Warum junge Paare immer seltener kirchlich heiraten wollen

Pfarrer Josef Hochstrasser klagt an: Priester müssten von einer sakralen Sprache wegkommen und mehr lebensnahe Impulse in die Trauungen einbringen.

«Claudia und Peter gehören zu jenen 90 Prozent Brautpaaren, die ich ohne Bezug zu einer Kirche traue». Bild: Nils Riedweg

«Claudia und Peter gehören zu jenen 90 Prozent Brautpaaren, die ich ohne Bezug zu einer Kirche traue». Bild: Nils Riedweg

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Ein Bergbauernhof im Bündnerland. Auf 1536 Meter über Meer. Eine ausserordentliche Feier steht an. Peter und Claudia ­heiraten. Kirchlich? Mit einem Pfarrer? Auf einem Bauernhof?

Ein paar Monate zuvor ruft mich die Braut an. Ich kenne sie und ihren Partner nicht. Sie waren vor ein paar Jahren dabei, als ich Freunde von ihnen traute. Die junge Frau fragt vorsichtig, ob ich sie und ihren Partner auch ausserhalb einer Kapelle oder einer Kirche trauen würde. Wir vereinbaren, uns zu einem Gespräch zu treffen.

«Wir sind beide katholisch getauft», erklärt mir das Brautpaar, «auch unsere Gäste sind mehrheitlich katholisch, aber Sie können es sich vielleicht vorstellen: Viele stehen der Kirche fern. Einige Freunde sind konfessionslos, vier davon hegen gar eine Abneigung gegenüber einem Pfarrer.»

«Im Stall des Bergbauernhofs will sich das Brautpaar das Jawort geben». Bild: Nils Riedweg

Das Brautpaar wandte sich zuerst an einen katholischen Priester. Begeistert erzählten sie ihm von ihrem Hof hoch oben in den Bergen. Doch der Kirchenmann interessierte sich nicht für ihre Welt. Stattdessen sprach der Pfarrer von einem Ehedokument, ohne welches das Sakrament der Ehe nicht vollzogen werden könne. Etwas befremdet fasste sich das Paar ein Herz und versuchte, dem Kirchenmann eine Trauung auf ihrem Hof beliebt zu machen. Der Priester erklärte den beiden rundweg, er traue sie nur in einem sakralen Raum, einer Kirche oder einer Kapelle. Dann war das Gespräch auch schon zu Ende.

Heiratswillige haben keine Ahnung, was ein Sakrament ist

Seit über zwanzig Jahren beobachte ich den gleichen Mechanismus. Erst melden sich Brautpaare zur Trauung noch bei einem Pfarrer, finden aber oft statt eines Seelsorgers bloss einen Kirchenfunktionär. Deshalb unterlassen sie den Schritt zum Pfarramt und suchen im Internet nach einem Ritualbegleiter. Auch bei mir klopfen Paare an, die sich in den christlichen Kirchen nicht mehr zu Hause fühlen, den Lebensentwurf des Jesus aus Nazareth aber durchaus bejahen.

Die Schere zwischen offiziell vollzogenen kirchlichen Trauungen und Eheschliessungen ohne Bezug zur Institution Kirche öffnet sich immer mehr. Das ist kein vorübergehender Modetrend. Hier wird vielmehr eine Langzeitveränderung deutlich. Die kirchliche Sozialisation nimmt rapide ab. Längst haben die christlichen Kirchen das Monopol der Sinndeutung verloren. Gemäss einer Studie des Religionssoziologen Jörg Stolz beteiligen sich gerade noch 17 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer aktiv am Gemeindeleben der katholischen oder reformierten Kirche. Auf über zwei Drittel angewachsen ist die Zahl jener Christinnen und Christen, die sich von ihren Kirchen distanziert haben. Zwar sind sie nicht ausgetreten, zahlen ihre Kirchensteuer, besuchen einen Weihnachtsgottesdienst. Aber die Kirchen spielen im Alltag dieser Menschen keine entscheidende Rolle mehr. Sie sind heimatlos.

«Wenn es drauf ankommt, kennt die Kirche nur eine einzige Sicht, jene nach Rom.»Claudia

In der Kirche nicht mehr beheimatet fühlen sich auch Claudia und Peter. Wir sitzen auf der Restaurantterrasse des Hotels Vogelsang oberhalb des Sempachersees. Von hier öffnet sich ein weiter Horizont. Man sieht die Rigi, den Pilatus, den Titlis und weit in die Berner Alpen hinein. «Diese Weite fehlt uns in der katholischen Kirche, denn wenn es drauf ankommt, kennt sie nur eine einzige Sicht, jene nach Rom», klagt Claudia. Für ihren Bräutigam steht fest: «In der Kirche, die uns einst viel bedeutete, haben wir keinen Platz mehr.» Was soll ich in dieser Situation als Pfarrer tun? Das Paar wegschicken, nur weil die Vorschriften ihrer Kirche die beiden befremden? Claudia und Peter gehören zu jenen 90 Prozent Brautpaaren, die ich ohne Bezug zu einer Kirche traue.

Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament, sage ich den beiden. «Was ist das, ein Sakrament?» Sie haben keine Ahnung. Meine theologischen Ausführungen lösen nur ein Kopfschütteln aus. Ich fühle mich verpflichtet, sie auch über das Kirchenrecht zu informieren. Also erkläre ich: «Soll eure Ehe von der katholischen Kirche anerkannt werden, habt ihr ein Ehedokument zu unterzeichnen und zudem um die bischöfliche Dispens zu bitten, dass ich als reformierter Pfarrer euch gültig trauen darf.» Jetzt reagieren Claudia und Peter ungehalten: «Was sind das für lebensferne Ideen und Bestimmungen! Sakrament und Ehedokument können unsere Ehe weder stärken noch könnten sie sie retten!» Mir wird klar: Die Kirche wird auch bei dieser Trauung keine Rolle spielen.

Reformierte Pfarrer neigen zu frommen Worthülsen

Warum engagieren Claudia und Peter nicht einen Ritualbegleiter? Ein solcher wäre im Internet leicht zu finden. Beide reagieren emotional: «Wir haben dich doch bei der Trauung unserer Freunde erlebt. Sie reden heute noch vom Stein, den du ihnen zur Trauung geschenkt hast.» Auf die Idee eines Steins kam ich wegen seiner symbolischen Dynamik. Einmal ins Wasser geworfen, schlägt er Wellen. Eine Ehe, die ihre Lebendigkeit erhalten will, muss in Bewegung bleiben, soll der Zauber des Anfangs nicht einschlafen. Der Stein liege bei ihren Freunden an einem vertrauten Ort. Er sei schon zweimal erfolgreich zum Einsatz gekommen, freut sich Claudia über die Kraft dieses Symbols.

Bewusst nehme ich nur sechs Trauungen im Jahr an. Ich will nicht zum Funktionär verkommen. Als solcher verlöre ich genau das, was eine Trauung ausmacht, die die Leute bewegt. Auch wenn ich Pfarrer bin, erreiche ich ein Brautpaar und seine Gäste nur, wenn ich als Mensch zu ihnen spreche und mit ihnen feiere. Als Rollenträger aufzutreten, ist tödlich. Hier liegt einer der Gründe, warum Paare keine kirchliche Trauung wollen. Noch schwerer ins Gewicht fällt die Sprache. Katholische Priester reden oft in einer sakralen Sprache, die niemand versteht, auf die Brautleute ein. Reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer neigen eher zu frommen Worthülsen. Mit der gebetsmühlenartigen Beschwörung «Gott ist die Liebe» kann weder das Brautpaar etwas anfangen, noch erreicht eine derartig hohle Chiffre dessen Gäste. Es sind präzis solche theologischen Leerworte, welche die Menschen von den Kirchen entfremden. Wer weiss schon, ob Gott die Liebe ist. Es geht doch um das Wunder der Liebe zwischen Menschen. Ein junges Ehepaar ist aber offen, wenn ihm der Prediger dazu ein paar Bausteine mit auf den Weg gibt, die aus der alltäglichen Erfahrung stammen und deswegen hilfreich sein können.

Aber Steine allein können nicht das Herzstück einer christlichen Trauung bedeuten. Ich bin denn auch als Pfarrer nicht bereit, für jeden Gag bloss den Grüssaugust zu spielen. Ohne Bezug zu Jesus und zu einem biblischen Text geht gar nichts. Sie müssen im Traugottesdienst einen prominenten Platz einnehmen. Dieses nicht verhandelbare Kriterium rechtfertigt es denn auch, eine Trauung ausserhalb der kirchlichen Strukturen christlich zu nennen. In all den Jahrzehnten ist es einmal vorgekommen, dass die Brautleute ausdrücklich keinen Bibeltext wollten. Ich habe die Trauung abgelehnt. Dieser Fall zeigt aber, wie die Figur Jesu und die Bibel im Leben junger Menschen kaum mehr eine Rolle spielen. Gerade darin liegt jedoch eine grosse Chance. Ich packe sie bei jedem Traugespräch. Mir geht es darum, dem Brautpaar Jesus als Humanisten mit lebensnahen Impulsen auch für das 21. Jahrhundert nahezubringen.

«Ich bin als Pfarrer nicht bereit, für jeden Gag bloss den Grüssaugust zu spielen». Bild: Nils Riedweg

Auch Claudia und Peter staunen, wenn ich ihnen ein ganz anderes Verständnis des schwierigen Begriffs «Auferstehung» erkläre. Peter verwirft die Hände: «Jesus soll lebendig wieder aus seinem Grab gekommen sein? Das ist doch Humbug.» Der Unmut ist verständlich. «Jesus ist im Grab verwest, wie jeder andere Mensch auch.» Meine Aussage schockiert die beiden. Ich präzisiere: «Auferstehen bedeutet aufstehen gegen Macht, Korruption, Freiheitsberaubung und ruft zugleich auf, sich für gerechte Lebensverhältnisse zu engagieren. Das hat Jesus in seinem nur kurz dauernden Leben versucht. Deshalb gilt er als grossartiger Humanist.» Auferstehung so zu verstehen, begeistert die beiden. «So kann ich selber etwas tun und muss nicht einfach passiv eine religiöse Behauptung für wahr halten», realisiert Peter.

Ihr Bergbauernhof im Bündnerland soll es sein. Dort wollen sich Claudia und Peter das Jawort geben. Im Stall. Schön hergerichtet haben sie ihn. Strohballen statt der Kirchenbänke. Überall leuchtende Sonnenblumen. Draussen regnet es in Strömen. Das tut der Stimmung keinen Abbruch. Anstatt der Kirchenglocken laden ein paar Freunde des Brautpaares die Gäste mit Kuhglocken zum Traugottesdienst. Eine Bündner Ländlerkapelle eröffnet die Feier. Wie abgesprochen quittiert ein Hund, der sich unbemerkt am Eingang postiert hat, mit lautem Bellen meine Begrüssungsworte.

Entspanntes Gelächter. Dann wieder feierliche Stimmung. Mit dem Text aus der Bibel wird klar: Claudia und Peter bekennen öffentlich, ihre Ehe auf das Fundament Jesu zu stellen. Dieser sprach stets Klartext: «Ihr wisst, die Herrscher tyrannisieren ihre Völker, und wer Macht hat, lässt es die anderen spüren. Aber so soll es bei euch nicht sein.» In meiner Predigt entfalte ich die Kraft einer herrschaftsfreien Partnerschaft. Bausteine hierfür sind eine nie versiegende Bereitschaft, dem Partner zuzuhören, die ehrliche Aufarbeitung von Konflikten, die gegenseitige Anerkennung von Unzulänglichkeiten und die Weisheit, dass es nicht nur eine einzige Wahrheit gibt.

Der Institution statt der Intuition verpflichtet

Beim Apéro im nahe gelegenen Restaurant nimmt mich eine Frau am Arm: «Ich bin seit vierzig Jahren verheiratet», sagt sie, «diese Feier hat mein Herz berührt. Bei unserer Trauung hat der Pfarrer gegen hundertmal die Liebe Gottes beschworen. Wäre er doch mit seinen Gedanken nur vom Himmel auf die Erde heruntergestiegen und hätte von der beglückenden Liebe zwischen Mann und Frau erzählt.»

Geistliche beider Kirchen verstecken sich allzu oft hinter ihrem Amt. Das hat leider Konsequenzen. Der Mensch in ihnen bleibt auf der Strecke. Sie fühlen sich der Institution verpflichtet statt ihren Intuitionen. In ihren Predigten geben sie Floskeln von sich, die niemanden zu berühren vermögen. Warum orientieren sie sich nicht an Jesus, den sie doch dauernd verkünden? Er ist ein grandioses Beispiel. Frei von jeglichem Amt lebte er als Mensch unter Menschen und ging auf ihre Anliegen persönlich ein. Darum suchten sie seine Nähe. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.09.2018, 21:11 Uhr

Berufsverbot nach Heirat

Der 71-jährige Josef Hochstrasser war katholischer Pfarrer, bevor er wegen der Heirat mit seiner Frau Elisabeth ein Berufsverbot erhielt. Ab 1989 arbeitete er als reformierter Pfarrer, daneben unterrichtete er bis 2012 als Lehrer für Religion und Weltreligionen an der Kantonsschule Zug. Hochstrasser ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien von ihm «Die Kirche kann sich das Leben nehmen – Zehn Thesen nach 500 Jahren Reformation».

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