Warum viele Teen-Idole scheitern

Harry Styles hat seine ­Boygroup-Karriere hinter sich ­gebracht – und ist nun ein Popstar für alle. Doch das gelingt nicht allen.

Harry Styles heute. Fotos: Luke MacGregor, Getty Images

Harry Styles heute. Fotos: Luke MacGregor, Getty Images

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Er lebt die Zeit seines Lebens: Harry Styles strahlt vom Cover des amerikanischen Popkulturheiligtums «Rolling Stone», er unterhält blendend in «Saturday Night Live», und er erinnert mit seinen Auftritten an die Gross-Entertainer Marke Elton John oder Freddie Mercury.

Da passt es auch, dass er zwanglos vom Konsum von psychedelischen Pilzen berichten kann, von seinem Aufenthalt in Malibu und seinem zweiten Album «Fine Line», das nächsten Freitag erscheint und in dem sich alles um Sex und das Traurigsein dreht. Kurzum: Bei diesem 25-Jährigen aus der englischen Provinz sieht das Showbusiness wie ein lustvolles Spiel aus. Eines, in dem seine Vergangenheit keine Rolle spielt.

Noch vor vier Jahren war Harry Styles ein anderer. Einer, der abseits der Kinderzimmer bloss belächelt wurde. Denn Styles war Mitglied von One Direction, der erfolgreichsten Boygroup der Welt. Sie übernahmen damit das Zepter von Vorgängern wie New Kids on the Block, Take That, den Backstreet Boys oder *NSync.

Harry Styles 2013.

Doch in der Karriere jeder Boygroup kommt unweigerlich jener Moment, in dem die Jugend zu Ende ist und alles auseinanderfällt. Die hochgehaltene Euphorie, die Fassade des Unschuldigen implodiert dann – und weicht nicht selten einer Depression. Der Absturz in die Niederungen des jugendsüchtigen und gnadenlosen Showgeschäfts ist da nie weit. Denn Pop beinhaltet ja auch das Versprechen vom ewigen Jungbleiben.

Es wimmelt von Teenage-Stars, die untergegangen sind

Auch deshalb wimmelt es in der Geschichte des Pop von Teenage-Stars, die untergegangen sind – oder beinahe untergingen, sobald das Rampenlicht und die Erfolge ausgeblieben sind. So wie Nick Carter, der ewig junge Backstreet Boy, der nächstes Jahr auch bereits vierzig Jahre alt wird und der nach dem Ende der Hochphase der Gruppe jahrelang alkohol- und drogensüchtig war. So wie Liam Payne, der One-Direction-Kollege von Harry Styles, der Zuflucht im Alkohol gefunden hatte und eben sein Solodebüt veröffentlicht hat.

So wie auch Robbie Williams: Nach seinem dramatisch beweinten Take-That-Ausstieg wurde er fett und kokainsüchtig, ehe der Entertainer in Europa zu einem der prägenden Popstars der Nullerjahre wurde.

Justin Bieber schrieb, dass er mit 18 zwar Millionen hatte, aber in der echten Welt nicht klarkomme. 

Noch dramatischer wird es bei jenen Heranwachsenden, die bereits in sehr frühem Alter zu Popstars wurden. So steht seit zehn Jahren das Leben von Justin Bieber unter besonderer Beobachtung. Die Öffentlichkeit ist immer zur Stelle, wenn der ehemals so süsse Sänger des Welthits «Baby» wieder einmal eine Eskapade hingelegt hat.

Welche Tiefen Justin ­Bieber nach dem Ende der Kindheit durchlebt hat, führte er im Herbst auf Instagram aus. Er schrieb, dass er mit 18 zwar Millionen hatte, aber in der echten Welt nicht klargekommen sei. Das brachte ihn bis zu jenem Punkt, an dem er nicht mehr leben wollte.

Justin Bieber 2009.

Wo das alles hinführt? Im Zeitalter von Social Media hat der Druck, der auf den Stars lastet, jedenfalls noch einmal zugenommen. Sie müssen über die verschiedensten Kanäle mit den Fans ­kommunizieren und ihrem Image via Livestream gerecht werden, 24 Stunden am Tag.

Lebensgefährliche Züge hat eine Popstarkarriere in Südkorea angenommen, wo die manische Online-Fankultur besonders ausgeprägt ist. Das war für einige zu viel: Innerhalb der vergangenen zwei Monate nahmen sich gleich drei K-Popstars das Leben – zerstört vom Druck und den Erwartungen, die sie nicht mehr erfüllen konnten.

Selbst dann, wenn eine Teenager-Karriere künstlerisch wie kommerziell glatt verläuft, werden kleinste Details skandalisiert. Das musste in dieser Woche die 17-jährige Billie Eilish erfahren: In der Late-Night-Show des US-Talkmasters Jimmy Kimmel bekannte die Pop-Überfliegerin des Jahres, dass sie nicht wisse, wer die Hardrock-Band Van Halen sei. Diese lässliche Bildungslücke sorgte für Empörung auf Twitter. Immerhin wurde Billie Eilish in zahlreichen Meinungsstücken verteidigt; eine 17-Jährige muss eine Band nun wirklich nicht kennen, deren Superhit «Jump» bereits 36 Jahre zurückliegt.

Billie Eilish 2019.

Eilishs Beispiel mag eine Bagatelle sein, die ein Popstar aushalten muss. Doch es zeigt auch, dass trotz allen Verständnis- und Schwäche-zeigen-Diskursen, die spätestens seit dem vergangenen Jahr geführt werden, nichts verziehen wird. Noch immer sieht eine breite Öffentlichkeit lieber dem Scheitern als dem Triumph zu, noch immer feiert man lieber die Blamage, zumal dann, wenn diese in einer hochkommerziellen Welt wie jener des Pop stattfindet.

Styles verbindet die Millennials mit ihrer Elterngeneration

Harry Styles ist jener Sphäre der Missgunst, die Kinder- und Teen-Stars besonders heftig spüren, bereits entkommen. Beinahe bruchlos ist er zum Popstar für alle aufgestiegen – mit Rollen wie im Kriegsfilm «Dunkirk», aber auch mit seiner ersten Solosingle.

In der knapp sechsminütigen Klavierballade «Sign of the Times» verzichtete Styles vor zwei Jahren auf flüchtige Zeitgeist-Elemente und schrieb sich mit einem klassisch gehaltenen Klangbild in den kalifornisch geprägten Classic-Rock-Kanon ein, als wärs das Leichteste auf der Welt. In der Folge performte Styles an der Seite von Fleetwood Mac und rang sogar dem missgünstigen Knurrer Van Morrison ein gelöstes Lachen ab. Und auch seine neuen, sonnig klingenden Songs suchen nicht den schnellen Effekt.

Neben diesen Anknüpfungspunkten zur Popvergangenheit ist Harry Styles aber eine Figur der Gegenwart. Seine jungen Fans sind immer noch dabei bei seinen Shows, an denen er zum Nett- und Freundlichsein aufruft, ganz so, wie dies andere Jungstars wie Lewis Capaldi auch machen. Es passt auch, dass sich Harry Styles sexuell nicht festlegen will und nicht zuletzt nach seinem «Saturday Night Live»-Auftritt als queere Ikone gefeiert wurde. Er lässt so Raum für Uneindeutigkeiten, die wiederum Aufmerksamkeit generieren.

Harry Styles schafft so das, was derzeit fast niemandem gelingt: Er verbindet die Millennials mit ihrer Elterngeneration. Hat hier jemand «Okay, Boomer» gesagt?

Harry Styles: «Fine Line» (Columbia/Sony)



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Erstellt: 07.12.2019, 17:59 Uhr

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