Vom Kreisssaal direkt in die Schönheitsklinik

Auf Laufstegen haben Model-Mütter den perfekten Post-Baby-Body. Das lässt die Nachfrage beim Chirurgen nach einem «Mummy Makeover» bei Normalo-Frauen deutlich steigen.

Kaum ist das Kind da, wird die Rundum­erneuerung geplant. Foto: Shutterstock

Kaum ist das Kind da, wird die Rundum­erneuerung geplant. Foto: Shutterstock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gäbe es nicht hier und da eine «Sexy Mum Model»-Schlagzeile – man würde von modelnden Müttern gar nichts mitbekommen, denn sie sind von kinderlosen ­Models kaum zu unterscheiden. Dabei präsentieren viele ihre Postbabybäuche schon Wochen nach der Geburt. Beim Unterwäsche­label Victoria’s Secret stolziert mittlerweile eine ganze Mütterparade über den Laufsteg.

Bei der Show in Shanghai diesen Montag lief das südafrikanische Model Candice Swanepoel zum ersten Mal nach der Babypause, ihr Sohn kam vor einem Jahr zur Welt. Was noch nichts ist gegen Adriana Lima, die 2012 ihren Körper nur zwei Monate nach der Geburt in Reizwäsche präsentierte. Das Vorbild aller modelnden Mütter ist Heidi Klum, ihr viertes Kind war gerade mal sechs Wochen alt war, als sie 2009 über den Laufsteg ging.

Normalo-Mütter nahmen die Baby-Body-Debüts eher ungläubig zur Kenntnis, jedenfalls bis vor ein paar Jahren. Inzwischen glauben immer mehr, da mithalten zu müssen. Die sexy Mütter auf den Laufstegen übten auf Frauen «einen wahnsinnigen Druck aus», sagt die Psychologin Ada Borkenhagen, die sich am Universitätsklinikum Magdeburg mit dem Thema Körperkult beschäftigt. «Ein schlanker Körper wird zunehmend sozial gefordert.»

Zahl von Eingriffen deutlich gestiegen

Nur: Der Wille und das Bindegewebe sind oft zu schwach, als dass die Alltagsfrau nach der Geburt so einfach Sex-Appeal versprühen könnte. Daher nehmen Mütter immer öfter einschneidende Massnahmen in Kauf: Sie lassen beim plastischen Chirurgen ein «Mummy Makeover» machen. So heisst der Trend, der von den USA langsam, aber sicher nach Europa überschwappt. Eine Art Rundum­erneuerung für Frauen, die Kinder zur Welt gebracht haben.

Mütter auf dem Laufsteg: Die Models Alessandra Ambrosio (36, 2 Kinder), Adriana Lima (36, 2 Kinder) und Candice Swanepoel (29, 1 Kind). Foto: Timur Emak/Getty Images

Gerade hat die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) mitgeteilt, dass die Zahl entsprechender Eingriffe deutlich gestiegen sei, und auch Schweizer Schönheitschirurgen stellen eine Zunahme fest. Zwar wird das Mummy Makeover nicht als Gesamtpaket erfasst, aber das, was dazugehört, wird offenbar vermehrt nachgefragt. So führten die VDÄPC-Chirurgen 2016 mehr als doppelt so viele Bruststraffungen durch wie im Vorjahr.«Frauen wollen heute auch nach der Geburt noch weiblich, attraktiv und sportlich aussehen», folgert Dennis von Heimburg, Präsident der Vereinigung. «Männer haben auch Kinder, aber ohne die körperlichen Folgen. Unsere Eingriffe stellen Frauen wieder auf den Status, den sie vor der Schwangerschaft hatten, das ist nur fair.»

Oft wünschen sich auch emanzipierte, in Geschlechterfragen und #MeToo-Debatten streitbar auftretende Frauen einen Chirurgen und sein Skalpell an ihrer Seite. Eigentlich wollen sie sich nicht mehr auf den Körper reduzieren lassen, doch zugleich gelingt es den wenigsten, sich so anzunehmen und schön zu finden, wie die Natur – und ihre Schwangerschaften – sie geformt haben. Ein Dilemma, das immer häufiger beim Chirurgen endet.

Mehr Selbstvertrauen für 20'000 Franken

Dort wird überschüssige Haut von den Brüsten entfernt und bei Bedarf mithilfe von Implantaten mehr Volumen erzeugt. Brustwarzen werden nach oben versetzt. Die Bauchdecke wird oberhalb der Schamhaare sowie rund um den Nabel eingeschnitten und straff gezogen; nebenher wird ausser schwabbeliger Haut auch gleich noch Fett entfernt. Oft werden auch die Bauchmuskeln skulptiert, die bei vielen so mitgenommen sind, dass der Bauch trotz Sport und Diät nie wieder richtig flach wird.

Ein besseres Körpergefühl und damit mehr Selbstvertrauen: Das lassen sich Frauen schon mal über 20'000 Franken kosten. Dabei nehmen sie Risiken in Kauf – Infektionen etwa, Probleme mit der Wundheilung und oft auch die ­Erkenntnis, dass der Traumkörper doch ein Traum bleiben wird. Narben bleiben sowieso. «Seien Sie sich bewusst, dass manchmal mehrere Stufen notwendig sind, um den gewünschten Effekt zu erzielen», schreibt die Wiener Schönheitsklinik Radetzky Villa auf ihrer Homepage. «Ein Mummy Make­over ist eine Kombination von Behandlungen, die nicht zu leichtfertig genommen werden sollten.»

«Rückbildungsphase vollständig abwarten»

Im besten Fall allerdings würden nach der Operation die Erinnerungen an den alten Körper wieder wach, beteuern die Chirurgen. «Wenn man Brust und Bauch strafft und den Nabel rekonstruiert, sieht das im Bikini wieder top aus», sagt Dennis von Heimburg, «manche Dinge kann man sogar besser machen als ursprünglich.» Auch die Psychologin Ada Borkenhagen kommt zu einem versöhnlichen Urteil: «Wenn es keine Komplikationen gibt und der Eingriff handwerklich gut gemacht ist, sind die Menschen in der Regel zufriedener als vorher.»

Sie lassen das Kind schon Wochen vor dem Geburtstermin per Kaiserschnitt holen. So bleibt der Bauch deutlich kleiner.

Während hiesigen Frauen dazu meist eine Kombination aus Bauch- und Bruststraffung genügt, gehört international schon viel mehr zur Mütter-Generalüberholung. Da wird auch der Po angehoben und vergrössert, der Scheidengang verengt, Schamlippen werden wahlweise wieder aufgebaut oder verkleinert. Manches wird in den USA noch während einer Kaiserschnittgeburt wieder zurechtgenäht, oder Frauen laufen direkt aus dem Wochenbett in die Schönheitsklinik. «Man sollte auf jeden Fall die Rückbildungsphase vollständig abwarten», sagt Riccardo Giunta, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. Erst wenn der Körper wieder ein stabiles Gewicht und die Frau die Möglichkeiten der Rückbildungsgymnastik ausgeschöpft habe, sei ein Eingriff überhaupt sinnvoll. Das sei – je nach Stilldauer – in der ­Regel nach einem Jahr der Fall. Ausserdem rät Riccardo Giunta von Operationen ab, solange die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist. Sonst ist der nächste Eingriff programmiert.

Es hängt vor allem von der Veranlagung ab, was Schwangerschaft, Geburt und Stillen mit einem Frauenkörper anstellen. Wer von ­Natur aus ein strafferes Bindegewebe hat, bleibt nun mal leichter in Form, so ungerecht das ist. Zielstrebige Frauen können mit Sport und Ernährung viel erreichen. Zwar ist eine Diät während Schwangerschaft und Stillzeit tabu, aber auf das Gewicht kann man auch achten, ohne zu hungern. Ein Plus von 20 Kilogramm hinterlässt logischerweise mehr Spuren als eines von 7 Kilo.

Erst Diät – dann Kaiserschnitt

«Ich habe Glück, ich wurde mit einem ziemlich schnellen Stoffwechsel geboren», sagte Candice Swanepoel der Zeitschrift «The Cut». «Ich bin das Mädchen, das ein gesundes Gericht mit ein paar Pommes dazu bestellt.» Sie sei erstaunt gewesen, wie schnell ihr Körper wieder in Form war. (Noch lässiger, als nach der Geburt toll auszusehen, ist es eben, wenn man sich nicht mal Mühe dafür geben musste.) Nun sind Frauen, die ihr Geld mit ihrem Aussehen verdienen, ohnehin zur ausgeprägten Selbstkasteiung bereit. Viele planen schon spezielle Schwangerschafts-Work-outs und Diäten, bevor sie überhaupt schwanger sind, und stillen nicht, um ihre Brüste zu schonen.

Oder sie sind «too posh to push» – zu chic zum Pressen: Dann lassen sie das Kind schon Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin per Kaiserschnitt holen. So bleibt der Bauch deutlich kleiner, denn Ungeborene legen gerade in den letzten Wochen noch ordentlich zu. Beide Trends haben es bereits in die Welt von Frauen geschafft, die bei Modeschauen allenfalls im Publikum sitzen. Und das, obwohl sie für die Gesundheit der Kinder negative Folgen haben können und Ärzte davon abraten.

Vor diesem Hintergrund blicken manche Mütter doch wieder versöhnt auf ihren Körper. «Manche sind vom Schönheitsideal getrieben, aber viele sind erheblich entspannter als früher», sagt die Hebamme Andrea Hagen-Herpay. Sie kosten es aus, in der Schwangerschaft und der Stillzeit ohne schlechtes Gewissen zu futtern, weil die Figur eben gerade zweitrangig ist. Und danach geniessen sie es, eine GNM zu sein, eine ganz normale Mutter.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.11.2017, 18:28 Uhr

Artikel zum Thema

Ein neuer Beauty-Trend erreicht Zürich

Nach dem Haarschnitt noch eine Schönheits-OP gefällig? Wie Friseure ein neues Geschäft entdecken. Mehr...

«Es ist ein Geben und Nehmen zwischen Coiffeuren und Chirurgen»

Interview Der Zürcher Starcoiffeur Valentino schildert, wie Schönheitschirurgie und Coiffeursalons zusammenarbeiten. Mehr...

«Da scheint die Gefahr unnötiger Eingriffe doppelt gross»

Interview Zürcher Coiffeure vermitteln Schönheits-OPs. Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger nimmt den Ärzteverband in die Pflicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...