Spritzen ins Gelenk können Arthrose verschlimmern

Ärzte spritzen Kortison gerne direkt ins Gelenk. Die Behandlung kann aber zu Schäden an Knorpel und Knochen führen.

Das Kortison könnte in den Gelenken auch Schaden anrichten (Symbolbild). Foto: Samuel Schalch

Das Kortison könnte in den Gelenken auch Schaden anrichten (Symbolbild). Foto: Samuel Schalch

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Ein schlechter Ruf – und trotzdem beliebt in der Fachwelt? Das schaffen in der Medizin neben Antibiotika wohl nur Kortisonpräparate. Corticoide, wie die Medikamente korrekt heissen, werden von Hautärzten flächendeckend angewendet, und auch Internisten, Orthopäden und Rheumatologen verordnen die vielseitigen Arzneimittel häufig.

Radiologen aus Boston warnen nun allerdings vor Spritzen ins Gelenk, wie sie Patienten mit Arthrose gerne verabreicht werden. Im Fachmagazin «Radiology» zeigen die Wissenschaftler, dass Nebenwirkungen häufiger auftreten als bisher angenommen. Besonders Schäden an Knorpel und Knochen werden nach dieser Therapie oft beobachtet.

Das Ärzteteam um Ali Guermazi hat sowohl aktuelle Daten erhoben als auch die Fachliteratur in einer Metaanalyse ausgewertet. Die Mediziner untersuchten fast 500 Patienten, die eine Corticoid-Injektion in das Knie- oder Hüftgelenk bekommen hatten. Bei 8 Prozent der Teilnehmer kam es in der Folge zu Komplikationen, darunter waren 4 Prozent der Probanden mit Kniearthrose, 10 Prozent mit Hüftarthrose. «Wir haben unseren Patienten immer erzählt, dass ihnen diese Injektionen nicht schaden», sagt Guermazi. «Jetzt müssen wir zugeben, dass sie nicht so sicher sind, wie wir dachten.»

Mögliche Komplikationen werden meist verschwiegen

Seit Jahren ist bekannt, dass Injektionen in Knie, Hüfte oder Schulter mit dem Risiko einer Gelenkinfektion einhergehen, die im kaum durchbluteten Innenraum der Kapsel schlecht behandelt werden kann. Obendrein drohen Schäden durch die Corticoide selbst, wie die Studie der Radiologen nun zeigt. So kann es durch die Spritzen zu einer rascher fortschreitenden Arthrose kommen, woraufhin der Gelenkspalt kleiner wird. Zudem sind Frakturen in der Nähe des Knorpels wahrscheinlicher und sogar eine Osteonekrose, wie das Absterben von Knochengewebe genannt wird. All dies trägt zur schnellen Zerstörung des Gelenks bei – und ist meist mit Schmerzen und eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten verbunden.

Radiologe Ali Guermazi fordert, dass die Argumente pro und kontra Injektion gründlich mit den Patienten diskutiert werden. «Bisher ist das nicht der Fall, und kritische Worte über die Komplikationen hört man kaum.» Ein unhaltbarer Zustand, findet das Team aus Boston, denn Ärzte greifen immer häufiger zur Spritze, um Gelenkschmerzen bei Arthrose zu behandeln. Wissenschaftler schätzen, dass weltweit täglich tausend solcher Injektionen ins malade Gelenk vorgenommen werden.

Die Schmerzen verschwinden nicht

«Bei Schmerzen sind Corticoid-Spritzen ins Gelenk gar nicht indiziert», sagt Marcus Schiltenwolf, Leiter der Abteilung für Konservative Orthopädie und Schmerztherapie am Uniklinikum Heidelberg. «Es gibt dafür keinen Wirksamkeitsnachweis, aber trotzdem wird es immer wieder gemacht.» Einzig bei einem Erguss, der als Zeichen eines Reizes zu verstehen ist, seien die Spritzen bewährt und können kurzfristig Linderung verschaffen. «Für maximal sechs Wochen ist das hilfreich, dann bildet sich der Reiz zurück», sagt Schiltenwolf. «Mit schonender Bewegung und Gewichtsabnahme würde er das aber auch von alleine.» Schliesslich sei Arthrose ein episodisch entzündlicher Prozess, der in Schüben verlaufe.

Bereits 2017 hatte eine Studie im Fachblatt «JAMA» gezeigt, dass Patienten, die regelmässig Corticoid-Spritzen bekamen, nach zwei Jahren deutlich an Gelenkknorpel verloren hatten, ihre Schmerzen aber nicht weniger geworden waren. Die Medikamentendosis in der Spritze lag oft über den empfohlenen Werten. «Wenn schon injiziert wird, sollte man sich auch an die richtige Menge halten», sagt Orthopäde Schiltenwolf.



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Erstellt: 22.10.2019, 18:22 Uhr

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