene zünftig in den falschen Hals – so sehr, dass gar zu einem «gesitteten» Shitstorm aufgerufen wurde. Die Präsidentin der IG BDSM, Simona, erklärt, woher die Wut kommt.

Wieso diese heftige Reaktion der BDSM-Szene auf die Kampagne der Stiftung Tier im Recht?
Weil die Bilder falsch verstanden werden können. BDSM ist in der breiten Öffentlichkeit immer noch nicht akzeptiert. Viele setzen es gleich mit Quälerei, auch mit Tierquälerei oder gar mit Pädophilie, es ist negativ besetzt. Dabei tangiert BDSM niemand anderen als zwei mündige, erwachsene Menschen, und was zwischen ihnen passiert, passiert einvernehmlich. Dieser Punkt ist zentral: die Einvernehmlichkeit.

Aber genau das ist doch der Clou der Kampagne: Dass es bei Tieren nie einvernehmlich ist, wenn ihnen Schmerz zugefügt wird.
Richtig, nur ist das Problem ja eben, dass der Witz nicht verstanden wird. Für uns ist das wirklich heikel, weil in den Köpfen der Leute hängen bleibt, was ohnehin schon viele denken: Sadomaso gleich Tierquäler.

Kann BDSM seit «50 Shades of Grey» noch irgendjemanden schockieren?
«50 Shades of Grey» hat eben gerade überhaupt nichts mit BDSM zu tun und hat deshalb unserer Szene keinen Gefallen getan. Da geht es um Machtmissbrauch oder gar um häusliche Gewalt. Da hält ein Mann die Grenzen nicht ein und behandelt eine Frau schlecht. Das hat mit BDSM nichts zu tun, auch wenn da mal Peitschlein vorkommen.

In der Szene fühlt man sich aber nicht nur negativ dargestellt, sondern offenbar auch diskriminiert. Inwiefern werden Sie diskriminiert?
Sie können Probleme bekommen, wenn Sie sich als Anhänger oder Anhängerin outen und zum Beispiel in einem sozialen Beruf arbeiten, als Lehrerin oder Lehrer, oder Kinder betreuen. Oder wenn Sie in der ­Sicherheitsbranche sind: Da wird Ihnen schnell unterstellt, es errege Sie, wenn Sie jemanden verhaften. Und es gibt immer noch Menschen in Führungspositionen, die dadurch erpressbar sind. Manche outen sich daher lieber und müssen dann damit rechnen, nicht mehr für voll genommen zu werden.

Dann erzählt man halt am Arbeitsplatz einfach nichts von seinen sexuellen Vorlieben.
BDSM ist eben nicht nur sexuell, es geht darüber hinaus. Es geht nicht nur darum, dass man sich Schmerzen zufügt. Bondage muss man trainieren wie einen Sport, wie Judo zum Beispiel. Es ist auch etwas sehr Ästhetisches – ich würde davon gerne Bilder posten, und zwar ohne, dass ich deswegen Probleme bekomme oder schief angeschaut werde. Und manchmal möchte man einfach wie alle anderen erzählen können, was man am Wochenende gemacht hat.

In einigen Kommentaren verglichen sich BDSM-Anhänger mit diskriminierten Homosexuellen – Homosexualität ist in vielen Ländern immer noch verboten, und gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind heterosexuellen Partnerschaften nicht gleichgestellt. Worin soll die Diskriminierung von BDSM-Anhängern bestehen?
Dass zum Beispiel der Schreiner, bei dem ich einen Bondage-Rahmen in Auftrage gebe, diesen nicht machen will, weil er BDSM ablehnt, da er es für etwas Perverses hält. Oder sagen wir, ich habe einen Kontrolltermin bei meiner Hausärztin, und sie sieht an meinem Körper blaue Flecken. Selbst wenn ich erkläre, die seien einvernehmlich entstanden – nämlich mit meinem Partner, mit dem ich zusammenlebe –, muss die Ärztin das melden. Denn das fällt unter häusliche Gewalt. Wir haben da also ein handfestes rechtliches Problem.

Den Kommentaren ist vor allem zu entnehmen, dass Sie sich unverstanden fühlen.
Das ist ja auch so. Die Leute meinen, wenn jemand masochistisch sei, möge er jede Art von Schmerz, also auch zum Beispiel Zahnweh. Aber das ist etwas ganz anderes, das mögen wir so wenig wie alle anderen. Und es ist auch nicht so, dass Männer, die devot sind, Loser wären, oder Frauen, die submissiv sind, sich im realen Leben nicht durchsetzen könnten. Und es heisst schon gar nicht, dass man mir wehtun darf – das dürfen nur Personen, denen ich das erlaube, und die Grenzen werden dabei eng abgesteckt. Denn nochmals: Das Ganze beruht auf Einvernehmlichkeit.

Wenn doch aber BDSM schon ein eher negatives Image hat: Sollte man dann nicht eher mit einer Charmeoffensive reagieren statt mit Aggression?
Da haben Sie recht. Aber wie so oft verleitete halt auch hier das Internet zu heftigeren Reaktionen als man sie im realen Leben zeigen würde. Und wir mögen tatsächlich ein wenig empfindlich sein, auch das gebe ich gerne zu. Dabei hat niemand in unserer Szene etwas gegen die Stiftung Tier im Recht, und gegen deren Engagement schon gar nicht, im Gegenteil. Unter uns hat es viele Vegis und Veganer, viele machen Yoga, weil es bei BDSM sehr stark um Selbstreflexion geht, um ein gewisses Bewusstsein auch. Die viel zitierte Achtsamkeit gehört bei uns von ­jeher dazu.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.02.2019, 16:36 Uhr

Simona

Präsidentin der IG BDSM

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