Warum Frauen und Männer unglücklich werden

Andreas Kunz über die hohe Scheidungsrate bei älteren Menschen.

Hat sich das Modell der ewigen – und oft sogar tag­täglichen – Zweisamkeit überlebt?

Hat sich das Modell der ewigen – und oft sogar tag­täglichen – Zweisamkeit überlebt? Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sicher kennen Sie die Szene: Ein nicht mehr ganz junges Paar sitzt sich im Restaurant gegenüber, isst Vorspeise, Hauptgang, vielleicht noch ein Dessert, trinkt dazu ein Glas Wein – und redet die ganze Zeit kaum ein Wort miteinander. Meist unternimmt die Frau ein paar Anläufe, ein Gespräch zu beginnen – aber der Mann antwortet bloss ­einsilbig.

Kein Wunder, denkt man sich jetzt, dass die Scheidungsrate im Seniorenalter deutlich ansteigt. Und dass dabei die meisten Trennungen, bei den ­Ü-65-Jährigen sind es zwei Drittel, von der weiblichen Seite ausgehen. Die Frauen wissen, dass ­ihnen noch ein paar Jahrzehnte bevorstehen. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, wollen sie ­etwas erleben, sich lebendig, gefragt und weiterhin ernst genommen fühlen.

Doch es wäre unfair, die Schuld allein den ­Männern zuzuschieben. Sie haben schlicht andere ­Bedürfnisse, sind daheim wohl auch genügsamer als Frauen – vor allem wenn es ums Kommuni­kative geht – und haben nicht immer Lust, den grossen Unterhalter und Organisator zu spielen, wie es sich ihre Partnerinnen vielleicht wünschen. Tatsächlich ist es nach ­vielen gemeinsamen ­Jahren wohl für beide ­Geschlechter schwer, das Gegenüber nicht als so selbstverständlich hin­zu­nehmen wie die Topf­pflanze in der Ecke.

Hier liegt wohl die wahre Ursache für die hohe ­Scheidungsrate im Alter: Das Modell der ewigen – und oft sogar tag­täglichen – Zweisamkeit hat sich überlebt. Auch die stetig gewachsenen Ansprüche an eine ­erfüllte Existenz lassen Beziehungen von Paaren, die sich lebenslange Treue geschworen haben, mit fortschreitendem Alter scheitern. Wer sich in- und auswendig kennt, fühlt sich zwar besonders tief ­verbunden – gleichzeitig nimmt die gegenseitige Neugierde ab, grosse Überraschungen bleiben aus, der ­Bedarf nach neuen Erlebnissen, Kontakten und spannenden Aufgaben kann kaum mehr gestillt werden.

Das heisst noch lange nicht, dass ewige Liebe nicht mehr möglich sein soll. Bloss sollte man klug genug sein, sich zu arrangieren, die unterschiedlichen Bedürfnisse in einer Partnerschaft zu akzeptieren – und jegliche gesellschaftlichen Zwänge, die dem Glück im Wege stehen, selbstbewusst zu ignorieren. Veraltete Vorstellungen – dass Mann und Frau zum Beispiel alles gemeinsam unternehmen oder dauernd Kompromisse machen müssen – sind zum Überwinden da.

Es geht um die Kunst der Nähe und des richtigen Abstands. Das kann bei getrennten Rückziehräumen oder Schlafzimmern anfangen, aber auch die Ferien müssen nicht immer gemeinsam verbracht werden, ebenso wie beide Partner einen eigenen Freundeskreis pflegen dürfen. Wenn jeder für sich beweglich bleibt und die gegenseitige Aufmerksamkeit nicht verloren geht, sind die Voraussetzungen nicht schlecht, dass eine Beziehung auch 60 Jahre und länger halten kann.

Nur wer glücklich ist, ist auch ein Glück für den Partner. Und wer nicht ständig aufeinandersitzt, hat mehr Lust, einander zu sehen. Und nicht zuletzt dem anderen mehr zu erzählen, wenn man ­gemeinsam zum Dinner ins Restaurant ausgeht.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 08.02.2020, 23:15 Uhr

Artikel zum Thema

So läuft eine Scheidung ab

Interview Anwältin Carmen Rosat sagt, wann man einen Anwalt braucht, welche Art von Scheidung am günstigsten ist – und warum sich Egoismus nicht lohnt. Mehr...

Rekord bei Scheidungen von Senioren

Die Zahl der Scheidungen nach über 30 ­Ehejahren hat sich seit 1970 verdreifacht. Wer dabei den Schlussstrich zieht. Mehr...

Scheidung auf Griechisch

Kolumne Die Scheidungsrate schnellte 2017 in Griechenland um 74 Prozent hoch. Eine Folge der Wirtschaftskrise? Der Grund ist banaler. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...