Vom Weg abgekommen

In Zürich leben rund 2500 ultraorthodoxe Juden. Wie es ist, aus dieser Gemeinschaft auszubrechen.

Jüdisch-­orthodoxes Leben in Zürich: Es gibt 248 Gebote und 365 Verbote. Foto: Petra Orosz/Keystone

Jüdisch-­orthodoxes Leben in Zürich: Es gibt 248 Gebote und 365 Verbote. Foto: Petra Orosz/Keystone

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Wer verstehen will, was es bedeutet, frommer Jude zu sein, setzt sich in die Ma’adan Bakery in Zürich. Levi, wie er hier heissen soll, hatte gezögert. «Für dich ist das kein Problem», hatte er zu Sam gesagt, «für mich schon.» Zu viele Leute kennt er hier, in der einzigen jüdischen Bäckerei der Stadt. Immer wieder treten Frauen in knielangen Jupes und dunkel gekleidete Männer mit Bart an die Theke, einige nicken Sam und Levi zu, andere ignorieren sie. Man kennt sich. Sam und Levi stammen aus der ultaorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in Zürich; sie ist mit rund 2500 Mitgliedern die wichtigste der Schweiz und gehört zur konservativsten weltweit. Viele Menschen wissen über sie nicht mehr, als dass sie oft dunkle Kleidung tragen und samstags nicht Auto fahren dürfen. Umgekehrt haben viele strenggläubige Juden noch nie eine Jeans getragen oder ein Kino von innen gesehen.

Hier treffen zwei Lebenswelten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie laufen nebeneinander her, so wie die beiden Fahrspuren, die vor der Ma’adan Bakery in Zürich-Wiedikon zur Autobahn hinaufführen. Wie ist es, wenn man die Spur wechseln will, vom ultraorthodoxen Judentum in ein säkulares Leben? Sam hat bereits gewechselt, Levi sucht noch eine Lücke zum Ausscheren. Er, ein Familienvater in den Vierzigern, lebt zwei Leben: Zu Hause trägt er Kippa, kaum aus dem Haus, tauscht er sie gegen eine Dächlikappe aus. Samstags zieht er unter seiner Schabbat-Hose die Badehose an und marschiert zum Schwimmbad, niemand darf sehen, dass er am heiligen Ruhetag schwimmen geht. Er möchte nicht mehr fromm sein, doch der so­ziale Druck hält ihn auf. Die orthodoxe jüdische Gemeinschaft ist ein engmaschiges Netz, das in der Not auffängt – aber auch jene zurückhält, die ausbrechen wollen.

Wolkenbruch ist lebendiger, als man denkt

Der 36-jährige Sam, genannt Shmulik, hat sich seine Schläfenlocken hingegen schon mit 12 abgeschnitten, Kippa trägt er seit Jahren nicht mehr, dafür Tattoos und Levi's-Shirt. Eine verlorene Seele sei er, sagt Sam, und er meint das nicht bedauernd. Er nimmt das Handy hervor und zeigt ein Foto von Schauspieler Joel Basman am Set von «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Die Verfilmung des Bestsellers von Thomas Meyer kommt dieser Tage ins Kino, Sams Mitbewohner war beratend am Set. Die Geschichte handelt vom jungen Juden Motti Wolkenbruch, der ausbrechen will und sich in seine Mitstudentin Laura – eine Schickse, eine Nichtjüdin – und ihren hübschen Hintern verliebt. Wolkenbruch ist lebendiger, als man denkt. Sam erzählt, wie er als Teenager heimlich ein Mädchen ins Kino ausführte. Er zog eine Kappe an, überzeugt, ihn würde niemand erkennen. Am nächsten Tag drehten sich in der Synagoge alle nach ihm um. «Bist du wahnsinnig? Ins Kino? Mit einer Frau?»

Sam und Levi verlassen die Bäckerei und gehen in Richtung Synagoge. Sie müssen laut sprechen, um gegen den Autolärm anzukommen. Ständig grüssen sie einen Vorbeigehenden, winken einem Autofahrer zu. Hier ist die Schwägerin von diesem, da der Bruder von jenem. Unerkannt kann sich ein Jude in dieser Gegend Zürichs keinen Meter bewegen.

Die Mitglieder der ultraorthodoxen Gemeinschaft ernähren sich strikt koscher, die Frauen bedecken ihre Haare, während ihrer Menstruation dürfen sie von ihren Ehemännern nicht berührt werden. Viele haben kein Internet oder nur gefiltertes. Nicht jüdische Musik, Sport, Kino: alles tabu. Während in den letzten Jahren sich viele der insgesamt 18'000 Schweizer Juden säkularisiert haben und ihre Religion liberaler ausleben, schottet sich ein Teil der jüdischen Orthodoxie als Reaktion auf die gesellschaftliche Öffnung ab. Im ultraorthodoxen Wochenblatt «Jüdische Zeitung» etwa werden keine Frauen abgebildet, eine farbige Zeitung gibt es nur an Feiertagen.

Tattoos sind im Judentum ein Tabu: Sam bindet sich die traditionellen Gebetsriemen, die Tefillin, um. Foto: Michele Limina

Bei Sam zu Hause stand, unüblich für fromme Familien, ein Fernseher. Als Kind schaute er Actionfilme, durfte aber in der Schule nicht darüber sprechen. «Da begannen meine Zweifel», sagt Sam. «Warum hat man einen Fernseher, wenn man nicht schauen darf? Warum reden wir nicht darüber?» Grundsatzfragen haben im orthodoxen Judentum keinen Platz, Widersprüche werden hingenommen. «Wer mitdenkt oder hinterfragt, hat ein Problem», sagt Sam.

Bei Levi waren die Bedenken eher den historischen Darstellungen in der Bibel geschuldet. Warum dürfen Frauen am Rabbinatsgericht traditionell keine Zeuginnen sein? Wie ist es möglich, dass Millionen Jahre alte Fossilien gefunden werden, wenn die Welt gemäss jüdischer Lehre erst 6000 Jahre alt ist? «Die religiösen Antworten waren mir zu einfach, zu absolut», sagt Levi, «die wissenschaftlichen überzeugten mich mehr.» Nach ersten Zweifeln Mitte 20 besann sich Levi zurück auf seine Religion, wollte eine Zeit lang sogar Rabbi werden. Er wurde wieder fromm, verdrängte die Fragen. Erst Mitte 30, mittlerweile Familien­vater, begann er wieder zu hadern und die Regeln zu ritzen.

Er ging ans Meer und sah, wie frei andere lebten

Er ass Tomaten-Mozzarella-Sandwiches bei der Arbeit, probierte Burger von McDonald’s (eine Enttäuschung), ging ohne Kippa ins Büro. Heute fühlt er sich gefangen. Er würde gerne säkular leben, doch seine Frau sorgt sich, was die anderen denken, die Beziehung leidet. Er fühlt sich sozial isoliert, hat kaum nicht jüdische Freunde.

Später treffen wir Salomon, wie wir ihn nennen, auch er aus einer frommen Familie. Er ist 29 und hat sieben Jahre lang die Tora studiert, bevor er merkte, dass er mehr vom Leben will. Wie Sam und Levi besuchte er im Ausland eine Talmudhochschule, wo sich junge Männer von morgens bis abends über biblische Schriften beugen. In Jerusalem lebte er in einer Wohngemeinschaft. «Nur mit Männern», fügt er rasch an, sein Schweizerdeutsch ist vom Jiddischen gefärbt. Er ging ans Meer, sah neidisch, wie frei andere lebten. Und die Kapsel, in der er lebte, brach auf. «Plötzlich fragte ich mich, wozu ich mich so einschränken liess», sagt er.

Das orthodoxe jüdische Leben ist ein Leben nach Regeln, 248 Gebote und 365 Verbote gibt es. «Man kann nichts auswärts essen, keine Frauen ansprechen, nichts», sagt Salomon. Ausserdem lasse man Menschen zu wenig denken. Die überfürsorgliche jüdische Mame sei mehr als ein Klischee. Alle seine vier Geschwister wurden von den Eltern verheiratet, Salomon wehrte sich als Einziger gegen die Verkupplungstreffen. Einmal musste er nach London fliegen, um ein Mädchen zu treffen, eine halbe Stunde liess man die beiden allein, «du sitzt da mit Kuchen und kannst nichts essen, weil du so nervös bist.» Als «demütigend» beschreibt auch Levi diese arrangierten Dates in ganz Europa.

Mit 22 begann Salomon, bis dahin ohne Berufsbildung, ein Fernstudium in der Schweiz. «Ich war wissensdurstig», sagt er. Nicht reli­giöse Bildung hat bei den charedischen Juden, den Ultraorthodoxen, geringen Stellenwert. Das bereitet viele schlecht auf das Berufsleben vor und macht sie von privater oder staatliche Hilfe abhängig.

Umso schwieriger wird es für jene, die aus der Gemeinde ausbrechen und aus dem solidarischen Netzwerk fallen, das sich über das gesamte jüdische Leben spannt: Hat eine kinderreiche Familie zu wenig Geld für eine Hochzeit, hilft die Gemeinde aus. Sucht jemand einen Job, spielen die Beziehungen innerhalb der Gemeinde. Kommt der Nachwuchs ins heiratsfähige Alter, hört sich der Heiratsvermittler um. Sich von der Gemeinde zu lösen bedeutet, sich in eine fremde Welt zu katapultieren – und für einige, mit der Familie zu brechen.

Jüdisch sein bedeutet mehr, als nur zu glauben

In Israel, den USA und in Grossbritannien gibt es deshalb Organisationen, die Aussteigern helfen, sich in der säkularen Welt zurechtzufinden, die sie aus der sozialen Isolation holen und bei der Job­suche unterstützen. Levi möchte ein ähnliches Netzwerk in der Schweiz aufbauen. Er kenne, sagt er, rund ein Dutzend Juden, die den religiösen Weg verlassen möchten. Er erkenne sie daran, dass sie an Schabbat auf Facebook sind. Spät zum Gebet erscheinen. Die Meinung des Rabbis nicht mehr bedingungslos übernehmen.

Wie viele es sind, ist kaum abzuschätzen. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund, die Dachorganisation der Schweizer Juden, bleibt auf Anfrage vage. Geschäftsleitungsmitglied Ariel Wyler schreibt, in seinem Bekanntenkreis betreffe das «weniger als zehn Personen». Zur Frage, ob ultraorthodoxe Juden heute ihre Religion strenger ausleben, schreibt er, das sei «sehr individuell. Womöglich gibt es aber heute die Tendenz hin zu einer strengeren Auslegung.»

Sam ist seit mehreren Jahren offiziell «Off the derech», also raus aus der orthodoxen Gemeinschaft (derech ist hebräisch für Weg). Seine Familie versteckt ihre Enttäuschung nicht. Doch sie hält zu ihm, Sam sieht sie regelmässig. Er zeigt ein Familienfoto: Seine Brüder ­tragen Anzug und Kippa, seine Schwestern Perücke, sein Vater Schläfenlocken. Bei ihnen ist jede religiöse Schattierung vertreten.

So weit wie Sam wollen Levi und Salomon nicht gehen. Denn jüdisch zu sein bedeutet mehr, als nur zu glauben. Jüdisch zu sein, das bedeutet auch das festliche Tafeln mit der Familie, das Singen, das Anzünden der Kerzen vor Schabbat. Darauf möchten sie nicht verzichten. Levi hofft, dass er sich outen kann, ohne dass seine Familie zerbricht. Salomon sagt: «Ich will nicht nur schwarz-weiss.» Er will an Schabbat beten, aber auch Sport treiben können. Koscher essen, aber auch mal ins Restaurant gehen. Jetzt muss er das nur noch seinen Eltern beibringen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.10.2018, 21:08 Uhr

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