«Vor einem Mord bitten sie die Madonna um Hilfe»

Bestsellerautor Roberto Saviano über seine Mafia-Recherchen und die Kinder-Camorra im Süden Italiens.

«Ich will mich an der Camorra rächen. Das ist kein nobles Gefühl»: Roberto Saviano. Fotos: Galimberti/Matter Represents/Laif

«Ich will mich an der Camorra rächen. Das ist kein nobles Gefühl»: Roberto Saviano. Fotos: Galimberti/Matter Represents/Laif

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Seit Roberto Saviano 2006 den Weltbestseller «Gomorrha» über die Camorra in Neapel veröffentlicht hat, muss er bewacht werden. Auch bei diesem Gespräch stehen vor der Tür Polizisten. Drinnen erzählt der 38-Jährige von seinen Recherchen über die Mafia-Gangs in Neapel, von denen sein neues Buch «Der Clan der Kinder» handelt. Nach dem Erscheinen des Romans schrieb ihm ein Verurteilter, sie hätten in Wahrheit viel mehr Morde begangen als im Buch.

Roberto Saviano, reden wir über Geld. Es ist erstaunlich, wie unbefangen die Jugend­lichen in Neapel in Ihrem ersten Roman «Der Clan der Kinder» dealen – und das wegen 50 bis 100 Euro die Woche für ­Klamotten.
Am Anfang ist es wenig Geld. Aber dann wird es viel mehr. Manche Paranze, das sind Gangs von einem Dutzend Jugendlichen, kommen dann auf 200'000 Euro im Monat. Für 15- und 16-Jährige ist das ein Haufen Geld. Dabei wissen sie: Es ist nur für kurze Zeit. Sie wissen, dass sie bald sterben. Binnen drei, vier Jahren. Ich nenne das Turbokapitalismus.

Vielleicht klingt das naiv, aber: Schule, Ausbildung, Beruf sind gar keine Option?
Nein. Sie wollen kein normales Leben führen. Jung zu sterben, gehört für sie dazu, wenn man ein Gewinner sein will. In gewisser Weise ähneln sie jungen islamistischen Terroristen. Während diese Verbrechen aus einer ideologischen Perspektive begehen, handeln die jungen Italiener rein ökonomisch. Sie sind bereit zu sterben, wenn sie sofort ganz viel Geld machen. Und sie fühlen sich als Ehrenmänner, weil sie keine Angst vor dem Tod haben.

Glauben sie an Gott?
Sie sind insoweit religiös, als sie vor einem Mord die Madonna um Hilfe bitten. Aber sie haben keine klare Vorstellung von einem Jenseits. Die Mutter des realen Bandenchefs, von dem ich mich für mein Buch inspirieren liess, schrieb auf Facebook: «Beten wir zu meinem Sohn, damit er Wunder wirkt.» Er starb, als er 19 Jahre alt war.

Nicolas, der Bandenboss im Roman, sagt: «Arbeit ist was für Loser und Sklaven. In drei Stunden verdienen wir, was mein Vater im Monat kriegt.» Werden viele Süditaliener kriminell, weil wirtschaftliche Perspektiven fehlen?
Die Wirtschaftskrise, die Europa durchgeschüttelt hat, wirkt sich in Italien besonders verheerend aus. Doch was hier mit den jungen Leuten geschieht, ist ein Modell dafür, was der jungen Generation überall passieren wird oder schon passiert. Was in Neapel geschieht, geschieht auch in den Vorstädten von Paris oder in Malmö. In Neapel zeigt es sich nur besonders krass, weil die Gangs da eine militärische Struktur haben. Ich bin überzeugt, man sieht dort, wie Europas Schicksal aussehen wird.

Wie erklären Sie sich diese furchtbare Entwicklung?
Vor zehn Jahren zog man seine Würde noch aus der Arbeit. Heute geht es nur noch ums Geld. Die Jugendlichen glauben nicht mehr daran, ihr Leben durch Arbeit verbessern zu können. Sie sehen keinen normalen Ausweg aus der Misere mehr.

Die Burschen im Buch holen sich Waffen aus einem Lager im Zoo. Nachts im Bett freuen sie sich darauf wie an Weihnachten auf die Geschenke. Es sind Kinder. Doch kurz danach legt ein Zehnjähriger kaltblütig jemanden um. Das bekommt man alles schwer zusammen.
Genau das wollte ich in diesem Buch zeigen: Tagsüber begehen sie Verbrechen, handeln mit Drogen – und nachts schlafen sie zu Hause, Tür an Tür mit ihren Eltern. Es sind dieselben Kinder, ja, sie sind gerade deshalb so stark, weil sie Kinder sind. Alles ist ein Spiel, die Verbrechen sind ein Spiel. Und der Tod ist zu weit weg, um davor Angst zu haben. Also riskieren sie ihn.

«Es ist das erste Mal, dass Kinder nicht nur für Verbrecher­banden arbeiten, sondern sie selbst kommandieren.»

Warum sind heute so viele Kinder in der Camorra?
Die Polizei hat der Camorra in den vergangenen Jahren gewaltig zugesetzt. Erwachsene Verbrecher mussten in den Knast oder untertauchen. Also übernahmen die Kinder die Macht, und den Camorra-Clans ist das recht so. Die Kinder erledigen die Schmutzarbeit auf der Strasse. Wenn sie nicht mehr nützlich sind, werden sie umgebracht. In Neapel gibt es viele solcher Paranze. Es ist das erste Mal in der Welt, dass Kinder nicht nur für Verbrecherbanden arbeiten, sondern sie selbst kommandieren. Sie verhandeln mit Drogenlieferanten, mit Banken. Sie regieren.

Sie wuchsen in Casal di Principe auf, einer Mafia-Hochburg nordwestlich von Neapel. Wie haben Sie als Kind die Camorra im Alltag mitbekommen?
In diesen Orten ist es wie im Krieg, die Menschen sterben wie im Krieg. Aber du lernst, das Leben zweizuteilen. Die Toten sind das eine, dein persönliches Leben ist das andere. Doch irgendwann begann ich, die Toten zu suchen. Ich ging als Kind zu den Orten, wo die Leichen lagen, weil ich mich dadurch erwachsen fühlte.

Und wie wird man nicht ­kriminell? Sie sind es auch nicht geworden.
Meine Familie half mir. Und ich hatte von Anfang an andere Ambitionen. Ich wollte mich abheben und identifizierte die Mafiosi früh als meine persönlichen Feinde. Das war eine Art Rebellion, Widerstand.

Seit sich Ihr Buch «Gomorrha» über Neapels Mafia millionenfach verkauft, schützt Sie die Polizei rund um die Uhr. ­Gewöhnt man sich an so ein gepanzertes Leben?
Man gewöhnt sich nie daran. Ich fühle mich wie behindert. Neulich bei einer Lesung in Hamburg sagte mir eine Zuhörerin: «Sie lächeln nie.»

Würden Sie «Gomorrha» wieder schreiben?
Nein, weil es mein Leben explodieren liess. Oder – vielleicht würde ich es anders, vorsichtiger verfassen. Wie auch immer: Jetzt gehe ich jedenfalls meinen Weg weiter. Ich will mich an der Camorra rächen. Das ist kein nobles Gefühl, ich weiss.

Glauben Sie noch an die Justiz?
Nein. Es gibt Gerechtigkeit, aber die braucht in Italien unglaublich lange. Manchmal dauert ein Verfahren 15 Jahre. Stell dir vor, ein zu lebhafter Achtjähriger wirft eine Lampe herunter – und seine Mutter ohrfeigt ihn dafür, wenn er 23 ist.

Denken Sie manchmal daran, auszusteigen und sich auf eine exotische Insel zurück­zuziehen?
Ich habe nicht so viel verdient, dass ich aussteigen könnte. Und ich würde keine Insel wählen, weil ich schon isoliert genug leben muss. Aber ich denke ständig daran, wie ich mein Leben ändern könnte. Ich stelle mir zum Beispiel vor, Italien zu verlassen und mir Haare auf den Kopf zu kleben, damit ich nicht erkannt werde. Aber noch schaffe ich es nicht. Deshalb fühle ich mich nicht mehr als Herr über mein eigenes Leben.

Der Mord an dem Slowaken Ján Kuciak ist nach dem Mord an der Malteserin Daphne Caruana Galizia der zweite in Europa an einem Journalisten in kurzer Zeit. In der Slowakei soll die italienische Mafia involviert sein. Wird es für Sie und andere kritische Autoren und Journalisten immer gefährlicher?
Unglaublich, zwei Morde in so kurzer Zeit. Mich schützt allerdings mein Ruhm. Wenn einer wie ich umgebracht wird, trifft das Millionen Leser.

Womit verdient die Mafia heute hauptsächlich ihr Geld?
Mit Drogen, vor allem Kokain. Aber ihre grösste Stärke besteht darin, dass sie das Drogengeld investiert, in Öl, die Finanzwelt, das Baugeschäft, die Müllentsorgung. Seit ich «Gomorrha» geschrieben habe, wurde die Mafia noch stärker. Europa hat heute regelrechte Schnellstrassen für Geldwäsche. Von Deutschland nach Liechtenstein, von Frankreich nach Luxemburg, von allen Mafia-Organisationen der Welt nach London. Dort gibt es keine richtigen Regeln gegen Geldwäsche. Unglaublich.

Sie rechnen vor, aus 1000 Euro Investition in Kokain würden 180'000 Euro. Unglaublich.
Die Zahlen kommen vom italienischen Antimafia-Kriminalamt Dia. In Kolumbien kostet ein Kilo Kokain ungefähr 1500 Euro. In Europa wird es auf zwei, drei Kilo gestreckt und auf der Strasse für durchschnittlich 90 Euro pro Gramm verkauft. Kokain ist der schnellste Multiplikator der Welt. Schneller als Gold oder Öl. Aber für Gold oder Öl brauchst du sehr viel Know-how, um es aus der Erde zu holen und zu handeln. Bei Kokain ist dagegen alles einfach. Wenn du dieses Geheimnis des Kokains verstehst, verstehst du die Welt. Diese Kinder in Neapel wissen: Wenn sie 5000 Euro in Kokain investieren, bekommen sie eine Million. Also tun sie alles, um diese 5000 Euro zu bekommen.

«Italien war leider schon öfter Europas Avantgarde»: Roberto Saviano.

Wie lässt sich die Mafia ­bekämpfen?
Helfen würde eine Legalisierung weicher Drogen, um ihnen das Geschäft zu entziehen. Und man müsste das Offshore-Steuersystem bekämpfen, über das der Kapitalismus seine Verbrechen begeht, ganz generell. Konzerne wie Google zahlen weniger Steuern als ein italienischer Obsthändler. Das ist doch zum Verrücktwerden.

Themenwechsel: Wohin steuert Italien nach der Parlamentswahl vom 4. März?
Auch da sind wir die Vorreiter Europas: Was dem Front National in Frankreich oder der AfD in Deutschland misslang, schafften unsere Protestparteien – die Fünf Sterne und die Lega. Sie gewannen die Wahl. Italien war leider schon öfter Europas Avantgarde. Erst hatten wir Mussolini, dann hatte Deutschland Hitler. Erst hatten wir Berlusconi, dann bekamen die USA Trump.

Düstere Perspektiven. Aber warum wurden die Fünf Sterne zur stärksten Partei?
In Süditalien wählten alle die Fünf Sterne, weil sie keine Hoffnung mehr auf einen Job haben. Diese Wahl war ein Hilfeschrei und eine Rebellion. Ausserdem: Populismus ist einfach. Wenn du reformieren willst, musst du etwas ändern, und zwar auch an dir selbst. Beim Populismus jammerst und schimpfst du dagegen einfach nur herum. Schuld sind immer die anderen.

Was lässt sich dagegen tun?
Das Einzige, woran ich noch glaube, sind Vereinigte Staaten von Europa. Mein Traum wäre: ein Berliner als Bürgermeister in Neapel und ein Neapolitaner als Bürgermeister in Berlin. Wir müssen in Europa zu einem Volk werden.

Realistisch klingt das nicht.
Aber es ist der einzige Traum, der einzige Glaube, den ich noch habe.

Angeblich boten Ihnen verschiedene italienische Parteien an, Minister zu werden.
Das ist nichts für mich. Die Bürokratie ist riesig, die Gesetze sind fragwürdig. Würde Gandalf, der Zauberer aus «Herr der Ringe», Premierminister in Italien, würden sie seinen Zauberstab zerbrechen.

Sie sagen, Populismus sei einfach. Von aussen zu ­kritisieren, statt Verantwortung zu übernehmen, ist auch ­einfach.
Das ist wahr. Aber ich kritisiere nicht von aussen, ich nehme teil, engagiere mich. Ja, ich lebe sechs Monate im Jahr in Rom und die anderen sechs in New York, aber mit meinem Engagement – meinem Schreiben, meiner Arbeit – bin ich immer da.

Wie wünschen Sie sich Ihr Leben in fünf Jahren?
Ich finde die Kraft, mein Leben zu ändern. Ich höre auf zu schreiben und arbeite vielleicht an einer nützlichen App (lacht). Alle zehn Jahre sollte man alles ändern, ausser seinen Fussballverein. Winston Churchill sagt, die Perfektion liegt im Wandel.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 20:55 Uhr

Im Herzen der Mafia

Roberto Saviano, 38, ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist. 2006 veröffentlichte er «Gomorrha», eine Mischform zwischen Roman und Reportage, in der Saviano detailliert die Praktiken des organisierten Verbrechens und dessen Vernetzung mit der Wirtschaft und der Politik beschreibt. Das Buch wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt, weltweit wurden mehr als 10 Millionen Exemplare verkauft. Nach dem Buch entstand 2008 der Spielfilm «Gomorr­ha» und 2014 eine gleichnamige TV-Serie.

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