Warum Väter lieber arbeiten

In vielen Ländern gibt es Vaterschaftsurlaub, doch kaum jemand nimmt diesen in Anspruch. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Wahres Engagement zeigen nur Männer aus Nordeuropa und Portugal. Foto: Plainpictures

Wahres Engagement zeigen nur Männer aus Nordeuropa und Portugal. Foto: Plainpictures

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Sie bekamen zünftig aufs Dach, die männlichen Mitglieder des Bundesrats, nachdem sie vor zwei Wochen die Initiative für den Vaterschaftsurlaub abgelehnt hatten. Ihr Entscheid wirkte weltfremd und reaktionär, die Empörung in den sozialen Medien und den Kommentarspalten war gross.

Tatsächlich kommt die Schweiz damit wie ein Relikt daher, als eines der wenigen Länder, die den Vaterschaftsurlaub noch immer nicht eingeführt haben: OECD-weit finden sich da unter anderem noch die USA (die auch keine Mutterschaftsversicherung kennen), die Türkei, die Slowakei sowie Tschechien, Irland, Israel, Kanada und Neuseeland.

Zahlreiche Väter verzichten auf finanzierte Auszeit

Alle anderen – und damit drei Viertel der OECD-Mitglieder – offerieren zwischen 53 Wochen (Korea) und einem Tag (Italien), im Norden sind es meist 10 Wochen, in Spanien, Slowenien, Grossbritannien und Dänemark 2 Wochen, der OECD-Durchschnitt beträgt 8 Wochen. Das klingt erst einmal gut. Und modern. Und nach einem erfreulich fortschrittlichen Geschlechterverständnis.

Ein genauer Blick auf die Zahlen offenbart dann aber Ernüchterndes: Unabhängig von der Dauer nehmen zahlreiche Väter die ­ihnen zustehende, vom Staat finanzierte Auszeit gar nicht wahr. Das tun so wenige, dass die OECD in einem Bericht letztes Jahr fragte: «Wo sind die Väter?» Und festhielt, der Anteil der Männer, die Elternzeit in Anspruch nehmen würden, sei «zwar zunehmend, aber immer noch tief».

Männer im Norden und in Portugal engagieren sich

Konkret beträgt der Anteil bei den Polen und den Australiern gerade mal 2 Prozent, bei den Franzosen und den Österreichern 4 Prozent. Und 80 Prozent der deutschen Väter beschränken sich auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum, obschon sie die ihnen zustehenden zwei Monate auf Staatskosten um das Doppelte oder Dreifache verlängern könnten. Richtiges Engagement legen, wenig überraschend, nur die Männer aus dem fortschrittlichen Norden an den Tag. Und, eher überraschend, die südländischen, katholischen Portugiesen.

Adrian Wüthrich, Präsident von Travailsuisse und des Vereins Vaterschaftsurlaub jetzt!, kennt die OECD-Zahlen und nennt sie «erschreckend». Er räumt ein, nicht damit zu rechnen, «dass in der Schweiz 100 Prozent der Väter den Vaterschaftsurlaub beziehen würden». Und fügt zum Trost an, dass dies – was der Bundesrat eventuell übersehen hat – die entstehenden Kosten von 420 Millionen Franken in Realität senken würde.

Finanzielle Gründe sind nicht ausschlaggebend

Es liegt nahe, für das Verhalten der Väter finanzielle Gründe verantwortlich zu machen. Der Vaterschaftsurlaub bedeutet meist eine Einkommenseinbusse. Das würde in Bezug auf Frankreich zutreffen; dort ist der Anteil der Urlaub beziehenden Väter geradezu winzig, und die Lohnfortzahlung mit 20 Prozent fällt in der Tat sehr dürftig aus. In Island hingegen, wo wegen der Finanzkrise 2007 die Lohnfortzahlung von 80 auf 58 Prozent gesenkt wurde, führte das entgegen allen Befürchtungen nicht zu einer drastischen Abnahme von betreuungswilligen Vätern.

Und in unserem Nachbarland Österreich wiederum wird der Vaterschaftsurlaub mit 80 Prozent des Einkommens vergütet (wie das auch die Initia­tive für die Schweiz vorsieht) – trotzdem wird er kaum in Anspruch genommen. In Polen wird gar während zweier Wochen der volle Lohn weiterbezahlt, doch selbst das vermag nichts daran zu ändern, dass sich so gut wie keiner dafür interessiert.

Männer sagen wohl, was Frauen gefällt

Am Geld allein kann es also nicht liegen, dass Männer sich die Zeit mit ihren Kindern nicht nehmen. Vielleicht liegt es eher am Wollen. Denn dasselbe Phänomen zeigt sich bei der Teilzeitarbeit: Gerade mal 11 Prozent aller Schweizer Väter arbeiten weniger als 100 Prozent. In Umfragen bekräftigt aber jeweils die überwältigende Mehrheit, gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen zu wollen; legendär war jene von Profamilia 2011, in der sagenhafte 90 Prozent erklärten, wegen der Kinder lieber Teilzeit arbeiten zu wollen. Gründe, weshalb sie es dennoch nicht tun, haben die Väter jeweils noch im selben Atemzug parat: Die Strukturen seien schuld, die Firmen, die Kosten – und überhaupt sei der Moment gerade sehr ungünstig.

In Umfragen bekräftigt jeweils die überwältigende Mehrheit, gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen zu wollen.

Möglich also, dass die Männer nicht sagen, was sie denken, sondern vielmehr das, was die Frauen von ihnen hören wollen. Und wie die OECD-Zahlen zeigen, verhält es sich beim Vaterschaftsurlaub nicht anders. Vielen Ländern ist mittlerweile aufgefallen, dass sich die Männer aller Emanzipation und all dem Gerede vom modernen Vatertum zum Trotz nicht so recht bewegen wollen. Sie haben vor allem erkannt, dass eine gewährte Elternzeit – also ein Urlaub, den sich Mutter und Vater selbst aufteilen können – fast immer dazu führt, dass dieser nur von den Frauen in Anspruch genommen wird.

Entweder beide Eltern oder der Anspruch verfällt

Deshalb wurden vermehrt fixe Quoten eingeführt, sogenannte «mummy and daddy quotas». Diese können nicht angerechnet oder getauscht werden, sie müssen von beiden Partnern einzeln bezogen werden. Wer es nicht tut, dessen Anspruch verfällt. Als zusätzlicher Anreiz werden Bonuszahlungen angeboten, die ein Paar nur erhält, wenn der Vater über eine bestimmte Zeit die Kinder betreut.

Deutschland etwa setzt seit 2007 auf dieses System. Mit dem Ergebnis, dass zwar mehr Männer ihren Pflichten zu Hause nachkommen, aber eben 80 Prozent dieses Engagements exakt auf jenes vorgegebene Minimum beschränken, das nötig ist, damit die Bonuszahlung erfolgt. Begeisterung sieht anders aus.

Die OECD warnt vor einem Bumerangeffekt

Fest steht, dass eine kurze, gut bezahlte Auszeit verlockender ist als eine längere, schlecht bezahlte. In gewissen Ländern muss der Vaterschaftsurlaub deshalb nicht mehr länger am Stück bezogen werden, ein solcher ist auch tageweise über ein Jahr oder mehrere Jahre verteilt möglich.

So soll die Angst der Männer gemildert werden, ihre Karriere nähme wegen der Abwesenheit im Büro Schaden. Und als Ausrede funktioniert das Argument auch nicht mehr. Der Vorschlag der Schweizer Initiative berücksichtigt diesen Gedanken ebenfalls: 20 Arbeitstage sollen flexibel tageweise im ersten Lebensjahr des Kindes bezogen werden können.

Was progressiv aussieht, zementiert in Tat und Wahrheit die alte Rollenverteilung.

Die OECD warnt allerdings, dass dies einen Bumerangeffekt haben könnte: weil Väter dadurch nicht gleichberechtigte Erzieher seien, sondern eher als Assistenten der Mütter dienten und nie über diese Rolle hinauswachsen würden. Anders gesagt: Es sieht zwar progressiv aus, in Tat und Wahrheit wird damit aber die alte Rollenverteilung zementiert.

Frauen verteidigen ihr ­mütterliches Hoheitsgebiet

Schuld daran, dass sich in den Köpfen wenig bewegt, wenn es um ­Familienarbeit geht, sind nicht die Männer allein. Die Forschung weiss schon lange um das Problem des «maternal gatekeeping», also das eifersüchtig anmutende Herrschen über das Daheim und die Kinderbetreuung mancher Mütter. Die Unterstützung durch den Partner wird nicht als positiv empfunden, sondern als Eindringen in den mütterlichen Hoheitsbereich und damit als störend; die Frauen mischen sich dauernd ein oder beharren darauf, alles besser zu können.

Die OECD-Zahlen machen deutlich, dass sich die Väter nicht gerade ums Windelwechseln und Schlafliedsingen reissen.

Das wiederum verdirbt den Männern die Lust daran, mitan­zupacken – wobei das dem einen oder anderen womöglich ganz recht ist. Denn vielleicht entspricht die ewiggestrige bundesrätliche Haltung einfach dem, was die meisten Männer insgeheim immer noch denken: dass Kinderbetreuung Frauensache ist.

Die OECD-Zahlen jedenfalls machen deutlich, dass sich die Väter allen anders lautenden Beteuerungen zum Trotz nicht gerade ums Windelwechseln und Schlafliedsingen reissen. Bloss sind die wenigsten so ehrlich wie jene Franzosen, die auf den Vaterschaftsurlaub gepfiffen haben und von denen 46 Prozent in einer Studie frank und frei erklärten, er habe sie schlicht «nicht interessiert». (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.10.2017, 16:45 Uhr

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